»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen einen festen Punkt, von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es sind große Kriegsvorräte, es ist ein großer Teil des Adels dort; solange sie zu seiner Partie halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem Geiste nach ist es noch des Herzogs! aber ich fürchte, ich fürchte!«
»Wie? unmöglich können sich die vierzig ergeben!«
»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt«, erwiderte der Alte, »Ihr wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann straucheln machen können. Und es ist mancher in der Burg, dem der Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben [32] Er schickte einen tapfern Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben, das Schloß nicht zu übergeben sondern, wo sie solches auch tun wollten, ihm wieder Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen; weil er in selbigem zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn verhänge. Sattler, Gesch. der Herz. v. Würtemb. II. 15.
, das Schloß nicht zu übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn verhänge.«
»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann nicht glauben, daß der Landesadel so schändlich freveln könne; sie werden ihn einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird Ausfälle machen, er wird sie schlagen die Belagerer trotz Bayern und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschließen, wir werden fechtend durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen.«
»Marx Stumpf ist noch nicht zurück«, sagte der Ritter von Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit gestern das Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grabe.«
»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht sie werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch Eure Felsen hallt.«
»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? seinem Herzog treu zu dienen ist auch ein frommer Dienst; und es wäre den Heiligen im Himmel vielleicht lieber sie hörten den Donner der Feldschlangen von Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist aller Laster Anfang! aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«
»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt, sagt Ihr? der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit einigen Tagen zu wanken scheint? da kann also Ulerich nicht bis Mömpelgard entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der Nähe? O daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen schleichen könnte!«
Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten; »Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist«, sagte er. »Ihr werdet ihm angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut, so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort drauf. – Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird. Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem Haus, ich würde Euch einladen auf die Jagd auszureiten, wenn ein solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«
Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das Zimmer; bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Wald zu reiten.
Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht übelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall, den er in diesem Gemach vorfand, und der wohl zu Mariens Gerätschaften gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte, und jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging sich dann in dem großen Zimmer, und suchte unter den vielen Fenstern eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte.
Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen, die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg, die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar gesehen hatte; dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes, in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist. Man träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen in diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben. Man geht um einige Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein aber verständig der Mutter jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre nachher als Hausfrau nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen; es ist vielleicht jene Ecke, dachte Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie von den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich schnitzelte, und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein wackeres Kind hält, und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.
Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! wo ist wohl das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie in Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldene Fäden zog, während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend erzählte, oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der Jungfrau zu erheben suchte?
Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner heranwachsend, gerne setzte, und mit unbewußter, dunkler Sehnsucht in die Ferne sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann, und sich in freundliche Träume versenkte?
Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist, der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war, freundlich begrüßte; dieses Gärtchen auf einem schmalen Raum am Felsen hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflückt! er ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen.
Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu vernehmen; er sah sich um – sie war es, es war Marie, die staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr als sie nur antworten konnten. Es gab Augenblicke wo sie, wie aus einem Traum erwach, sich ansahen, sich überzeugen mußten, ob sie denn wirklich sich wieder haben?
»Wie viel habe ich um dich gelitten«, sagte Marie, und ihre Wangen straften sie nicht Lügen, »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen, aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? – und dann, wie mir Hanns die Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein kommen wolltest, aber du seiest überfallen, verwundet worden, das Herz wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich nicht pflegen!«
Читать дальше