Emily konnte nicht anders, aber sie fühlte ein kleines Ziehen in ihren Mundwinkeln. „Gut, danke. Aber nimm dir daran kein Beispiel. Leute anzuschreien ist keine gute Art sich zu benehmen.“
„Okay, Mama“, antwortete Chantelle.
Aber Emily konnte das Zwinkern des Respekts in ihrem Auge sehen. Als Chantelle jemanden an ihrer Seite gebraucht hatte, war Emily für sie da gewesen. Obwohl sie sich wegen ihres Ausbruchs schrecklich fühlte, konnte Chantelle zumindest aus erster Hand sehen, dass dieser Mama Bär ihr immer den Rücken stärken würde.
Als Emily auf den Stufen der Schule stand, fiel ihr ein, dass sie nicht wusste, wie sie nach Hause kommen sollte. Sie zog in Erwägung, Daniel anzurufen, aber sie wusste, dass er heute sehr beschäftigt war mit seiner Arbeit bei Jack. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn deswegen stören sollte. Obwohl er auf der einen Seite wissen sollte, was passiert war, war sie Chantelles Mutter genauso wie Daniel ihr Vater war, und sie war sich sicher, dass sie ohne ihn mit dieser Situation fertigwerden konnte. Sie konnten darüber diskutieren, sobald er von der Arbeit nach Hause kam.
Sie rief in der Pension an. Lois ging ran.
„Ich nehme nicht an, dass Parker in der Nähe ist, oder?“, fragte Emily Lois, Parkers zerbeulten kleinen Lieferwagen vor ihrem geistigen Auge.
„Er ist da“, sagte Lois. „Ich werde ihn holen.“
Die Leitung verstummte. Einen Moment später erklang Parkers Stimme durch den Hörer.
„Chefin“, witzelte er, „was kann ich für Sie tun?“
Emily sah auf Chantelle hinunter, die auf der Treppe saß und an ihren Schnürsenkeln herumfummelte. Sie sah so niedergeschlagen aus. Emily war zuversichtlich, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, Daniel nicht zu belästigen. Sie wollte wieder in Sicherheit in ihrem Zuhause sein, bevor Chantelles Schultag besprochen wurde.
Emily sprach mit Parker am Telefon. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten ...“
*
An diesem Abend entspannte sich die Familie zusammen in der Lounge. Schließlich hatte Emily das Gefühl, dass genug Zeit vergangen war und sie bereit war, das Thema von Chantelles erstem Tag in der Schule anzugehen.
„Also, Chantelle du hattest heute keinen guten Tag, oder Süße?“, sagte Emily. „Kannst du Papa erzählen, was passiert ist?“
Daniel hob seine Augenbrauen und sah Chantelle an. Sie wand sich auf ihrem Platz.
„Du steckst nicht in Schwierigkeiten“, erklärte Emily sanft. „Es ist nur so, dass Papa noch nicht weiß, dass ich ins Büro kommen und mit Fräulein Butler und Frau Doyle sprechen musste.“
Daniels überraschter Ausdruck wurde stärker. „Frau Doyle, die Schulleiterin?“, fragte er nach.
Emily konnte erkennen, dass er darum kämpfte, seine Stimme ruhig zu halten.
Chantelle nickte beschämt.
„Ich wollte wegen eines schrecklichen Mädchens die Klasse wechseln“, sagte sie und richtete ihren Blick auf ihren Schoß.
„Was für ein schreckliches Mädchen?“, fragte Daniel.
„Sie ist neu“, sagte Chantelle. „Ihr Name ist Laverne. Und sie ist Baileys beste Freundin.“
Daniel schaute zu Emily hinüber. Sie warf ihm einen traurigen Blick zu.
„Ich bin sicher, dass das nicht stimmt“, sagte Daniel. „Ich bin sicher, Bailey versucht nur nett zu ihr zu sein, weil sie neu ist und niemanden kennt.“
„So ist es nicht“, sagte Chantelle und schlug mit der Faust gegen die Armlehne der Couch. „Laverne hat Bailey gesagt, dass nur eine Freundin mit blonden Haaren erlaubt ist und weil Lavernes blonder sind als meine, hat Bailey sie gewählt!“
Emily konnte sehen, dass das kleine Mädchen litt, und sie wurde wütend, als sie sich an die schmerzhaften Ereignisse des Tages erinnerte.
„Hast du mit Yvonne gesprochen?“, fragte Daniel Emily.
Sie schüttelte den Kopf. Zur gleichen Zeit schrie Chantelle: „Nein!“ Sie schien in Panik zu geraten. „Bitte sprich nicht mit Yvonne darüber. Ich will nicht, dass sie Bailey davon erzählt oder sie zwingt, wieder meine Freundin zu sein. Ich will nur, dass sie meine Freundin ist, wenn sie es will, und nicht weil ihre Mutter es ihr gesagt hat.“
Emily tat es so leid für Chantelle. Die Welt der Siebenjährigen konnte genauso kompliziert sein wie die der Erwachsenen. Sie wünschte sich verzweifelt, sie könnte dem kleinen Mädchen den ganzen Schmerz nehmen, aber das war nicht möglich. Und es war auch nicht richtig. Es war ihre Aufgabe als Mutter, Chantelle durch diese unangenehmen Erlebnisse zu führen, aber nicht, sie nicht vor ihnen abzuschirmen oder sie auszulöschen.
„Erinnerst du dich auch, was Laverne über dich gesagt hat?“, sagte Emily auffordernd. Sie wusste, dass Chantelle nicht darüber reden wollte, aber es war wichtig, dass sie sich durch ihre Gefühle arbeitete. Sie war fast acht Jahre alt und die Leute um sie herum würden bald die Geduld mit ihren Wutanfällen verlieren. Sie hatte eine steile Lernkurve vor sich und viel Zeit um etwas auszugleichen. Sie hatte schon bemerkenswerte Fortschritte gemacht, aber es lag noch so viel vor ihr.
„Sie sagte, ich hätte einen doofen Akzent“, sagte Chantelle. Dann fügte sie mürrisch hinzu: „Sie hat Recht. Ich wünschte, ich hätte deine Stimme, Daddy. Warum muss ich klingen wie Sheila?“
„Es ist nichts falsch mit deiner Stimme“, sagte Daniel. „Dein Akzent ist wunderschön.“
„Aber es macht mich anders. Und es lässt die Leute denken, dass ich dumm bin.“
„Du bist nicht dumm“, sagte Daniel streng. „Lass dir das niemals von jemandem einreden. Du bist perfekt, so wie du bist.“
Emily liebte die Wärme in seiner Stimme. Seine Rede war sehr berührend. Aber Chantelle schien es ihm überhaupt nicht abzukaufen. Sie sah genauso düster aus wie vorher.
„Darf ich jetzt gehen?“, fragte sie leise.
Daniel sah Emily an. Sie zuckte mit den Schultern, unsicher, was das Beste in diese Situation war.
„Ich würde mir gerne Cartoons in meinem Zimmer ansehen“, fügte Chantelle hinzu.
„Sicher“, sagte Emily. Jeder verdient eine Aufmunterungsroutine, dachte sie. Wenn es Chantelle beruhigen konnte, sich in ihrem Bett Trickfilme anzusehen, dann war das besser als sie zusammenbrechen zu lassen.
Chantelle rutschte von der Couch und verließ das Zimmer. Sobald sie gegangen war, sah Daniel Emily traurig an.
„Du hättest es mir sagen sollen“, sagte er mit einem resignierten Seufzen. „Gleich, als es passiert ist. Warum hast du nicht angerufen?“
Emily runzelte die Stirn. Sie war sich ihrer Entscheidung so sicher gewesen, Parker dazu zu bringen, sie abzuholen, aber jetzt, da sie Daniels Gesichtsausdruck sah, fühlte sie, dass ihre Entschlossenheit schwächer wurde. „Du warst bei der Arbeit“, sagte sie leise zu ihm. „Ich wollte dich nicht stören.“
„Aber das ist mein kleines Mädchen“, sagte er streng. „Ich muss wissen, ob sie gemobbt wird.“
Emily berührte Daniels Hand. Sie kannte ihn jetzt gut genug, um zu verstehen, dass es der Stress seiner neuen Arbeit war, der ihn mürrisch und kurzangebunden machte. Es war nicht persönlich gemeint und so versuchte sie es nicht als solches zu nehmen.
„Schatz, ich konnte es händeln“, sagte sie ruhig, aber bestimmt. „Dich dort zu haben, hätte den Dingen nicht geholfen. Tatsächlich hätte es für Chantelle ziemlich einschüchternd sein können, wenn wir beide zusammen in der Schule auftaucht wären. Ich weiß nicht, ob es immer das Beste für sie ist, wenn all diese Erwachsenen auf sie herabblicken und ihr Verhalten bewerten. Ich habe mich um die Schule gekümmert, dann kamen wir nach Hause und verbrachten den Rest des Tages damit, leise an unseren jeweiligen Aktivitäten zu arbeiten. Ihr Raum zu geben ist genauso wichtig wie das Reden über diese Dinge.“ Sie verschränkte die Arme triumphierend. „Ich denke wirklich, dass ich einen tollen Job gemacht habe.“
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