Die Agenten hatten die Absicht, während dieser drei Tage unsere Spuren nicht aus den Augen zu verlieren. »Aber das geht nicht«, rief Landauer, »wenn du schon einmal mit der Polizei verhandelt und von ihr ein Darlehen aufgenommen hast, dann bitte, verhandle noch einmal mit ihr und sage, daß sie uns in Ruhe lassen solle. Es wird uns ja der ganze Spaß an den drei Tagen verdorben, wenn wir diese Visagen dauernd hinter oder neben uns haben.« Als wir am anderen Morgen das Haus in Pankow verließen, trat ich auf die beiden »Geheimen« zu und schlug ihnen vor, daß ich sie gern am Abend an einem vereinbarten Ort wieder treffen wolle, damit sie sich von meiner Existenz überzeugen könnten, dieses ewige Nachgerenne aber sei uns lästig und das könnten wir uns nicht gefallen lassen. Die beiden schwerfälligen Gestalten zuckten die Achsel: »Dienst! Muß sein.« Als ich Landauer das Scheitern meiner diplomatischen Verhandlungen meldete, fuhr er auf: »Das sollen sie büßen.« Im Nu hatte er einen Schlachtplan entworfen. Die drei Tage wollten wir genießen, wie wir in Berlin noch keine genossen hatten. Ich weiß nicht, woher Landauer plötzlich sein kleines Kapital aufgetrieben hatte, aber von dem Augenblick des Scheiterns der diplomatischen Verhandlungen an sind wir in diesen drei Tagen überhaupt nicht mehr zu Fuß gegangen. Wir fuhren in den schnellsten Droschken, und immer mußten die armen Wichte hinter uns einsteigen. Die Spesen der polizeilichen Überwachung stiegen von Stunde zu Stunde. Mittag fiel es Landauer nicht ein, in die akademischen Bierhallen oder zu Kempinski zu gehen, nein, wir saßen in einem Separé eines pompösen Berliner Weinlokals, und die armen Wichte der Polizei mußten unten in der Gaststube warten, bis unser stundenlanges Symposion beendet war. Flugs saßen wir wieder in der flinksten Droschke, dann lief man quer durch ein Haus unter den Linden, dann stürzte man in größter Eile bei dem einen Eingang des Café Bauer hinein und bei dem anderen wieder hinaus, wieder in die Droschke, wieder in ein anderes Lokal, und so ist es uns gleich am ersten Tage gelungen, die Polizei von unseren Fersen zu schütteln. Ganz demütig sprachen die armen Burschen am nächsten Morgen in Pankow bei uns vor und baten, im Interesse ihrer Kasse und eines etwas erleichterten Dienstes, wir möchten ihnen doch unser Tagesprogramm vorlegen, und sie würden uns, wenn wir uns ihnen nur zweimal am Tage an den vereinbarten Stunden zeigten, ungestört tun lassen, was wir wollten. Die drei Tage vergingen im Rausch. Es wurde beschlossen, daß ich doch nicht wieder nach Wien zurück sollte. Sollte ich allein im Café Griensteidl sitzen? Nein, Wien war jetzt nicht für mich zu ertragen. Ich wollte nach Brüssel gehen und dort zu den Füßen von Krapotkin und Elisee Reclus kommunistische Theorie lernen.
Annie R. begleitete mich allein zum Bahnhof.
Eintritt in die Literatur
Dieses Mal hatte ich ein Recht auf Schwermut. Aus den Festtagen, zu denen Landauer die dreitägige Frist in Berlin gestaltet hatte, kam ich nervenwund nach Brüssel. Zudem hatte ich im Schnellzug durch eine Erkältung mir eine geschwollene Backe geholt, und so langte ich in ziemlich kläglichem Zustand in der belgischen Hauptstadt an. Ich hatte übrigens den kuriosen Einfall, mich mit dieser geschwollenen Backe photographieren zu lassen und Annie mein lächerliches Bild zuzuschicken. Sie muß ihr hellstes Lachen angeschlagen haben, als sie die Karikatur ihres geschwollenen Freundes erblickte. Mir war wahrhaftig nicht lachhaft zumute.
Diese zwei, drei Monate in Brüssel gehören auch noch zu dem düsteren Jugendtraum, von dem mir fast kein Erinnerungsbild übriggeblieben ist. Ich wohnte draußen in St. Gilles, neben einem jungen österreichischen Unabhängigen, dem Sohn eines berühmten Staatsrechtslehrers, Dr. Ladislaus Gumplowicz. Er hat für mich Bedeutung bekommen, weil er mir geholfen hat, aus einem dunklen Phantasiereich endlich fest auf die Erde, und zwar auf die österreichische Erde, zu steigen.
An der Université Libre wirkten damals die Brüder Elisee und Elie Reclus, dann und wann tauchte auch Peter Krapotkins ehrwürdiges Haupt auf. Elisee Reclus, ein Geograph aus innerstem Beruf, war während der Kommune Direktor der Bibliothèque Nationale in Paris geworden. Als General Gallifet, der Blutige, in Paris einzog, stellte er die Brüder Reclus vor ein Kriegsgericht, das die beiden, die nichts verbrochen, als daß sie die Schätze der Nationalbibliothek in den unruhvollsten Tagen vor jeder Beschädigung bewahrt hatten, zu lebenslänglicher Deportation verurteilte. Erst als ein Schrei durch die wissenschaftliche Welt Europas ging und die Londoner Geographische Gesellschaft für Reclus intervenierte, verstand sich Thiers dazu, die Deportation in lebenslängliche Verbannung umzuwandeln. Die Brüder Reclus haben die französische Erde bis zu ihrem Tode nicht mehr betreten. Elisee Reclus hat sein grandioses Lebenswerk, neunzehn schwere Bände, die den einfachen und darum monumentalen Titel La Terre erhielten, im Exil vollendet. Seine Vorlesungen, zu denen Gelehrte aus allen Teilen der Welt strömten, waren so schlicht, daß Arbeiter und Jünglinge ihm folgen konnten. Geographie, das bedeutete ihm Geologie und Volkswirtschaft, Religionswissenschaft und Botanik, Erd- und Menschenkunde. Mit Krapotkin verband ihn ein Glaube an die natürlichen Solidaritätsinstinkte des Menschen – Gegenseitige Hilfe in der Natur heißt ja Krapotkins Hauptwerk. Die Bedeutung der beiden Geographen bestand schon damals in ihrem Widerstand gegen die Darwinschen Theorien. Es ist nicht wahr, daß immer der Stärkere siegt, ebenso merkwürdig sind auch die Siege der verbündeten Schwachen. Der Löwe ist nur in den Kinderbüchern der König der Tierwelt. Was ist dieser einsame Freibeuter neben der Bienenkönigin, der ein Staat gehorsamer Untertanen zu Füßen liegt? Reclus glaubte an die mutualistischen Kräfte, die allein kulturerzeugend sind, und deshalb haben ihn hurtige Journalisten einen Anarchisten genannt. Reclus hatte das schlichte Pathos der großen Naturen. Dabei war er ein Kind, das Opfer jeder Heilslehre. Unter anderem war er auch Vegetarier. Seine Beschützerin und Freundin, Madame de Brouckere, erzählte eines Tages lachend, wie Elisee Reclus blaß, vernichtet in ihr Zimmer stürzte und ausrief: »Meine Frau betrügt mich.« Niemand wagte ein Wort zu fragen, obwohl alle die Beschuldigung der würdigen Dame für ziemlich unwahrscheinlich hielten. Erst nach einer Pause der Beklemmung rang sich von Reclus’ Lippen die Anklage los: »Denken Sie sich, ich habe sie heute vormittag ertappt dabei, wie sie gehacktes Fleisch in meinen Spinat mischte.« Weniger Kind, ironischer und fröhlicher war sein jüngerer Bruder Elie Reclus, der an der Université Libre das merkwürdige Fach Dämonologie lehrte. Das war Geschichte der Religionsanfänge. Er erklärte die Entstehung des Gottesbegriffes aus den Angstvorstellungen der primitiven Völker, und sein Lieblingsmaterial in dem Seminar, in dem er plaudernd dozierte, waren die fratzenhaften Masken der Australneger, die er als die ersten Bilder Gottes seinen Schülern reichte. In anderen Zeiten wären diese Vorlesungen sicher fruchtbarer für mich gewesen. Es bedeutete schon viel, daß ich sie in meiner damaligen Verfassung aufnehmen konnte. Trotz Krapotkin und Reclus war ich innerlich nicht mehr in Brüssel. Wie ich zuletzt in Paris mit meinem lieben Huber eigentlich nur von Gesprächen über Österreich lebte und zehrte, so war ich jetzt in Brüssel den Unterhaltungen mit Gumplowicz verfallen, und das Um und Auf unserer Gespräche war Österreich, Wien, die Absage an den Anarchismus, das Aufgehen in einer breiten, alle Strömungen umfassenden sozialistischen Bewegung, die Flucht aus der Sekte. Die Meldungen aus Wien, die wir in den belgischen Zeitungen lasen, wurden immer dramatischer. Belgien selbst hatte damals ganz ähnliche politische Kämpfe durchgemacht wie Österreich. Eine mächtige klerikale Regierung wurde von einer immer kühneren Arbeiterbewegung angerannt. Hier wie dort spukte der Generalstreikgedanke, und das eigentliche Schlagwort in Österreich war damals: »Wir müssen belgisch reden.« (Immer hat der Österreicher nach einem Vorbild reden müssen, russisch reden, preußisch reden, belgisch reden, und dabei war die Volksbewegung in Österreich so grundecht und natürlich, daß sie es nicht nötig hatte, sich nach Vorbildern umzusehen.) Die österreichische Wahlrechtsbewegung jagte Ministerium auf Ministerium weg. Eine ungenügende Reform folgte der anderen. Dem Kokettieren mit den Arbeiterführern folgten unvermittelt Polizeiattacken, Straßenschlachten, unernste Versuche der toleranten Österreicher, Bismarcks Blut- und Eisenherrschaft zu imitieren. Nicht der Kahlenberg und nicht die Seen des Salzkammergutes riefen mich in meine Heimat, sondern die großen politischen Kämpfe, bei denen ich nicht abseits stehen wollte. Beiläufig gesagt, die Jugend wird nie durch lyrische Gedichte, sondern nur durch dramatische Kämpfe heimatbewußt.
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