Jetzt erst verstand sie. »Ich halte dich nicht aus, Adam. Ich bin deine Frau. Du hast zwar gelernt, mir zu geben, von mir zu nehmen aber ist schwerer, nicht wahr?«
Sie nahm seine Hand und zog ihn zu sich herunter. Er legte sein Gesicht zwischen ihre Brüste; der alte Radcliffe-Pullover roch nach Terpentin und Schweiß und dem Körper, den er so gut kannte. Als er hinunterschaute, sah er auf ihrem bloßen Fuß einen Fleck eingetrockneter weißer Farbe; er streckte die Hand aus und schälte ihn ab. Mein
Gott, ich liebe sie, dachte er staunend. Ihre Haut verblaßte. Sie hatte die Bestrahlungen eingestellt, als sie schwanger wurde, und je weiter der Sommer fortschritt, um so bleicher wurde sie, im umgekehrten Verhältnis zu der Sonnenbräune anderer Leute.
Er berührte den warmen runden Bauch. »Sind diese Blue jeans nicht zu eng?«
»Noch nicht. Aber ich werde sie nicht mehr sehr lange tragen können«, sagte sie eine Spur geziert.
Bitte, dachte er. Laß mich noch lange geben und lange nehmen.
»Es wird nicht derselbe sein, aber eines Tages werde ich dir dort unten einen anderen Platz kaufen.«
»Versprich nichts«, sagte sie, seinen Kopf streichelnd, zum erstenmal versucht, ihn zu bemuttern. »Mein Adam. Erwachsen werden tut verteufelt weh, nicht?«
Er kam verspätet ins Krankenhaus, aber es war ein ruhiger Abend, und er verbrachte die erste Stunde in seinem Büro. Er hatte wochenlang auf diese Schicht hingearbeitet und fast alle klinischen Berichte beendet. Jetzt notierte er die letzten Krankengeschichten, und plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, daß in diesen Akten zwölf Monate seines Lebens auf dem Papier standen.
Hinter der Tür warteten vier Kartons von Campbells Soup, die er sich vor drei Tagen im Supermarkt in der Charles Street ausgebettelt hatte; er packte die Bücher und Zeitschriften von den Borden hinein und stand dann mit Grauen vor der Aufgabe, seinen Schreibtisch auszuräumen, jede vollgestopfte Lade, Ergebnisse seines Hamstertriebes. Die Entscheidung, was behalten und was wegwerfen, war schwierig, aber er blieb hart, und der Papierkorb schwoll an. Als letzter Gegenstand aus der letzten Lade tauchte ein kleiner glattpolierter weißer Stein auf, das Geschenk eines Patienten, als er das Rauchen aufgab. Es war ein sogenannter Stress-Stein; wenn man ihn rieb, sollte er die Spannung lösen, die die nagende Nikotinsucht verursachte. Adam war überzeugt, daß er wertlos war, aber Gewicht und Beschaffenheit des Steins gefielen ihm und er nahm ihn als Symbol dafür, daß Dinge Jahrhunderte überlebten. Jetzt allerdings verkehrte sich der Sinn des Symbols: der Stein erinnerte ihn an das Rauchen, und ein hartnäckiger Drang nach einer Zigarette plagte ihn.
Etwas frische Luft würde ihm guttun, entschied er.
Unten im Krankenwagenhof polierte Brady, ein großer magerer Mann, der jetzt Meyersons Stelle einnahm, seinen Krankenwagen liebevoll mit einem Rehleder. »'Abend, Doc«, sagte er.
»'Abend.«
Die Dunkelheit brach herein. Während er dastand, flak-kerten und blitzten die Lichter draußen auf, und fast gleichzeitig kamen große Nachtfalter aus der Finsternis und tanzten um die Glühbirnen. Aus der näheren Umgebung hörte man den Lärm von Knallfröschen, wie Schnellfeuergeknatter aus entfernten Frontabschnitten, und er dachte schuldbewußt und staunend an Meomartino, der einem Ort entgegenreiste, der Bensoi oder Nha Hoa oder Da Nang hieß.
»Bis zum vierten Juli sind es noch vier Tage«, sagte der Fahrer. »Man wüßte es nicht, wären nicht diese dummen Kerle. Noch dazu sind Feuerwerke verboten.«
Adam nickte. Die Patientenzahl der Unfallstation würde wegen des Feiertags gegen Ende der Woche ansteigen.
»He«, sagte Spurgeon Robinson, aus dem Haus zum Krankenwagen eilend.
»Was gibt's Neues, Spur?«
»Ich weiß nur, daß ich soeben meine letzten Fahrten in diesem verdammten Ding absolviere«, sagte Spurgeon.
»Morgen früh bist du ein ausgewachsener Facharztanwärter«, sagte Adam.
»Nun ja. Dazu muß ich dir noch etwas erzählen. Mir ist auf dem Weg zur Facharztanwartschaft etwas Komisches passiert Ich bin aus dem chirurgischen Dienst ausgetreten.«
Es gab Adam einen Stich; er hatte fest an Spurgeons chirurgische Begabung geglaubt. »In welches Fach gehst du?«
»Geburtshilfe. Ich habe gestern Gerstein darum gebeten, und glücklicherweise hat er einen Platz für mich. Kender hat mir seinen Segen gegeben.«
»Warum? Bist du überzeugt, daß du das wirklich willst?«
»Ich weiß, daß ich ohne das nicht leben kann. Ich muß Dinge wissen, die mich die Chirurgie nicht lehren kann.«
»Zum Beispiel?« sagte Adam, bereit, mit ihm zu streiten.
»Zum Beispiel alles, was ich über Empfängnisverhütung lernen kann. Und über den Embryo.«
»Wozu?«
»Mensch, es ist der Fötus, in dem der ganze verdammte Mist verewigt wird. Wenn schwangere Mütter unterernährt sind, entwickeln sich die fötalen Gehirne nicht genügend, um später, nachdem die Babies geboren sind, entsprechend lernen zu können. Und dann steigt die Zahl der Holzfäller und Wasserträger. Wenn ich schon in diese Sache einsteige, dann lieber gleich bis zur Quelle vordringen.«
Adam nickte und mußte sich zugestehen, daß es etwas für sich hatte.
»Hör mal, Dorothy hat eine Wohnung für uns gefunden«, sagte Spurgeon.
»Hübsch?«
»Nicht schlecht. Billig und in der Nähe der Klinik in Roxbury. Wir machen am 3. August ein großes Einstandsfest. Merk dir den Termin vor.«
»Wir kommen, falls nicht etwas in diesem wundervollen Haus passiert, das mich fernhält. Du weißt ja, wie das ist.«
»Ja«, sagte Spurgeon.
Im Krankenwagen brummte der Lautsprecher.
»Das ist für uns, Dr. Robinson,« sagte Brady.
Spurgeon stieg in den Wagen. »Weißt du, was mir soeben eingefallen ist?« sagte er, durch das Fenster herausgrinsend. »Vielleicht kann ich bei der Entbindung deines Babys schon assistieren.«
»Wenn ja, dann pfeife Bach«, sagte Adam. »Gaby liebt Bach.«
Spurgeon sah verletzt aus. »Bach pfeift man doch nicht.«
»Wenn du Gerstein bittest, läßt er dich dort vielleicht ein Klavier aufstellen«, sagte Adam, als der Krankenwagen anfuhr. Er entführte das Gelächter des Spitalsarztes.
Adam lächelte ihnen nach, zu müde und zu zufrieden, um sich zu rühren. Er wußte, daß er die Zusammenarbeit mit Spurgeon Robinson vermissen würde. Wenn in einem großen Lehrkrankenhaus die Dinge brenzlig wurden, konnten die Leute der verschiedenen Stationen genauso gut auf verschiedenen Kontinenten sein. Sie würden einander gelegentlich sehen, aber es würde nicht mehr dasselbe sein; sie waren am Ende eines guten Zwischenspiels angelangt.
Für jeden von ihnen war es aber auch der Beginn von etwas Neuem, und er war überzeugt, daß es etwas Gutes sein würde.
Morgen würden die neuen Spitalsärzte und Facharztanwärter über das Krankenhaus hereinbrechen. Die alte Regierung dankte ab, aber die Herrschaft Kenders begann soeben, und es würde genauso befriedigend sein, unter Kender zu arbeiten, wie unter Longwood, genauso schwierig und herausfordernd, wann immer die Exituskonferenz zusammentrat. Morgen würden alle Leute des Stabs da sein, und diesmal gehörte er zu ihnen. Er würde die Hausärzte in der Abteilung und im Operationssaal bis September Chirurgie lehren, bis seine ersten Studenten in der Medizinischen Schule eintrafen.
Er stand in dem leeren Hof, rieb den Stress-Stein und dachte an die entscheidende erste Unterrichtsstunde und an alle folgenden Vorlesungen, ein Band, das ihn künftig mit Männern wie Lobsenz und Kender und Longwood verknüpfen würde. Er erinnerte sich leicht verlegen, daß er Gaby ungeheuere Leistungen seitens der Medizin versprochen hatte, Lösungen für Probleme wie aplastische Anämie und ordinären Schnupfen. Und dennoch war es nicht unwahrscheinlich, daß er durch die namen- und gesichtslosen jungen Ärzte, deren Leben er beeinflussen würde, vor eindrucksvollen Errungenschaften stehen konnte. Ich habe Gaby nicht angelogen, dachte er, als er sich umdrehte und in das Gebäude zurückging.
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