Gustav Freytag - Die Ahnen
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»Versteht ihr nicht Worte der Sorbenkrieger, ihre Schläge habt ihr doch oft gefühlt.«
»Fünf Panzer von Linnen und fünf krumme Schwerter, die Beute der Walstatt, zähle ich an der Wand meiner Halle, meinst du, daß deine Krieger gutwillig sie boten ohne Hiebe?«
»Mancher schleicht spähend beim Mondschein über die Walstatt, hinter den Wölfen sucht er den Raub und trägt bleichwangig und zagend die Habe erschlagener Helden sich heim in den Rauchfang«, versetzte Ratiz.
»Ist dir‘s verleidet, die Gefallenen zu zählen, die mein Schwert auf dem Rasen zurückließ, so zähle die Wunden derer, die leben. Mehr als einer von deinen Kriegern rühmt sich der Narben, die er mir verdankt.«
»Grund haben sie alle, dein Schwert zu preisen,« spottete Ratiz, »denn leicht heilten die Ritze, und sie lachen der Narben.«
»Schnellfüßige Läufer trifft leise der Schwertschlag, nur wer selbst starke Hiebe spendet, empfängt das gleiche Gastgeschenk«, versetzte Ingram.
»Gut sprichst du, Held,« rief Ratiz, »denn selbst birgst du nah am Herzen die Gastgeschenke, welche Sorbenschwerter dir schlugen.« Er winkte, sie tranken und stürzten die Becher.
Wieder füllte der Alte, und höflicher begann Ratiz: »Vergebens ist es, dich Held mit harten Worten zu necken, noch ist der Metkrug gefüllt und Zeit zu freundlicher Rede. Laß uns rühmen, was jedem das Liebste auf Erden ist. Vor allem gefällt mir der Herrensitz auf dem Hügel, um mich die Hütten der Krieger und vor mir, so weit das Auge reicht, die Rinderweide, die mein Schwert gewann.«
»Was das Schwert gewann, mag das Schwert verlieren; weiter als die Rinderherde schreitet und die Grenzzeichen ragen, reicht der Ruhm des tapferen Mannes«, versetzte Ingram.
»Ruhm gewinnt, wer Land gewinnt«, rief Ratiz.
»Ruhm gewinnt auch, wer sein Heimatland gegen den fremden Einbrecher verteidigt«, antwortete Ingram. »Ungleich ist unser Los. Ich stehe auf dem Erbe meiner Väter, du aber mühst dich um geraubtes Land.«
»Höher achte ich den wilden Stier, der mit seiner Herde über den Erdboden schweift, als die Jochkuh im Pferch«, rief Ratiz.
»Solange die Weisen gedenken, saß mein Geschlecht auf freiem Erbe,« sprach Ingram, »du aber kamst ostwärts aus der Fremde und niemand weiß woher.«
»Mein Volk weiß es«, versetzte der Sorbe stolz. »Dennoch tadle ich deinen Trotz nicht, denn wohlbekannt ist dein Name bei Freund und Feind. Gefällt dir‘s, Held, so verkünde uns die Abenteuer, die du erlebt.« Er bat so, um dem anderen die Redelust zu wecken.
Aber Ingram mied die Versuchung und versetzte: »Was ich erlebte, das wißt ihr wie ich, denn mein junges Leben haftete stets in der Heimat, und gewann ich Ruhm bei den Meinen, so war‘s nur in den Kämpfen mit euch, weil ich fest stand neben meinen Freunden und gegen euch als ehrlicher Feind.«
Wieder füllte der Alte die Becher.
»Oft rühmen meine Krieger«, begann Ratiz spottend, »deine erste Beutefahrt im Walde, damals als du dem Fuchse gleich nach Honigwaben ins Holz schlichest. Du hörtest die Bären und krochst hinauf in die Äste, unten schmausten die Bären den Honig, dich aber stachen die Bienen dahin, wo du saßest. Und heute noch hingst du, von den Speeren der Bienen zerstochen, am Aste, hätte dich nicht Bubbo, der Waldmann, erlöst.«
»Dafür liegen jetzt die Felle der Bären an meinem Herde«, versetzte Ingram lachend. »Wie gelang es dir doch damals, Ratiz, mit deiner Heldenfahrt, als du auszogst auf die Freite, um ein Weib der Thüringe zu gewinnen? Die Dorfknaben überfielen den Hof, in dem du lagertest, und als sie mit Schwertern die Hütte durchsuchten, entfloh deine Schar, du selbst aber bargst dich bedrängt in dem Backtrog, den die Weiber über dich stürzten, und Weizenteig hing in deinem Barte, als du schwertlos entrannst. Gern erzählen unsere Mägde am Herde von deinem harten Lager unter dem gehöhlten Holz.«
Finster packte Ratiz seinen Becher und stampfte ihn auf den Tisch. »Nützlicher war mir das gelungene Entrinnen als deinen Gesellen das fruchtlose Suchen.« – Er drückte seinen Grimm eine Weile schweigend hinab, dann rief er höhnend: »Höre dafür, was die Wila, die Schicksalsfrau der Sorben, mir einstmals sang.« Und er begann nach der Weise seines Volkes zu singen: »Alles wird dir wohlgelingen auf dem Felde, bei dem Trinkkrug, doch die allergrößte Freude sollst du haben, wenn ein fremder ungeschlachter Hüne in dein Lager dringt. Grob sind seine Worte und Gebärden, als ein armer Schlucker kommt er ungeladen und er bettelt um ein Weib für seinen Herdsitz. Doch du wirst ihn wohl empfangen, höflich zu dem Becher laden, aber enge ist sein Schädel, Starkes kann er nicht vertragen. Hast du ihn in Met berauscht, bind ihm klug das Bein mit Seilen, scher ihm dann das Haar vom Haupte, setz‘ ihn vor die Tür der Halle, daß die Weiber seiner lachen und die Kinder ihn bewerfen.«
Ingram versetzte finster: »Ich aber hörte eine Sage erzählen von Däumling, dem ruhmvollen Helden, den sie Gernegroß nannten. In dem Sandhaufen höhlte er sich mit den Händen seine Burg und deckte die Feste mit Stroh, das er von der Tenne mauste. Er sah von seiner Halle über die Maulwurfshügel und rühmte sich: alles ist mein, soweit mein Auge reicht, keinen stattlicheren Helden kenne ich auf Erden, nur eines fehlt mir zu meinem Glück, ich sende die Boten zum Hofe des Königs, daß ich Herzog werde über die Maulwürfe und Mäuse des Feldes. Da kam ein Bauer, und mit hartem Fuß zertrat er unversehens die Burg, und Held Däumling entfloh in ein Rattenloch und wand die Hände in Kummer.«
Der Sorbe fuhr mit der Hand nach der Schwertseite und griff heftig umher, als er die Waffe nicht fand; Ingram aber lachte laut über das vergebliche Suchen.
Wieder und wieder füllte der Alte. Dem Ratiz schwammen die Augen, und seine Hand wurde unsicher, wenn sie den Becher faßte. Er merkte die Gefahr und dachte schlau darauf, den Gegner zu verwirren. »Lustig sitzen wir hier im Gefecht der Zungen, lieblicher schlürft sich der Met, wenn wir mit unseren Augen auf das Weib schauen, welches der Preis des Siegers sein wird. Führt das Frankenweib her, daß wir uns am Anblick ergötzen.« Zwei seiner Genossen sprangen auf und eilten der Tür zu.
Ingram schlug auf den Tisch. »Unbillig störst du das Spiel, denn traurig ist es mir, die Tochter eines werten Mannes als Sklavin unter den Feinden zu schauen.«
»Lösen willst du sie doch, du starker Zecher, hast du Kraft, so erweise sie jetzt. Umbindet ihr nicht die Hände mit den Weiden, damit der Gast sie ohne Kränkung der Seele betrachte.«
Ingram sah finster vor sich nieder und schwer wurde ihm das Haupt; die Männer schritten hinaus und führten das Mädchen in die Halle der Schweigenden. Walburg blieb an der Tür stehen, und ihr Blick umwölkte sich, als sie auf Ingram sah, auf die Trinker und die gleichen Becher. »Tritt näher, Frankenkind,« begann Ratiz, »denn um dich geht der Streit, ohne Schwertkampf der Helden sollen die Götter entscheiden. Im Maserholz schwenken wir deine Lose, ob du heimziehst mit Held Ingram, oder ob ich dir eine Hütte baue und ein Lager darin breite für dich und mich, wie ich hoffe.«
Empört rief das Mädchen dem Thüring zu: »Einen besseren Helfer habe ich mir erkoren, schmachvoll wäre mir die Lösung durch den Trinkkrug. Denke nicht, Ingram, dir ein Weib durch Met zu gewinnen, übe den Heidenbrauch um Sorbenmädchen, nicht um mich.« Sie wandte ihm den Rücken, trat in die Ecke, in welcher Gottfried saß, kniete an seiner Seite nieder und verbarg das Gesicht mit den Händen. Heiße Röte stieg in das Gesicht Ingrams, da sich das Weib verachtend von ihm wandte, undeutlich merkte er das höhnende Lachen der Slawen, er erhob sich vom Stuhl und rief in ausbrechendem Zorn: »Falsch war das Spiel und verflucht sei der Becher, den ich noch trinke.« Er schleuderte den Becher auf den Boden und zugleich mit dem Holze sank er selbst in schwerem Fall. Wilder Jubelschrei der Sorben durchtönte die Halle, sein Helfer, welcher das Schwert gehalten, trat zu ihm und gebot: »Tragt ihn unter mein Dach, damit ich ihm meine Treue erweise und ihn bei seiner Waffe bewahre.«
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