»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« rief der Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem Jüngling die Hand bot, und ihm winkte, auf einem ebenso kunstlosen Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. »Seid herzlich willkommen; es war kein übler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt herabzuführen, und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen. Hanns! du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchseß und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und Obermundschenk; siehe, dort hinter jener Säule des schönsten Granit muß ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand, und kredenze ihn unserm ehrenwerten Gast.«
Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen, zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst, vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde; und er fand ihn heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd ein Sturm überfallen, und genötigt eine kleine Weile in dieser Höhle Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer Sturm, als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand!
»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast«, sagte der Ritter, als Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken maß, »vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas weniges vorjammern werde? Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene zum bösen Spiele macht. Und saget selbst, wohne ich hier nicht wie Fürsten selten wohnen. Habt Ihr meine Hallen gesehen, und die weiten Säle meines Palastes? glänzen nicht ihre Wände wie Silber? wölben die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt? werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen, und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hanns, mein Obermundschenk, mit dem Weine; sprich mein Getreuer! ist das all unser Getränk, was in diesem Becher ist?«
»Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung«, sprach der Pfeifer, der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, »aber auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im Krug und – nun wir haben ja heute einen Gast, und können schon etwas draufgehen lassen – ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem andern.«
»Das hast du wohl gemacht«, rief der geächtete Ritter, und ein Strahl der Freude drang aus seinem glänzenden Auge; »glaubet nicht, Herr Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher rundgehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glückes. Ich bring es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«
Georg dankte und trank; »Ich sollte die Ehre erwidern«, sagte er, »und doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch! möget Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen – es lebe!« Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen, und wollte eben den Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, »Es lebe! lebe!« riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. »Was ist das,« sagte er; »sind wir nicht allein?«
»Es sind meine Vasallen, die Geister«, antwortete der Ritter lächelnd, »oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe beistimmte. Ich habe oft«, setzte er ernster hinzu, »in den Zeiten des Glanzes, das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast es ausbrachte, und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. – Fülle den Becher Hanns und trinke auch du, und weißt du einen guten Spruch, so gib ihn preis.«
Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher, und blickte Georg mit freundlichen Blicken an: »Ich bring es Euch, Junker! und etwas recht Schönes dazu: das Fräulein von Lichtenstein!«
»Halloh, sa! sa! trinkt Junker, trinkt«, rief der Geächtete und lachte, daß die Höhle dröhnte; »aus bis auf den Boden, aus! sie soll blühen und leben für Euch! das hast du gut gemacht, Hans! sieh nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse er schon ihren Mund. Dürft Euch nicht schämen! auch ich habe geliebt und gefreit, und weiß wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig Jahren zumut ist!«
»Armer Mann!« sagte Georg; »Ihr habt geliebt und gefreit, und mußtet vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen!?« Er fühlte sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den Jüngling gereueten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg, indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft verderbt, was im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht wie es geschehen sei; meine Kinder habe ich in den Händen rauher aber guter Ammen gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten, die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder heiterer um sich her und sprach:
»Der Hanns hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe, Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder; er hat mir von Eurer sonderbaren Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit gewann, zu entfliehen.«
»Das soll mir lieb sein!« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben, man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem paßten sie damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben, wenn er dadurch gerettet wurde.«
»Ei, das ist doch viel; wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch geführt wurde, ebensogut tödlich werden konnte?«
»Wer zu Feld zieht«, entgegnete Georg, »der muß seine Rechnung mit der Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner in einer Feldschlacht vor dem Feinde bleiben; wenn die Freunde jubeln und die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen. – Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen, um die Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«
Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand. »Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen«, sagte er, indem er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum gedacht, man sagte mir, Ihr seid bündisch.«
»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs«, antwortete Georg, »aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Sehet, der Herzog hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können; sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf –«
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