Erst als sie im Raum war, konnte Emily Chantelle sehen. Das Kind rollte sich verzweifelt in der Ecke zusammen und war von zerrissenen Papierschnipseln umgeben.
„Was ist passiert?“, fragte Emily.
„Bitte setz dich“, sagte Gail. „Fräulein Butler kennst du ja bereits.“
„Eigentlich nicht, wir hatten noch keine Chance, uns zu treffen“, sagte Emily. Sie schüttelte die Hand der Lehrerin. Es war eine schreckliche Art, sich das erste Mal zu begegnen, dachte Emily. Sie war ein Nervenbündel und fühlte sich völlig erschöpft. „Sie haben mit meinem Mann Daniel gesprochen.“
Die junge Lehrerin lächelte höflich und bedachte Emily mit dem strengen Blick, den schon Daniel bemerkt hatte. „Ja, ich erinnere mich.“
„Und Frau Doyle wirst du kennen“, fügte Gail hinzu.
In ihrer Eile hatte Emily die dritte Frau im Raum nicht wirklich bemerkt, aber sie sah jetzt, dass es die Schulleiterin war. Die Dinge müssen ernst sein, wenn sie auch hier war!
„Also?“, sagte Emily. „War es die neue Klasse, die das ausgelöst hat?“
Gail nickte. „Ich denke, wir wussten alle, dass dies passieren könnte. Aber vielleicht sollten wir Chantelle bitten, es uns zu erklären. Chantelle?“ Gail hatte eine unglaublich sanfte, liebevolle Stimme. Es war die Art von Stimme, die jeden aus einem Wutanfall herausholen konnte.
Das kleine Mädchen schluchzte wütend in der Ecke. „Ich HASSE sie!“, schrie sie.
Emily sah zu Fräulein Butler auf, und setzte voraus, dass sie diejenige war, auf die sich Chantelle bezog, und sah sie mitfühlend an. Sie wollte nicht, dass die Lehrerin dachte, dass es ihre Schuld war.
„Wen hasst du denn?“, fuhr Gail fort.
„LAVERNE!“, schrie Chantelle auf.
Emily erinnerte sich, wie Yvonne am Schultor getratscht hatte, dass Laverne der Name des neuen Mädchens war, das zerbrechlich wirkende Mädchens, das Bailey unter ihre Fittiche genommen hatte. Sie hatte noch nie gehört, dass Chantelles Stimme so schrill und durchdringend klang, so durchtränkt von Hass. Und sie hatte noch nie so viel Leidenschaft im Gesicht des jungen Mädchens gesehen, so viel Schmerz und Angst. Selbst in ihren früheren Wutanfällen wegen Sheila hatte Chantelle nicht so verzweifelt ausgesehen. Laverne war wirklich nach Chantelle gekommen. Emily konnte nicht begreifen, was sie getan haben könnte, damit Chantelle sie für schlimmer hielt als Sheila.
„Kannst du erklären, was mit Laverne passiert ist?“, fragte Gail leise. „Wir alle wollen verstehen, warum du dich so unglücklich fühlst.“
Dann sah Chantelle auf. Ihr Gesicht war rot vor Wut. „Sie hat mir Bailey geklaut.“
Emily runzelte die Stirn, verwirrt über die Erwähnung von Baileys Namen. Sie und Chantelle waren so dicke wie Pech und Schwefel.
„Was meinst du?“, hakte Gail nach.
Chantelles Gesichtsausdruck zeugte von unergründlichem Schmerz und Verletzung. Es bestürzte Emily, sie so zu sehen.
„Sie sagte, dass ich einen doofen Akzent habe“, rief Chantelle. „Und das Bailey nur eine Freundin mit blonden Haaren haben darf. Dann hat Bailey mir gesagt, dass Laverne ihre neue beste Freundin ist.“ Chantelles Gesicht brach. Statt Wut löste sie sich in Tränen auf, ließ ihren Kopf auf die Knie fallen und weinte bitterlich.
Emilys Hand flatterte zu ihrem Herzen. Das war zu viel zu ertragen.
„Können wir etwas tun?“, fragte Emily und sah Gail an. „Du verstehst, wie wichtig es für Chantelle ist, Konsistenz in ihrem Leben zu haben.“
„Natürlich“, antwortete Gail diplomatisch. „Du bist gut mit Yvonne, Baileys Mutter, befreundet, oder? Vielleicht solltest du mit ihr darüber sprechen?“
„Ich bin mir nicht sicher, wie das helfen wird“, antwortete Emily. „Bailey ist willensstark. Nur weil ihre Mutter ihr sagt, dass sie etwas tun soll, heißt das nicht, dass sie es tun würde. Wäre es nicht leichter, Laverne einfach in eine andere Klasse zu versetzen und sie dadurch einfach räumlich voneinander zu entfernen?“
Frau Doyle sah entgeistert aus. „Absolut nicht.“
„Aber sehen Sie nur, was es bei Chantelle anrichtet“, rief Emily aus.
Frau Doyle sprach offen. „Laverne ist neu hier, genau wie einst Chantelle. Sie hat in Bailey eine Freundin gefunden und es wäre grausam, ihr das zu nehmen.“
Emily spürte, wie ihre mütterlichen Instinkte sich schärften. „Mit Respekt, Laverne hat nicht die gleiche Geschichte wie Chantelle. Sie hat nicht die gleichen Schwierigkeiten durchgemacht. Wäre es nicht die einfachste Lösung, ihre Klassen jetzt zu wechseln? Um es im Keim zu ersticken, bevor es noch schlimmer wird? Wenn Laverne jetzt so gemein ist, wie viel schlimmer wird sie morgen oder übermorgen sein?“
„Es tut mir leid“, sagte Frau Doyle und schüttelte den Kopf. „Aber sie werden ihre Probleme untereinander regeln müssen. Gail kann sie anleiten und natürlich wird Fräulein Butler alles im Klassenzimmer beaufsichtigen. In diesen Situationen gibt es keine schnellen Lösungen, Frau Morey. Chantelles Umstände spielen dabei keine Rolle.“
Emily sah Gail eindringlich an. „Du bist auf meiner Seite, nicht wahr?“
„Es geht nicht um Seiten“, antwortete Gail. „Mir geht es um Chantelle und was das Beste für sie ist.“
„Lass mich raten“, sagte Emily. „Was ist das Beste für sie, dass sie einmal in der Woche in dein Büro kommt, um ihre Gefühle auszudrücken? Sie ist ein siebenjähriges Kind. Sie handelt nach ihren Emotionen, nach ihren Gefühlen. Wenn du hier sitzt und endlos mit dir sprichst, wird ihr das bei Mobbing nicht helfen.“
„Unsere Sitzungen sind sehr hilfreich“, antwortete Gail ruhig.
„Ich denke nicht, dass wir es so schnell Mobbing nennen sollten“, warf Frau Doyle ein.
Emily war wütend. Sie hatte das Gefühl, als würden alle Chantelle aufgeben. Wie konnte das kein Mobbing sein?
„Chantelle wurde wegen ihres Akzents verspottet. Ihr wurde die beste Freundin weggenommen. Dieses neue Mädchen hat sie geächtet. Wieso ist das kein Mobbing?“
„Emily“, sagte Gail leise.
Aber Emily war verärgert. Sie fühlte sich, als ob niemand im Raum bereit wäre, etwas Konkretes wegen der Situation zu tun. Alles, was sie anboten, war mehr von diesen endlosen Gesprächen, die sie im Augenblick für nutzlos hielt, wie Eheberatung für ein paar Kinder, die gerade alt genug waren, ihre eigenen Schnürsenkel zu binden!
„Was?“, sagte Emily wütend zu Gail, so kurz davor, ihre Beherrschung zu verlieren, dass es ihr Angst machte.
„Ich habe viel Erfahrung mit Situationen wie diesen“, fuhr Gail fort. „Ich werde Chantelle, Laverne und Bailey hier zusammen haben. Es gibt keine Schuld. Wir müssen nur einen Weg finden, dass alle gemeinsam den gleichen Raum einnehmen.“
Emily hatte genug gehört. „Das ist absurd. Du gibst dir die größte Mühe, um einen Bully zu beschützen. Komm Chantelle, wir gehen.“
Chantelle sah völlig überrascht aus. Sie blinzelte, ihre Wimpern waren feucht von Tränen, dann richtete sie sich auf. Emily fühlte sich erleichtert, als das Mädchen zu ihr eilte und ihre Arme fest um ihre Mitte schlang. Sie hatte getan, was sie als Mutter tun musste; ihr Kind bedingungslos zu unterstützen. Nichts davon war Chantelles Schuld, und das Letzte, was sie wollte war, dass das Kind dachte, dass sie etwas falsch gemacht hatte. Zusammen marschierten sie aus dem Büro.
„Mama, du zitterst“, sagte Chantelle, während sie durch die Korridore gingen, an Tilly an der Rezeption vorbei und auf die Steintreppe hinaus.
„Es tut mir leid“, erwiderte Emily und holte tief Luft. „Ich wollte nicht meine Beherrschung verlieren.“
Aber Chantelle schien von ihrem Wutausbruch abgelenkt worden zu sein. „Entschuldige dich nicht“, sagte sie mit weit aufgerissenen Augen. „Es war cool!“
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