Hartdegen wandte sich seinem Kollegen zu. „Eine kleine Anmerkung zu Ihrem Vortrag von vorhin, Professor Dr. Thomsen: Die Sowjetunion hat vor ihrem Untergang noch intensiv an einer Ebola-Pocken-Chimäre gearbeitet. Wir wissen nicht, wie weit sie damit gekommen sind. Es gab ja häufig Unfälle mit Biowaffen. Anfang April 1979 zum Beispiel wurde das ganze Gebiet von Swerdlowsk unter Quarantäne gestellt – eine defekte Abluftanlage eines militärischen Biolabors hatte Milzbrandsporen in die Umwelt geblasen. Unter dem Deckmantel der Erforschung von Infektionskrankheiten arbeiten Russland, die USA und andere Staaten trotz der Biowaffenkonvention von 1972 weiter mit tödlichen Erregern.“
„Gab es nicht auch im Zweiten Weltkrieg Einsätze von biologischen Waffen?“, fragte Lindberg. „Durch die Japaner zum Beispiel? Ich habe davon gelesen.“
„Ich nehme an, Sie spielen auf die Einheit 731 an“, entgegnete Hartdegen. „Alle kriegsführenden Nationen beschäftigten sich damals auch mit biologischen Waffen. Aber nach den entsetzlichen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verzichteten die meisten auf den Einsatz. Selbst die Deutschen. Die Japaner waren die einzigen, die sie großflächig einsetzten.“
„Sie erwähnten eine Einheit 731. Was hatte es denn damit auf sich?“, fragte Shahin.
Hartdegen nestelte umständlich an seiner Brille, bevor er antwortete. „Das ist eines der düstersten Kapitel dieses an Gräueltaten ohnehin reichen Krieges. Die Einheit 731 war eine militärische Organisation in der von Japan besetzten Mandschurei in China, die sich zunächst mit der Erforschung und Herstellung von biologischen Waffen befasste – und später auch mit ihrem Einsatz gegen Zivilisten. Rund dreitausend Menschen waren daran beteiligt, die meisten davon waren Biologen. Die Forschungsanlagen in der Stadt Harbin umfassten hundertfünfzig Gebäude auf sechs Quadratkilometern Fläche. Chef der Einheit 731 war der Arzt und Generalleutnant Ishii Shirō. Die gezüchteten Erreger wurden auch an Gefangenen erprobt. Man schätzte, dass mindestens dreitausendfünfhundert koreanische, chinesische, britische und amerikanische Kriegsgefangene dabei auf grausame Weise ums Leben kamen, möglicherweise sogar bis zu zehntausend.“
Am Tisch herrschte einen Moment Schweigen.
„Die ersten Einsätze gegen Städte erfolgten ab 1940“, fuhr der Experte fort. „Dabei wurden Keramikbomben abgeworfen, die mit pestinfizierten Flöhen gefüllt waren. 1942 wurden unter anderem Cholera-, Pest- und Typhuserreger über chinesischen Städten, speziell über Wohngebieten, versprüht. Dabei kamen wohl zweihundertfünfzigtausend Menschen ums Leben. Insgesamt hat Ishii Shirō wohl mehr als dreihunderttausend Menschen auf dem Gewissen.“
„Unfassbar …“, murmelte Shahin. „Was geschah mit der Einheit 731 bei Kriegsende?“
Hartdegen lächelte frostig. „Die japanische Armee ermordete alle Häftlinge, die bis dahin überlebt hatten, um Augenzeugen zu vermeiden; die Anlagen wurden zerstört. Dann setzte die Politik ein: Im Austausch gegen die Unterlagen und Daten der Forschung von der Einheit 731 ließen die USA die Beteiligten straffrei ausgehen. Man argumentierte, da man im Westen keine Menschenversuche anstelle, seien die auf diese Weise gewonnenen Daten sehr selten und damit besonders wertvoll.“
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