Eine Möwe stieß herunter, an ihnen vorbei, auf den Fisch zu.
»Nein, nicht!« schrie Gaby und schlug nach dem Vogel. Plötzlich weinte sie. »Das wirst du nicht, du Mistvieh!«
Die Möwe erhob sich, kreischte empört und flog stromabwärts zu leichterem Fang. Als spürte das Alsenweibchen die eben vorbeigegangene Gefahr, schoß es aufwärts, sprang empor, wurde jedoch unbarmherzig zurückgeschlagen. Diesmal warf es sich ohne zu rasten sofort noch einmal vor und schleuderte sich durch das herabstürzende Wasser empor. Oben hing es einen Augenblick am Rand in der Schwebe, wand sich hin und her und platschte dann über ihn hinweg in das stille Wasser auf der anderen Seite.
Gaby weinte noch immer.
Nach einem Augenblick krampfte sich der Schwanz zusammen, krümmte sich in triumphierender Ekstase, und der Fisch verschwand im tiefen Wasser des Tümpels.
Adam preßte Gaby fest an sich.
»Adam«, sagte sie in seine Schulter hinein. »Ich will ein Kind haben.«
»Warum nicht.«
»Wirst du es mich haben lassen?«
»Wir heiraten sofort. Heute noch.«
»Und dein Vater?«
»Wir müssen unser eigenes Leben leben. Solange ich es mir nicht leisten kann, für euch beide zu sorgen, wird er sich einfach um sich selbst kümmern müssen. Ich hätte das schon früher wissen müssen.«
Er küßte sie. Ein zweiter Hering plumpste über den Rand, und flitzte die letzte Stufe hinauf, als fahre er in einem Lift.
Wieder lachte und weinte sie gleichzeitig. »Du hast überhaupt keine Ahnung«, sagte sie. »Man muß drei Tage warten, um heiraten zu können.«
»Wir haben massenhaft Zeit«, sagte er und dankte Gott und dem armen Fisch.
Am Dienstagmorgen ging sie den Beacon Hill hinunter und über den Fiedler-Steg zur Esplanade, wo ihrem Gefühl nach alles begonnen hatte. Am Flußufer öffnete sie die Handtasche und nahm die Pillenschachtel heraus. Sie warf sie, so weit sie nur konnte, und das falsche Perlmutter blitzte in der Sonne, bevor es auf das Wasser traf. Es war ein miserabler Wurf, aber er diente seinem Zweck. Sie setzte sich auf eine Bank am Ufer und dachte vergnügt an die kleine Schachtel in dem sanft dahinströmenden Wasser des Charles River. Vielleicht würde sie von Zeit zu Zeit von einer Wasserschildkröte oder einem Fisch angestoßen werden. Vielleicht würde sie von den Strömungen der Gezeiten in den Bostoner Hafen hinausgetragen und in ferner Zeit von jemandem am Quincy-Strand gefunden werden, zusammen mit Seeigeln und Muscheln, dem Gehäuse einer Krabbe, dem Kiefer eines Hundshais und einer vom Sand abgewetzten, einsatzpflichtigen Coca-Cola-Flasche, und man würde sie irgendwo unter Glas legen als Überbleibsel des Homo sapiens aus undenklich grauer Vorzeit, bis ins zwanzigste Jahrhundert zurück.
Am selben Nachmittag klopfte Bertha Krol zum erstenmal an Gabys Tür und gab die Pflanze ebenso stumm, wie sie sie entgegengenommen hatte, zurück, als hätte sie gewußt, daß es ein Hochzeitsgeschenk war. Sie hatte die Avocado nicht aus dem Fenster geworfen, auch hing das Laub nicht mehr schlaff herunter. Aber nichts in der Welt brachte sie zum Sprechen, als Gaby sie fragte, womit sie die Pflanze genährt hatte. Mit Bier, meinte Adam.
Sie wurden am Donnerstagvormittag getraut, mit Spurge-on und Dorothy als Brautzeugen. Als sie vom Rathaus heimkamen, riß Gaby als erstes den Klebestreifen unter dem Briefkasten ab, der ihren Mädchennamen trug. Der fehlende Streifen hinterließ eine blasse, nicht verwitterte Stelle, die sie liebte, solange sie in der kleinen Wohnung in der Phillips Street lebten.
Kurz danach arbeitete Adam eines Abends im Tierlabor, als Kender auf eine Tasse Kaffee hereinkam.
»Erinnern Sie sich noch an ein Gespräch, das wir einmal hatten, über das Erhalten des Lebens bei einem Patienten mit einer tödlichen Krankheit?« fragte ihn Adam.
»Ja, ich erinnere mich gut«, sagte Kender.
»Sie sollen wissen, daß ich meine Ansicht geändert habe.«
Kenders Augen glänzten vor Neugierde, er nickte, fragte jedoch nicht, was Adams Meinungsänderung bewirkt hatte. Sie saßen und tranken Kaffee in freundschaftlichem Schweigen. Adam fragte nicht nach der Dozentur, die er jetzt nicht nur haben wollte, sondern auch unbedingt brauchte, um da arbeiten zu können, wo bessere Männer als er mit allen Mitteln für Gaby kämpfen konnten.
18
RAFAEL MEOMARTINO
Meomartino hatte das Gefühl, daß sich die Atome seines Lebens in einer Art und Weise umordneten, über die er wenig Kontrolle hatte. Er traf sich mit dem Privatdetektiv in einer Pizzeria in der Washington Street, und sie wickelten ihr Geschäft bei salzigenlinguini marinara und geharztem Wein ab.
Kittredge hatte herausgefunden, daß Elizabeth Meomar-tino wiederholt zu einem Wohnhaus am Memorial Drive in Cambridge fuhr.
»Aber wissen Sie, ob sie sich dort mit jemandem getroffen hat?«
»Ich folgte ihr nur bis zu dem Haus«, sagte Kittredge. »Ich wartete sechsmal draußen, als sie hineinging. Ein paarmal fuhr ich im Lift mit ihr, als wohnte ich dort. Es ist ein sehr gutes Haus, Leute in selbständigen Berufen, oberer Mittelstand.«
»Wie lange bleibt sie?«
»Das ist verschieden.«
»Wissen Sie die Nummer der Wohnung?«
»Nein, noch nicht. Aber sie steigt immer im vierten Stock aus.«
»Nun, das sollte uns weiterbringen«, sagte Meomartino.
»Nicht unbedingt«, sagte Kittredge geduldig. »Sie könnte von dort in den fünften Stock weiterfahren oder auch einen Stock tiefer gehen.«
»Weiß sie, daß Sie ihr folgen?«
»Nein, da bin ich ganz sicher.«
»Nun, nehmen wir an, sie fährt in den vierten Stock«, sagte er angewidert und begann den Professionalismus des Detektivs zu verachten. »Sie ist schließlich keine versierte internationale Spionin.«
»Schön«, sagte Kittredge. Er nahm sein Notizbuch heraus. »Am besten, ich lese Ihnen die Namen der Leute vor, die in dem Stockwerk wohnen, vielleicht sagt Ihnen der eine oder andere etwas.«
Meomartino wartete gespannt.
»Harold Gilmartin.«
»Nein.«
»Peter D. Cohen. Mr. und Mrs. Cohen.«
»Weiter.«
»In der nächsten Wohnung sind zwei unverheiratete Mädchen, Hilda Conway und Marcia Nieuhaus.«
Er schüttelte leicht empört den Kopf.
»V. Stephen Samourian.«
»Nein.«
»Bleibt nur noch einer. Ralph Baker.«
»Nein«, sagte Rafe deprimiert, weil er ein solches Spiel mitmachen mußte.
Kittredge zuckte die Achseln. Er nahm eine getippte Liste aus der Tasche und reichte sie Meomartino. »Hier die Namen aller übrigen Hausbewohner.«
Die Liste las sich wie eine Seite des Telephonbuchs einer fremden Stadt. »Nein«, sagte Meomartino.
»Einer der Leute im vierten Stock, Samourian, ist ein Doktor.«
»Ich höre diesen Namen zum erstenmal.« Er schwieg eine Weile. »Besteht die Möglichkeit, daß sie etwas ganz Gewöhnliches tut, wie etwa zum Zahnarzt gehen?«
»Als Sie Dienst im Krankenhaus hatten, ging sie zweimal um die Mittagszeit nach Hause und kehrte dann in das Haus am Memorial Drive zurück, um dort den Abend zu verbringen.«
»Oh.«
»Soll ich einen Bericht schreiben?« fragte Kittredge.
»Nein. Hetzen Sie mich nicht«, fuhr er ihn an. Auf Ersuchen des Detektivs schrieb er einen Scheck über hundertsiebzig Dollar aus. Und jeder Federstrich fiel ihm schwerer als der vorangegangene.
Am selben Abend um elf Uhr kam Helen Fultz zu ihm.
»Dr. Meomartino«, sagte die alte Schwester.
Sie war blaß und verschwitzt und sah aus, als hätte sie einen leichten Schock erhalten. »Was ist los, Helen?«
»Ich blute sehr stark.«
Er hieß sie hinlegen.
»Haben Sie je die Röntgenaufnahmen machen lassen?«
»Ja. Hier in der Klinik«, sagte sie.
Er schickte um Blutkonserven und um ihre Befunde und Filme. Die Röntgenaufnahmen zeigten kein Geschwür, jedoch ein kleines Aortenaneurysma, eine winzige Auftreibung im Hauptstamm der aus der linken Herzkammer aufsteigenden Aorta. Die Leute an der Klinik hatten das Aneurysma für zu klein gehalten, um die Blutungen hervorzurufen, die ihrem Gefühl nach durch ein Geschwür verursacht wurden, das im Röntgenbild nicht sichtbar war. Man hatte sie einfach auf Diät gesetzt.
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