„Wenn du denkst, dass es hilft“, sagte Emily. Sie schnitt ein Stück von ihrer Waffel ab und steckte es in den Mund. „Mann, ich bin seit Ewigkeiten nicht mehr in New York City gewesen.“
Amys Augen weiteten sich augenblicklich. „Oh mein Gott! Komm mit mir!“
Emily sah sie überrascht an. „Äh…“
„Bitte, Em“, fügte Amy hinzu. „Wir können ein langes Wochenende zusammen verbringen. Ich schmeiße eine Baby-Shower-Party, denn die letzte war eine Pleite.“
Emily errötete, als sie sich daran erinnerte, wie sie ungeschickt von der Party weggelaufen war, die Amy für sie arrangiert hatte. Sie zögerte.
„Bitte, bitte, bitte“, fuhr Amy fort. „Du verdienst eine Auszeit. Und der Ansturm des Sommers ist vorbei. Ich bin mir sicher, dass die Pension ein paar Tage ohne dich überleben kann.“ Amy schnippte mit den Fingern. „Und wenn wir die Baby-Shower-Party in New York machen, kann deine Mutter kommen!“
Emily schreckte sofort zurück. „Okay, jetzt will ich definitiv nicht mitkommen“, sagte sie und erinnerte sich an die schlimme Auseinandersetzung, den sie und Patricia beim letzten Mal geführt hatten. Eigentlich jedes Mal, wenn sie miteinander sprachen.
„Em“, sagte Amy mit einem mütterlichen Tonfall. „Sie wird zum ersten Mal Großmutter. Wie lange soll dieser Riss zwischen euch andauern?“
„Für immer“, sagte Emily düster. „Du hast meine Mutter kennengelernt, nicht wahr?“, fügte sie trocken hinzu.
Aber als sie darüber nachdachte, wurde ihr klar, dass es eine sehr wichtige Sache gab, über die sie mit ihrer Mutter sprechen musste, etwas, das nicht am Telefon erledigt werden konnte. Und das war Roys Krankheit. Sie musste davon erfahren.
„Eigentlich“, sagte Emily, „bin ich überfällig für eine Reise nach New York. Vielleicht wird meine Mutter in ihrem eigenen Territorium weniger schwierig sein.“
Amy klatschte in die Hände. „Wirklich? Dieses Wochenende?“
Emily zuckte mit den Achseln. „Ich denke schon.“
Wann war es eine gute Zeit, seiner Mutter zu erzählen, dass ihr Ex-Mann sterben würde? Es schien keine andere Lösung für Emily zu geben, also war das bevorstehende Wochenende eine genauso gute Zeit wie jede andere.
Amy hüpfte aufgeregt auf ihrem Stuhl auf und ab. „Das wird so viel Spaß machen. Ich werde es Harry sagen.“
Sie nahm ihr Handy und tippte seine Nummer ein. Zur gleichen Zeit begann Emilys Handy zu klingeln.
Sie zog es aus ihrer Tasche und beantwortete es gleichzeitig mit Amy. Es war wirklich wie in ihren alten New Yorker Tagen!
„Ist dort Frau Morey?“, fragte die Stimme am anderen Ende.
„Ja, wer ist da?“
„Hier ist Fräulein Butler, Chantelles Lehrerin. Es tut mir leid, Sie stören zu müssen, aber es gab einen Vorfall. Ich denke Sie sollten in die Schule kommen.“
Emily sprang auf. „Welche Art von Vorfall? Ist Chantelle in Ordnung? Ist sie verletzt?“
„Es geht ihr gut“, antwortete Fräulein Butler. „Es ist ein Verhaltens-Vorfall.“
Emily runzelte die Stirn. Was bedeutet das?
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie, legte auf und schleuderte ihr Handy zurück in ihre Handtasche.
Amy unterhielt sich mit Harry am Telefon, aber sie sah zu Emily auf und nutzte ihre erstaunlichen Multitasking-Fähigkeiten, um eine wortlose Unterhaltung mit ihrer Freundin zu führen, ohne auch nur ein Wort ihres Telefonats zu verpassen.
„Chantelle“, murmelte Emily. „Schule.“ Sie mimte eine autofahrende Bewegung. Daniel hatte das Auto, also war Amy die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen.
Amy nickte und zeigte auf ihre Waffeln. Sie hatten kaum etwas davon gegessen. Aber Emily schüttelte den Kopf. Sie musste jetzt gehen.
Ohne ihr überhaupt eine Frage zu stellen, stand Amy auf, nahm ihre Handtasche und ging, immer noch mit Harry plaudernd, aus dem Restaurant auf ihr Auto zu, Emily im Schlepptau.
Während sie gingen, hoffte Emily, dass es zwischen Amy und Harry funktionieren würde, weil Emily in Momenten wie diesem, wenn Daniel beschäftigt war und das Leben ihr einen Strich durch die Rechnung machte, ihre Freunde mehr denn je brauchte.
Als Amy Emily zurück zur Schule fuhr, spürte Emily, dass sie zunehmend nervöser wurde. Sie hasste es, dass Chantelle einen emotionalen Ausraster hatte, weil es sich wie einen Schritt zurück anfühlte, und sie an den schrecklichen Anfang erinnerte, den das Mädchen hatte erleben müssen, die Narben, die sie trotz ihres fröhlichen Verhaltens immer noch trug.
„Willst du, dass ich mit reinkomme?“, fragte Amy und warf einen Blick auf Emilys blasses Gesicht auf dem Beifahrersitz.
Normalerweise knabberte Emily nicht an ihren Nägeln, aber die Angst brachte sie dazu, es zu tun. „Nein, nein, es ist wahrscheinlich das Beste, wenn ich alleine gehe“, sagte sie und fühlte sich nervös, ihr Gesicht war steif vor Panik.
Sie erreichten den Parkplatz, der jetzt leer war, und Amy fuhr in die Parklücke, die den Schultüren am nächsten war. „Nun, ich werde hier warten und dich nach Hause fahren, wenn du fertig bist.“
Emily hatte bereits eine Hand am Türgriff und schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber ich habe keine Ahnung, wie lange das dauern wird.“
„Wie kommst du nach Hause?“
„Darum werde ich mich später kümmern. Hinten auf Rajs Lieferwagen? Auf dem Lenker von Cynthias Fahrrad?“ Sie machte Witze, aber nur, um sich von ihrer Angst abzulenken.
Amy lächelte liebevoll. „Bist du sicher?“
„Wirklich“, sagte Emily, öffnete die Tür und stieg schnell aus.
Sie knallte ihre Tür zu und pustete Amy einen Kuss zu, bevor sie so schnell wie ihr schwangerer Bauch es zuließ die Steinstufen hinaufstieg. Sie drückte auf den Intercom-Knopf, die Rezeptionistin antwortete und knackte eine Begrüßung.
„Frau Morey“, sagte Emily in das silberne Mikrofon. „Chantelles Mutter.“
Ein Buzz ertönte. Sie hievte die Tür auf und eilte zum Empfang. Es war das selbe Mädchen wie letztes Jahr, erkannte Emily; jung, sommersprossig, mit einem süßen Lächeln, das eine Lücke zwischen ihren Zähnen zeigte.
„Hallo, Emily“, begrüßte die Rezeptionistin sie, als sie hereineilte.
Emily wurde sich - bei dem Gedanken ein wenig beunruhigt - bewusst, dass sie in der Schule gut genug bekannt war, dass die Rezeptionistin sie erkannte und sich an ihren Namen erinnerte.
„Hier ist Ihr Besucherausweis“, fügte das Mädchen hinzu.
Sie reichte Emily den Ausweis, und Emily sah, dass sie mit einem roten Filzstift ihren Namen geschrieben hatte, kursiv und von Sternen umgeben. Es war eine süße Geste, aber Emily war zu nervös, um sie zu schätzen. Ihr Fokus lag ausschließlich auf Chantelle. Aber sie hatte das Namensschild des Mädchens bemerkt: Tilly. Sie legte Wert darauf, es in ihrer Erinnerung abzuspeichern, so dass sie zumindest das nächste Mal, wenn sie das Mädchen hoffentlich in weniger stressigen Umständen sah, freundlicher sein konnte.
„Sie sind im Büro der Vertrauenslehrerin den Flur entlang“, sagte Tilly. „Kennen Sie den Weg?“
„Leider nur zu gut“, antwortete Emily.
Tilly schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln, und Emily eilte den Flur hinunter zu Gails Büro.
Durch das kleine Fenster in der Tür sah Emily die vertrauten, leuchtend roten Sofas, den Spieltisch, die Leseecke, das Puppenhaus und die Malstation. Sie erkannte Gail sofort, die auf einem der Stühle für Erwachsene saß, mit ihren Haaren in einem ordentlichen Knoten auf dem Kopf. Die anderen beiden Frauen kannte Emily nicht. Und Chantelle war nirgendwo zu sehen. Sie konnte sie jedoch hören, sogar durch die dicke Glasscheibe in der verstärkten Feuertür konnte sie ihr Schreien und Brüllen hören.
Emily klopfte schnell und sah, dass Gail sich zum Fenster wandte. Durch das Glas winkte sie Emily herein.
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