Gustav Freytag - Die Ahnen
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»Fürwahr als ein unkriegerischer Mann fragst du: hoffst du, daß Willihalm in dem Grabe, das ihr ihm geschaufelt, Ruhe finden wird, wenn ein Sorbe auf seinem Leibroß reitet? Soll er zu Fuß wandeln über den Wolkenstieg, und wenn die Helden in der Nacht reiten, hinter ihnen herlaufen wie ein Troßbube?«
Gottfried bekreuzigte sich. »Im Himmel der Christen bedarf es eines Roßgespenstes nicht.«
»Er war ein Kriegsmann, wenn er auch Christ war«, versetzte Ingram stolz. »Was aber will der Slawe von der Gunst deines Bischofs?«
»Vielleicht will er Grenzgraf der Franken werden und über dem Sorbendorf seine Burg bauen«, versetzte Gottfried lächelnd.
Ingram stieß einen Fluch aus. »Und ihr möchtet ihm dazu helfen?«
»Du weißt, daß er Christen erschlagen und geraubt hat«, antwortete Gottfried.
In der Halle war lange Beratung und heftiger Zank der Männer. Endlich lud der Weißbart zum Eintritt. Wieder hob Ingram den Becher empor, aber die Sorben wandten die Blicke ab. Ratiz begann: »Unmäßig sind die Gaben, die ihr für euren Bischof fordert, aber meine Edeln wollen Spende um Spende geben, ohne viel zu schatzen. Die Gefangenen, welche noch nicht geteilt sind, sollt ihr als Gegengabe nehmen, dazu ein Rind, dreijährig, von fetter Weide. Nur zwei Häupter weigern wir euch, Walburg und Goldfeder, den Falben. Die Magd ist ein Ehrengeschenk meines Volkes für mich, und das Roß steht im Stalle des Helden Slavnik, welcher mir der nächste ist an Ehren und Schlachtenruhm. Ihr bringt das Geschenk nach eurer Wahl, wir senden das unsere ebenso.«
»Herr Winfried hat mit seiner Hand den Leib des Franken Willihalm bestattet und an seinem Grabhügel gelobt, für die Kinder zu sorgen,« antwortete Gottfried, »bedenke, Herr, du würdest ihm nicht freundlichen Sinn erweisen, wenn du das Christenweib zurückhieltest.«
»Nur um des Weibes willen nahm ich den Becher von dem Fremden und ließ mir gefallen, seinen Boten zu geleiten, und vor den anderen suche ich das Weib bei dir«, rief Ingram zornig.
»Darum also bist du in das Haus meiner Frauen gedrungen«, versetzte der Sorbe lauernd. »So höre meine letzten Worte: die Knaben entsende ich dem Bischof, das Weib bleibt mein. Widerstehst du dem Tausch, dann enthebe dich mit dem Becher, zu lange hast du in unserem Lager geweilt, und achte darauf, daß du ihn wohlbehalten heimwärts bringst. Ohne Geleit bist du gekommen, und ohne Geleit scheidest du.«
»Was sinnst du auf heimlichen Überfall im Walde; fürchten die Sorben den Kampf auf offenem Felde?« rief Ingram. »Hier stehe ich, du listiger Mann, und erbiete mich, um das Weib zu kämpfen gegen jeden deiner Krieger, ja gegen zwei. Stelle gegen Ingraban und den Raben zwei deiner besten Krieger auf den stärksten Sorbenrossen, und die Götter walten des Sieges.«
Auf diese Herausforderung sprangen die Sorbenkrieger von ihren Bänken und ihr Geschrei schwirrte durch die Halle, aber der Häuptling zwang sie mit einer Handbewegung auf die Sitze zurück und versetzte: »Manche rühmen die Kraft deines Armes, aber durchaus nicht rühmen kann ich den Sinn deiner Rede. Töricht wäre ich, wenn ich meine Krieger auf das Kampffeld senden wollte, um etwas zu erwerben, was ich bereits durch Speer und Roß gewonnen habe. Und wenig Ehre wäre es meinen Helden, wenn sie um eine kauernde Sklavin im Ringe kämpften. Einen anderen Kampf biete ich dir, der im Frieden besser geziemt. Ich höre, daß du des Bechers kundig bist, wie dem Manne gebührt, auch mich hat nicht leicht ein Gegner beim Trinkkruge gefällt. Wohlan, laß uns unsere Kraft prüfen; du setzest dein Roß, den Raben, und ich das Frankenweib, der Sieger empfängt beide. Das scheint mir guter Rat.«
Lauter Beifallsruf erscholl um den Tisch, nur Ingram stand betroffen. »Das Roß gehört zum Manne wie das Schwert, und unfreundlich wird dereinst der Gruß meiner Ahnen, wenn ich die Zucht meines Rosses in ein Sorbendorf liefere. Das fürchte ich sehr; dennoch setze ich dir zwei Hengste von dem Stamme des Raben, fünfjährig und vierjährig, edler als einer von deinen Gäulen. Nur mein Schlachtroß, das mein bester Freund war, wo kein Arm eines Menschen mir half, das behalte ich zurück.«
»Unbekannt sind die Gewinne, die du bietest, und weit ist der Weg zu deinem Stall. Der Rabe und die Gefangene, beide sind hier im Hofe, das ist gerechter Wettstreit.«
Ingram stand in heftigem Kampfe. »Wohlauf, bei den Schicksalsfrauen meines Geschlechtes, her die Becher, und der Streit beginne.«
Wieder scholl fröhlicher Lärm der Sorben, wie ein Schrei der Teufel klang er in Gottfrieds Ohr. »Ruchlos ist das Becherspiel um ein Menschenleben«, rief er dazwischen tretend.
Ratiz winkte höflich abwehrend, Ingram aber versetzte unwillig: »Wenig Glück hat mir das Silber deines Bischofs gebracht, weiche von mir, daß ich zu meinem Gott flehe, ob er mir helfe.«
Der Alte trug einen großen Metkrug und zwei Becher zu, beide ganz gleich aus Maserholz gedreht. Er wies den gefüllten Krug und die leeren Becher den Kämpfern, diese sahen ernsthaft hinein und prüften die Gefäße. Darauf füllte der Weißbart einen Becher bis zu dem Strich, welcher den Rand bezeichnete, goß den Met aus dem ersten in den zweiten, um die Größe zu erweisen, und rückte zwei gleiche Schemel ohne Lehnen an den Tisch. Die Helden ergriffen die Becher, wandten sich abwärts nach der Himmelsgegend, vor welcher sie zu den Göttern flehten, und murmelten leise das glückbringende Lied. Dann lösten beide die Waffen von ihrer Hüfte, der Slawe gab das Krummschwert einem Genossen, Ingram aber rief: »Allein bin ich in der Fremde, frage, Alter, ob einer unter den Sorbenkriegern mir ein treuer Schwerthüter sein will bis zum Ende des Kampfes.«
Gottfried machte eine Bewegung, aber Ingram wies ihn mit der Hand ab und der Mönch trat mit hochgeröteten Wangen zurück. Da erhob sich ein junger Sorbenkrieger von stolzem Aussehen, Ingram sah ihm in das Gesicht und sagte: »Wir sahen uns sonst wohl auf blutigem Felde, Held Miros.« Der Krieger gelobte treue Schwertwache und setzte sich zur Seite hinter Ingram, das Schwert haltend. Die Kämpfer ließen sich auf den Stühlen nieder, ruhig waren ihre Bewegungen und gemessen ihre Haltung, denn wer heftig den Sinn regte, der kam bei diesem Spiel in Gefahr. Und der Weißbart rief laut: »Außer den Herren, welche auf dem Kampfstuhl sitzen, schweige jeder, daß nicht seine Rede den Sinn der Zecher verwirre. Den Herren aber ziemt im Kampfgespräch zu bedenken, daß jede Wunde, die ihre Zunge schlägt, verschmerzt sein soll am nächsten Morgen.« Darauf rückte sich der Sprecher einen niedrigen Schemel mitten zwischen die beiden und wiederholte, was einer sprach geschickt in der Sprache des anderen. So weich und gewandt war die deutende Rede, daß sie wie ein Lied zwischen den harten Worten der Kämpfenden tönte.
Ratiz nahm zuerst seinen Becher, hob ihn und sprach: »Zu gleichem Kampfe bringe ich den Met, Ratiz, Sohn des Kadun, ein Herr in den Sorben«, und von der anderen Seite scholl es zurück: »Bescheid tut Ingraban, Sohn des Ingbert, ein freier Thüring.« Beide leerten die Becher und stürzten sie auf den Tisch. Der Alte füllte und verbeugte sich tief vor jedem der Herren. Wieder begann Ratiz:
»Schwarz ist der Vogel, nach dem du, wie ich höre, genannt bist, aber weiß ist der Aar, der über den Zelten meiner Krieger schwebt. Ein Reh sah ich liegen am Quell im Walde und auf ihm saß mit starken Fängen der Adler und schmauste, aber im Kreise herum krächzte die Schar der Raben und lauerte auf den Abfall.«
Ingram antwortete: »Den Namen erfinden dem Helden die lieben Eltern und ungern hört er den Namen schmähen. Nicht weiß ich den deinen zu deuten, denn selten fragte ich nach deinem Geschlecht, doch rate ich, meide ihn zu gebrauchen bei meinem Volk, denn er klingt uns wie Ratte, das diebische Tier hinter dem Mehlsack.«
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