„Das ist eine Erleichterung“, antwortete Emily und dachte wieder an ihren Vater. Chantelle würde Gails Hilfe in diesem Jahr mehr brauchen als jemals zuvor. Nicht nur wegen der Beständigkeit, die Gail ihr gab, sondern wegen der einschneidenden Lebenserfahrungen, die sie in diesem Jahr würde bewältigen müssen.
„Also worüber plaudert Amy und du heute?“, fragte Daniel.
Seine Frage riss Emily aus ihren angsterfüllten Träumereien. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke über Harry. Hast du etwas Merkwürdiges zwischen ihnen auf der Insel bemerkt?“
„Überhaupt nicht“, sagte Daniel verwirrt.
Es überraschte Emily nicht wirklich, dass Daniel die Nuancen von Amys Verhalten nicht bemerkt hatte. Amy war schließlich ihre beste Freundin und nicht seine. Sie kannte sie in- und auswendig und konnte die kleinsten Anzeichen in ihrem Gesicht lesen.
„Sie sollten besser nicht Schluss machen“, sagte Daniel streng, als er in eine Nebenstraße einbog. „Wir sind dabei, das Restaurant zu öffnen. Ich will nicht, dass Harry die Suppe mit seinen Tränen versalzt!“
Emily kicherte. „Ich bin mir sicher, dass es nicht um so etwas geht. Es ist wahrscheinlich das Gegenteil, denke ich. Amy ist bereit, ihn zu heiraten, will aber, dass ich ihr bestätige, dass sie es nicht übereilt. Erinnerst du dich, was mit Fraser passiert ist?“
„Wie könnte ich das vergessen“, sagte Daniel mit einem Zusammenzucken.
Sie erreichten Joe's Diner, und Daniel hielt davor. Er küsste Emily, und sie rutschte von ihrem Sitz aus dem Pick-up, nicht mehr in der Lage, so flink rauszuspringen, wie sie es getan hatte, bevor sie fünfzehn Pfund Schwangerschaftsgewicht zugelegt hatte.
„Einen schönen Tag bei der Arbeit“, sagte sie ihm.
Er lächelte und winkte und fuhr dann weg. Emily ging in das Restaurant.
„Nun, wenn das nicht Emily Mitchell ist“, rief Joe als sie eintrat. „Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen!“
Sie umarmte ihn zur Begrüßung. „Ich bin jetzt Emily Morey, vergiss das nicht“, sagte sie zu ihm.
„Natürlich“, lachte Joe. „Wie könnte ich, du hattest dein erstes Date mit ihm hier.“ Er strahlte. „Kaffee?“
Emily tätschelte ihren Bauch. „Entkoffeinierten bitte.“
Joe ging, um eine frische Ladung Kaffee zu machen, während Emily die Sitzecke fand, in der bereits Amy saß.
„Das ist wie in alten Zeiten, oder?“, sagte Amy, als sie ihre Freundin küsste. „Einen Kaffee vor der Arbeit holen, wann immer wir konnten, natürlich. Frühstück und Mittagessen und abends Cocktails.“
„Cocktails!“, rief Emily und tätschelte ihren Bauch. „Erinnere mich nicht daran.“ Sie lachte. „Es ist wundervoll, dich öfter um mich zu haben. Und du hast Recht, es ist wie in den alten Tagen, allerding ohne die Wolkenkratzer oder die Reihen gelber Taxen.“ Sie lächelte, als sie sich an ihr altes Leben in New York City erinnerte. Es schien jetzt so lange her zu sein. „Also, was gibt's?“, fragte sie Amy. „Wie stehen die Dinge?“
Amy kaute auf ihrer Lippe, als ob sie überlegte, wie sie anfangen sollte. Sie hat sich eindeutig dagegen entschieden, etwas zurückzuhalten und direkt auf den Kern der Sache zu sprechen zu kommen. „Es ist Harry. Wir streiten.“
„Oh“, sagte Emily traurig. „Das ist schade. Es tut mir leid.“
Amy zuckte mit den Schultern und schob ihren glatten blonden Bob hinter ihre Ohren. „Es ist unvermeidlich, nicht wahr? Die räumliche Distanz. Die Tatsache, dass wir aus verschiedenen Welten kommen. Ich meine, ich mache Witze darüber, dass es so ist, als wären wir wieder in New York City, aber unsere Welten könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich weiß nur nicht, ob ich mich dazu verpflichten kann, hier zu leben. Wie hast du das gemacht?“
Emily dachte über die Frage nach. „Ehrlich, ich denke New York hatte mir nichts mehr zu bieten.“
„Oh danke“, sagte Amy schmollend.
„Ich meine nicht dich!“, gab Emily zurück. „Ich meinte es in Bezug auf meine Karriere und meine Beziehung. Die Dinge mit meiner Mutter waren schrecklich. Dazu war Ben ein Idiot und es fühlte sich einfach richtig an, wegzukommen. Hierher zu kommen, hat mich dazu gezwungen, mich vielen Dingen zu stellen. Du weißt schon, das mit meinem Vater und Charlottes Tod. Es machte einfach Sinn, dass ich mich hier wiederfand. Dann war da Daniel.“ Sie lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Von dem Zögern, das sie empfunden hatte, dem Widerstand, sich noch einmal in jemanden zu verlieben. Aber die Risiken hatten sich ausgezahlt.
„Also im Grunde sagst du, ich muss ein altes Haus reparieren und ein Geschäft gründen und mich selbst finden“, sagte Amy kichernd.
„Und dich verlieben“, fügte Emily hinzu. „Eine Sache hast du also schon abgehakt.“
Amy seufzte. „Ich weiß. Das macht es nur schwerer. Ich möchte nicht das verlieren, was ich mit Harry habe, aber ich weiß einfach nicht, ob ich hier glücklich sein kann.“
Emily griff über den Tisch und hielt die Hand ihrer Freundin. „Ist das wegen dem, was mit Fraser passiert ist? Ich möchte wirklich nicht, dass diese eine schlechte Erfahrung dir alles verdirbt. Denn ich bin mir sicher, dass du siehst, dass dieses Mal alles anders ist. Was du mit Harry hast, ist tausendmal besser als das, was du und Fraser hattet.“
„Ist es das wirklich?“, fragte Amy mit angespannter Stimme. „Fraser und ich stammten zumindest aus den gleichen Welten. Wir wollten ähnliche Dinge. Ferien und Karrieren und Eigentum. Kinder, aber da wäre natürlich eine Kinderpflegerin, um zu helfen. Harry ist das Gegenteil davon. Er ist ... ich weiß es nicht. Bodenständig? Er ist…“
„.... er ist Sunset Harbor“, sagte Emily mit einem entschlossenen Nicken. Sie wusste genau, worauf Amy hinauswollte. „Aber muss ich dich daran erinnern, dass Fraser dich betrogen hat? Harry würde das nie tun. Er ist ehrlich und freundlich und treu. Das bekommst du mit einem Sunset Harbour-Mann.“
Joe kam mit ihren Waffeln und Emilys Kaffee an. Die beiden Freunde rutschten näher zusammen und setzten ihre Unterhaltung fort.
„Die Sache ist“, fügte Amy hinzu, „du musstest dich nie mit diesem Zeug beschäftigen. Zum Beispiel musstest du mit Daniel nicht über Fernbeziehungen diskutieren oder wer wo hinziehen würde. Es war immer klar für euch, dass ihr hier leben werdet. Aber Harry und ich scheinen endlos darüber zu reden. Könnten wir eine Fernbeziehung führen? Könnte ich wirklich mein Leben hinter mir lassen und mein Geschäft aufgeben für einen Mann? Das widerspricht all meinen Überzeugungen!“
Emily lächelte und seufzte. „Amy, ist es wirklich das, was dich zurückhält? Oder ist es etwas anderes?“
Amy kaute langsam ihre Waffel. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich bin so unschlüssig.“
„Ist es möglich, dass du nur Angst hast?“, fragte Emily. „Ich weiß, dass du keine wirkliche Angst hast, dass du eine selbstbewusste, sachliche Geschäftsfrau bist, aber gibt es nur eine kleine Chance, dass du vielleicht Furcht davor hast, dass Harry dich liebt und dass er der Eine sein könnte? Und dass, wenn du dein Leben hierher verlegst und dieses Risiko eingehst, du vielleicht glücklich sein könntest?“
„Ich denke schon“, sagte Amy. „Aber es ist nicht das Glücklichsein, vor dem ich Angst habe. Sondern das, was es beinhaltet. Es ist so langweilig.“
Sie sah Emily entschuldigend an. Emily wusste, dass Amy andeutete, dass das Leben in Sunset Harbor langweilig war, aber das war ihr egal. Sie würde es für nichts in der Welt ändern. Wenn das langweilig ist, würde sie es jeden Tag Aufregung vorziehen!
„Vielleicht sollte ich für ein bisschen zurück nach New York gehen“, sagte Amy. „Meinen Kopf klarkriegen. Mich ums Geschäft kümmern. Mich an meine Wurzeln erinnern, weißt du?“
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