Wenn Autos, Fernsehgeräte oder Füllfederhalter als Diplomat , Konsul , Ambassador oder Kommodore / Commodore bezeichnet werden, dann wird damit nahegelegt, daß diese Produkte auch Ansprüchen so hochgestellter Persönlichkeiten genügen würden. (LÖTSCHER 1987: 312, Hervorh. i.O.)
Die Namen wecken Assoziationen an gehobene gesellschaftliche Stellungen und Macht, was den potenziellen Kunden positiv auf das Produkt einstimmen soll.5 Der Grundgedanke dieser Namenart besteht demzufolge darin, dass die Namen motiviert sind, also auf Eigenschaften des Namenträgers schließen lassen.
Weniger offensichtlich ist diese Wirkung bei semitransparenten Warennamen: Der Warenname Wella erinnert etwa noch an das Lexem Welle, Schauma an Schaum. Weniger transparent erscheinen Namen beispielsweise durch
die Veränderung […] der Buchstabenfolge, die Erweiterung oder Verstümmelung eines Lexems, die Verbindung oder Verschmelzung zweier Lexeme zu einem neuen Wort, sei es mit oder ohne eigene lexikalische Bedeutung, oder die Verwendung fremdsprachiger sprechender Namen. (LAMPING 1983: 42)
Mit abnehmender Transparenz wird auch die Semantik schwächer wahrgenommen: Wenn sich die Schreibung vom zugrunde liegenden Lexem entfernt, tritt damit die lexikalische Bedeutung in den Hintergrund. Dazu findet sich auch eine treffende Aussage bei KALVERKÄMPER, der feststellt, dass „eine graphische Anomalität (wenn man die normierte Graphie des Appellativs als ,normal‘ zugrunde legt) […] einen Verfremdungseffekt hervorruft“, sich der Name durch graphische Veränderung also vom Appellativ entfernt (1978: 324). Eine ähnliche Wirkung kann – darauf weist LAMPING in oben stehendem Zitat hin – auch durch die Verwendung fremdsprachlicher Lexeme erzeugt werden, weil dadurch die Semantik weniger offensichtlich wird.
Durch eine „transparent etymology“ (VAN LANGENDONCK UND VAN DE VELDE 2016: 31) hervorgerufene Konnotationen lassen sich nicht nur für Warennamen annehmen, sondern auch für andere Namenarten wie Spitznamen6 und literarische Namen.7 Für sie gilt weniger der „werbende“ Charakter, der hier für Warennamen als zentral erachtet wurde, sie können jedoch ebenfalls transparent sein und somit einen Aussagegehalt besitzen (LAMPING 1983: 42, ASCHENBERG 1991: 44ff.).8 In der Literatur zu den literarischen Namen wird auf einen weiteren Konnotationstyp verwiesen, den VAN LANGENDONCK UND VAN DE VELDE als „emotive meanings“ bezeichnen (2016: 32). Von diesem Konnotationstyp kann ausgegangen werden, wenn ein Name das Referenzobjekt „über seine Materialität“ (ASCHENBERG 1991: 46) charakterisiert. VAN LANGENDONCK UND VAN DE VELDE nennen als Beispiel diminutive Suffixe in Rufnamen wie Jan-tje oder Marie-ke, die verniedlichend wirken (2016: 32). ASCHENBERG (1991: 52ff.) und ELSEN (2008: 47) beziehen sich insbesondere auf die lautliche Materialität eines Namens:
Sprachbenutzer [können] mit Lauten, Buchstaben bzw. ihren Kombinationen gewisse Assoziationen verbinden […]. Die Ergebnisse sind nicht zufällig zustande gekommen und widersprechen der Vorstellung von reiner Arbitrarität zwischen Zeichen und Bedeutung. Es ist wohl von gewissen Tendenzen zu sprechen, von einer Randerscheinung, die nicht in strikte Regeln zu fassen ist. (ELSEN 2008: 47)
ELSEN verweist bei ihrer Analyse literarischer Namen insbesondere auf die Rolle der Vokale und stellt – auch unter Bezugnahme auf experimentelle Studien von ERTEL (1969) – fest, dass [i] mit Merkmalen wie klein und schwach und [a] mit groß und stark korreliere (2008: 46). Auch Autoren selbst verwiesen bei Befragungen zu Benennungsmotiven für ihre Figuren häufig auf lautsymbolische Aspekte. Sie gaben an, je nach Charakter der Figur eher wohlklingende oder missklingende Namen gewählt zu haben (DEBUS 2012: 209).9 In der Literatur zu den Warennamen sind ebenfalls Überlegungen zur lautlichen Wirkung zu finden. Hohe Sonorität ( Maoam , Beba ) werde eher mit Sanftheit, niedrige Sonorität und stimmlose Konsonanten im Auslaut ( Thomapyrin , Spontex ) eher mit Härte verbunden (LÖTSCHER 1987: 317).10 An dieser Stelle muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Wirkung von Lauten nur schwer objektivierbar ist. Sowohl DEBUS (2002: 69f., 2012: 209) als auch ELSEN (2008: 47) weisen darauf hin, dass es in der europäischen Forschung kaum Untersuchungen zur Lautsymbolik gibt.11
Wenn Spitznamen, Warennamen und literarische Namen einen semantischen Gehalt besitzen können, ergibt sich die Frage, ob bei diesen Namen überhaupt von Direktreferenz und Inhaltslosigkeit gesprochen werden kann. Denn für prototypische Namen wurde herausgestellt, dass sie auf ein Objekt „ohne ‚Umweg‘ über die Aktivierung einer potentiellen Bedeutung, einer prototypischen Gegenstandsvorstellung“ referieren (NÜBLING ET AL. 2015: 18). Aus diesem Grund ist die Inhaltsseite von de Saussures Zeichenmodell in der Abbildung oben durchgestrichen. KANY kam aufgrund dieses Paradoxes bereits 1995 zu der Schlussfolgerung, „daß die traditionelle These von der Inhaltslosigkeit der Eigennamen (EN) nicht aufrechtzuerhalten ist“ (1995: 512).
In Einklang bringen lassen sich diese beiden Aspekte, wenn streng zwischen Form und Funktion des Namens unterschieden wird. Denn ein Name mit einer „transparent etymology“ hat zwar die gleiche Form wie ein Wort mit einer konzeptuellen Bedeutung (in der Regel ist es ein Appellativ) – und diese kann bei der Referenz auch durchaus mitwirken, dies ändert jedoch nichts an der spezifischen Referenzweise des Namens. Er referiert trotzdem auf genau ein Objekt, ohne dass dafür semantische Merkmale benötigt werden. Wäre die Semantik bei der Referenzweise aktiviert, würden Wörter wie Ambassador und Diamant als Gattungsbezeichnungen auf Botschafter und Diamanten referieren – und nicht auf ein Uhrenmodell von Hugo Boss und einen Fahrradhersteller. Dieser Zusammenhang von Name und Denotat leitet sich nicht aus den Merkmalen der Objekte ab, sondern muss gelernt werden. KANYS Aussage, ist daher insofern zuzustimmen, als Namen durchaus aus bedeutungshaltigem Material gebildet werden können. Ihre Funktionalität, den eindeutigen Bezug auf ein Denotat herzustellen, ist von einer konzeptuellen Bedeutung jedoch entkoppelt.12 LEYS ist daher ebenfalls zuzustimmen, wenn er die These aufstellt „dass es die alleinige Funktion des Eigennamens ist, zu referieren und dass er dazu kein einziges semantisches Merkmal braucht“ (LEYS 1979: 72).
3.3 Die Semantik der Namen
Ein Thema, das in der Linguistik, aber auch in der Philosophie und der Psychologie viel diskutiert wurde, ist die Frage nach der Semantik der Eigennamen. Aus der Perspektive der verschiedenen Disziplinen gilt es als unumstritten, dass die meisten Namen diachron betrachtet eine Bedeutung aufweisen. Da sie größtenteils aus Appellativen hervorgegangen sind, haben sie eine etymologische Bedeutung. Uneinigkeit besteht in der Forschung jedoch bei einem synchronen Blick auf die Namenbedeutung.
Nach HANSACK lassen sich bei der Frage nach der Namenbedeutung drei grundverschiedene Auffassungen ausmachen (2004: 52): In einer traditionellen Perspektive der Philosophie und der Linguistik werden Namen als bedeutungslos betrachtet, sie gelten als „ohne Semantik“ (zurückgehend auf MILL 1843: 19–58, erwähnt aber auch bei LEYS 1979: 70, NÜBLING ET AL. 2015: 13 und bei VAN LANGENDONCK UND VAN DE VELDE 2016: 27). Des Weiteren existiert die Vorstellung, Namen seien semantisch reduziert, verfügen also gegenüber Appellativen über eine eingeschränkte Semantik. Die dritte Auffassung geht auf den dänischen Sprachforscher JESPERSEN zurück und besagt, dass Namen ein Maximum an Bedeutung haben (1968: 65–71). Die gegensätzlichen Vorstellungen von der Bedeutungsleere der Namen einerseits und der maximalen Bedeutung von Namen andererseits sowie die Kritik an ebendiesen Vorstellungen werden im Folgenden kurz erläutert.
Читать дальше