„Oh“, sagte Emily, ein wenig traurig. „Obwohl das bedeutet, uns zu verlassen?“
Charlotte sah ihr geliebtes Einhorn an und nickte. „Sie sagt, das ist ihre Heimatinsel. Sie vermisst ihr Zuhause sehr und all ihre Freunde. Sie möchte hier leben. Aber wir dürfen kommen und sie besuchen.“
„Dann ist es okay“, sagte Emily.
Sie banden ihre Cardigan-Ärmel zusammen, um eine Schleuder für Sparkles zu machen. Dann ließen sie das Einhorn hinter den Möbeln hinunter und ließen es dort liegen.
„Bist du traurig, dass du auf Wiedersehen sagen musst?“, fragte Emily Charlotte, als sie zurück in ihr provisorisches Boot stiegen.
Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein. Weil ich weiß, dass ich sie wiedersehen werde.“
Emily schnellte plötzlich in den heutigen Tag zurück. Sie hielt Sparkles fest an ihrer Brust und der Kopf des Plüschtiers war feucht von ihren Tränen. Auf der einen Seite war sie verzweifelt traurig, weil sie wusste, dass Charlotte nie wieder die Chance hatte, Sparkles zu sehen. Aber der andere Teil von ihr fühlte sich beschwingt vor Freude. Das Spielzeug war ein Zeichen von Charlotte, da war Emily sich sicher. Sparkles war auf der Insel hinter den Möbeln zurückgeblieben, bis zu diesem Moment völlig vergessen, war vielleicht sogar speziell für diesen Moment bestimmt gewesen.
Sie umarmte Sparkles fest, dann legte sie sie auf das Regal mit Blick auf Baby Charlottes Krippe. Sie fühlte, wie sich der Kreis des Lebens fortsetzte, und lächelte, wissend, dass Charlotte einmal einen Schutzengel haben würde, der ihren Schlaf bewachte.
*
Emily kuschelte sich neben Daniel ins Bett. Es war ein langer und ermüdender Tag gewesen, und sie driftete schnell in den Schlaf ab.
„Ich kann nicht glauben, dass wir eine Insel besitzen“, murmelte sie in die Dunkelheit, während sie einzuschlafen begann. „Meine Zukunft sieht gar nicht so aus, wie ich es einmal gedacht hätte.“
Daniel stieß ein schläfriges Lachen aus. „Wie das?“
„Nun, ich hätte nie gedacht, dass ich verheiratet und schwanger sein würde. Ich hätte nie gedacht, dass ich Chantelle oder diese Pension haben würde.“ Sie streichelte Daniels Brust, die sich langsam auf und ab bewegte.
„Ich hätte auch nie gedacht, dass ich Chantelle oder die Pension haben würde“, antwortete er.
„Aber du bist glücklich, dass es so ist?“
„Natürlich.“
„Bist du glücklich, dass wir noch ein Mädchen haben werden?“
Er küsste ihre Stirn. „Ich bin sehr glücklich“, versicherte er ihr.
„Und dass unsere Tochter morgen wieder zur Schule muss, wo es ihr fabelhaft geht?“
Daniel lachte wieder. „Ja. Ich bin froh, dass es Chantelle in der Schule gut geht.“
Emily lächelte zufrieden. Der Schlaf schien bereit zu sein, sie zu nehmen.
„Ich bin nur traurig wegen einer Sache“, sagte sie.
„Welcher Sache?“
„Dass mein Vater nicht da sein wird, um alles mit uns zu genießen.“
Daniel wurde still. Sie spürte, wie sich seine Arme um sie schlossen.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich bin deswegen auch traurig. Aber lass uns die Zeit nutzen, die wir noch mit ihm haben. Lass uns sicherstellen, dass jeder Tag so gut ist, wie es nur geht. Lass uns jeden Tag zu etwas Besonderem machen.“
Emily nickte bestätigend. „Ich denke, heute ist uns das gelungen“, sagte sie gähnend. „Wir haben schließlich eine Insel gekauft. So etwas passiert nicht jeden Tag.“
Sie spürte, wie Daniels Brust von seinem Lachen erzitterte. Sie drückte sich noch fester gegen ihn, überglücklich und voller Liebe. In die Arme des anderen gewickelt, synchronisierten sich ihre Herzschläge. Sie schliefen einstimmig in perfekter Harmonie, zwei von Liebe vereinte Menschen.
Emily nahm einen letzten Schluck von ihrem entkoffeinierten Kaffee und stellte den Becher auf den Küchentisch. Sie hatte tief geschlafen, war aber ziemlich groggy aufgewacht, weil der Wecker eine ganze Stunde früher geklingelt hatte als während der Sommerferien - und sie hätte wirklich von richtigem Koffein profitieren können. Es war wahrscheinlich das, worauf sie sich am meisten freute, sobald Baby Charlotte da war; dass, was sie am meisten vermisste und wonach sie am meisten verlangte. Sie sah neidisch zu Daniel, der ihr gegenübersaß und seinen Kaffee trank.
„Also los, Schatz“, sagte Emily schließlich und sah Chantelle an. „Es ist Zeit, zur Schule zu gehen.“
Chantelle saß mit gesenktem Kopf über den Einzelteilen einer Uhr, ihre Zunge ragte aus einem ihrer Mundwinkel, so konzentriert war sie. Ihre leere Schüssel Müsli stand neben ihr, achtlos weggeschoben, so dass sie ihrer Aufgabe nachgehen konnte.
„Kann ich nicht noch fünf Minuten haben?“, fragte sie so versunken in ihrer Aufgabe, dass sie nicht einmal aufschaute. „Ich muss nur noch herausfinden, wo dieses Zahnrad hingehört.“
Seit ihrer Rückkehr aus England war Chantelle entschlossen, eine Uhr wie die von Opa Roy zu bauen. Emily fand es sehr süß, dass Chantelle von ihrem Großvater so begeistert war, aber es brach ihr gleichzeitig das Herz. Sie und Daniel hatten Chantelle noch nichts von der Krankheit von Opa Roy erzählt. Das Mädchen würde völlig zerstört sein, wenn sie ihn verlor. Sie alle würden es sein.
Daniel übernahm das Kommando. „Nein, tut mir leid, Süße. Du musst pünktlich da sein, um deine neue Lehrerin und deine neuen Klassenkameraden kennenzulernen.“
Chantelle legte ihren Schraubenzieher mit einem widerwilligen Seufzer nieder. „Na gut.“
Emily wünschte, sie könnte Chantelle davon überzeugen, ihre schmierige, ölige Arbeit irgendwo anders zu machen - in der Garage, oder im Schuppen, oder einfach überall sonst, wenn es nur nicht der Küchentisch war. Aber Chantelle wollte nichts davon hören. Opa Roy hat seine Uhr am Frühstückstisch repariert, also musste es Chantelle genauso machen!
Sie alle gingen zusammen zum Pick-up, Daniel nahm den Fahrersitz, weil Emily es zu unbequem fand, ihren wachsenden Bauch hinter das Lenkrad zu quetschen. Chantelle hüpfte in ihren Autositz auf der Rückbank.
„Ich kann nicht erwarten, bis Baby Charlotte mit uns zur Schule fährt“, sagte sie und warf einen Blick auf den Babysitz, den sie kürzlich installiert hatten (natürlich auf Amys Anweisung hin, weil man nie weiß, wann das Baby sich entschied zu kommen und das letzte, was du tun möchtest ist, mit einem komplizierten Sitz zu hantieren, während du dich in den schmerzhaften Klammern der Kontraktionen befindest).
„Ich auch“, sagte Emily und legte ihre Hände auf ihren festen Bauch. Er schien mit jedem Tag der verging unbequemer zu werden.
„Zuerst wird sie nur für die Fahrt mitkommen, aber es wird nicht lange dauern, bis sie mit dir durch diese Tür gehen wird“, sagte Daniel mit einem Kichern. „Sie wird im Kindergarten sein, bevor wir es uns versehen.“
Emily wurde bei diesem Gedanken wehmütig. Sie wusste was Daniel meinte, diese Zeit verging so schnell, dass sie jeden Moment würdigen sollten, weil er ihnen durch die Finger rinnen würde wie Sand, der durch die Sanduhr rinnt. Aber die Zukunft, auf die Daniel anspielte, war auch eine, in der ihr Vater längst gestorben war. Er wäre nicht da, wenn Charlotte in den Kindergarten kam. Er würde niemals die zahlreichen Fotos sehen, die Emily von den beiden Mädchen machen würde, wenn sie zusammen in die Schule gehen würden, Hand in Hand. Diese Zukunft, die sie auf der einen Seite kaum erwarten konnte, wäre auch auf der anderen Seite voller Trauer. Sie wäre eine andere Person, die sich durch den Verlust von Roy irreparabel verändert hätte.
Sie fuhren die vertrauten Straßen von Sunset Harbor entlang und bogen auf den Parkplatz der Schule ein. Er war schon sehr belebt mit Eltern, die nach der langen Sommerpause ihre Kinder abliefern wollten.
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