»So? meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?« sprach sie; »dem ist nicht so. Sehet, ich weiß das gewiß, denn die alte Rosel, die Amme des Fräuleins –«
»Die alte Rosel hat es gesagt?« rief Georg unwillkürlich; ihm war ja diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt; freilich wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so zweifelhaft; denn er wußte, daß sie eine fromme Frau und dem Fräulein sehr zugetan war.
»Ihr kennt die alte Rosel?« fragte die Wirtin, erstaunt über den Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.
»Ich? sie kennen? nein, erinnert Euch nur, daß ich heute zum erstenmal in diese Gegenden komme; nur der Name Rosel fiel mir auf.«
»Sagt man bei Euch nicht so? Rosel heißt Rosina bei uns, und so nennt man die alte Amme in Lichtenstein; nun seht, diese hält viel auf mich, und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein süßes Weinmüschen, was sie für ihr Leben gerne ißt, und zum Dank vertraut sie mir allerlei Neues. Von ihr habe ich auch was ich Euch sagte. Der Vater weiß gar nichts von diesen nächtlichen Besuchen, denn er geht schon um acht Uhr zu Bette, die Amme schickte das Fräulein jedesmal um acht Uhr in ihre Kammer. Das fiel nun nach ein paar Tagen der guten Rosel auf. Sie stellt sich, als gehe sie zu Bette, und siehe da, was geschieht? Kaum ist alles ruhig im Schloß, so macht das Fräulein, das sonst keinen Span anrührt, eigenhändig ein Feuer auf den Herd; kocht und bratet, was sie kann und weiß, holt Wein aus dem Keller, holt Brot aus dem Schrank, und deckt in der Herrenstube den Tisch. Dann schaut sie zum Fenster hinaus, in die kalte schwarze Nacht, und richtig wenn es drüben eilf Uhr schlägt, rasselt die Zugbrücke nieder, der nächtliche Geselle wird eingelassen, und geht mit dem Fräulein in die Herrenstube; sie hat auch schon gehorcht, die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Türen sind gar dick; dann lugte sie auch einmal durchs Schlüsselloch, sah aber nichts als den Kopf des Fremden.«
»Nun, und ist er schon alt? Wie sieht er aus?«
»Alt? wo denket Ihr hin! Die sieht mir auch darnach aus, daß sie es mit einem Alten hätte! Jung ist er und schön, wie mir die Rosel sagt; er hat einen dunkeln Bart um Mund und Kinn, schönes gerolltes Haar auf dem Kopf, und sah recht freundlich und liebreich aus.«
»Daß ihm der Satan den Bart Haar für Haar auszwicke«, murmelte Georg, und strich mit der Hand über das Kinn, das noch ziemlich glatt war. »Frau! besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehört von der Frau Rosel? hat sie dies alles so gesagt? machet Ihr nicht noch mehr dazu?«
»Gott bewahre mich, daß ich über jemand lästere! Da kennt Ihr mich schlecht, Herr Ritter! Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch mehr hat sie vermutet, und mir ins Ohr geflüstert, was eine ehrliche Frau einem schönen jungen Herrn nicht wiedersagen kann. Und denket Euch, wie recht schlecht das Fräulein ist, sie hat noch einen andern Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!«
»Noch einen?« fragte Georg aufmerksam, denn die Erzählung schien ihm mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.
»Ja noch einen; es soll ein gar schöner, lieber Herr sein, sagte mir die Rosel; sie war mit dem Fräulein einige Zeit in Tübingen, und da war ein Herr von – von – ich glaube Sturmfittich heißt er – der war auf der hohen Schule; und da lernten sich die beiden Leutchen kennen, und die Amme schwört, es sei nie ein schmuckeres Paar erfunden worden im ganzen Schwabenland. Sie hat ihn auch ganz schrecklich liebgehabt, das ist wahr und sei sehr traurig gewesen um ihn, als sie von Tübingen ging; nun ist sie dem armen Jungen untreu geworden, das falsche Herz; und die Amme heult, wenn sie nur an den schönen, treuen Herrn denkt, er soll noch viel, viel schöner gewesen sein als der, den sie jetzt hat.«
»Frau Wirtin, wie oft lasset Ihr mich denn klopfen, bis ich einen vollen Becher bekomme«, rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf; denn die Frau Wirtin hatte über ihrer Erzählung alles übrige vergessen.
»Gleich, gleich!« antwortete sie, und flog an den Schenktisch hin, den durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen; und von da ging es zum Keller, und Boden und Küche nahmen sie in Anspruch, so daß der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam über das, was er gehört hatte, nachzusinnen.
Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er da, und schaute unverrückt in die Tiefe seines silbernen Bechers, so saß er am Nachmittag, so saß er am Abend, die Nacht war schon lange eingebrochen, und er saß noch immer so hinter dem runden Tisch im Erker, tot für die Welt umher, nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen, daß noch Leben und Empfindung in ihm sei. Die Wirtin wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte; sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt; hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber er hatte ihr gedankenlos mit starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet; es war ihr ganz angst dabei geworden, denn geradeso hatte sie ihr seliger Mann angestarrt, als er das Zeitliche gesegnete, und ihr den Goldenen Hirsch hinterließ.
Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem Lederrücken gab seine Meinung preis. Die Wirtin behauptete, entweder sei er verliebt bis über die Ohren, oder man habe es ihm angetan. Sie belegte ihre Behauptungen mit einer schrecklichen Geschichte von einem jungen Ritter, den sie gesehen, und der auch aus lauter Liebe am ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.
Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung; er glaubte, dem jungen Mann sei vielleicht ein Unglück geschehen, wie jetzt oft im Kriege vorkomme, und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt. Der fette Herr aber blinzelte einigemal nach dem stummen Gast im Erker hinauf, und fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewächs und Jahrgang der Ritter trinke?
»Nun ich hab ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was der Goldene Hirsch hat.«
»Da haben wir es!« rief der kluge Mann; »ich kenn den Heppacher Achtz'ger, den kann solch ein Junkerlein nicht führen, und der ist ihm zu Kopf gestiegen. Laßt ihn sitzen, laßt ihn immer sitzen, seinen schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlägt, hat er ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser.«
Der Zerlumpte schüttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin aber belobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn, und fand seine Vermutung am wahrscheinlichsten.
Es war neun Uhr in der Nacht, die täglichen Zechgäste hatten schon alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum Abendsegen rüsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte. Er sprang auf, machte einige Gänge durchs Zimmer, und blieb endlich vor der Hausfrau stehen. Er sah düster und verstört aus, und die wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt, hatten seinen sonst so freundlichen offenen Zügen tiefe Spuren des Grames eingedrückt.
Die Wirtin dauerte sein Anblick, sie wollte ihm, eingedenk des klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Süpplein kochen, und ihm dann ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien für diese Nacht ein rauheres Lager sich erwählt zu haben.
»Wann sagt Ihr«, hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, »wann geht der nächtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurück?«
»Um eilf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten Hahnenschrei kommt er wieder über die Zugbrücke.«
»Lasset mein Pferd satteln, und besorget mir einen Knecht, der mich nach Lichtenstein geleite.«
»Jetzt in der Nacht?« rief die Wirtin, und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen. »Jetzt wollet Ihr ausreiten? Ei geht doch, Ihr treibt Spaß mit mir.«
»Nein, gute Frau, es ist mein wahrer Ernst; aber sputet Euch ein wenig, ich habe Eile.«
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