Nun fiel Sonnenlicht zwischen den Vorhängen ins Zimmer. Es wurde früh hell, und innerhalb weniger Minuten war die Nacht vorbei. Der Mann drehte sich zu Irene um und legte seine Hand um ihre Taille. Es fühlte sich richtig an, als ob seine Hand und ihre Taille ganz selbstverständlich zusammengehören würden, und er streichelte sie eine Weile, ehe er zu sprechen begann.
»Wie magst du deinen Kaffee?«
Der Mann hatte Schlaf in den Augen und seine Haare lagen platt an der Seite seines Kopfes. Er wirkte ausgeruht. Und glücklich, oder wenigstens nicht traurig. Irene machte sich trotzdem nichts vor. Ihr war klar, dass sie nicht bei ihm bleiben und ihn nur wieder enttäuschen würde. Aber für einen kurzen Moment färbte seine Freude auf sie ab, sie war zufrieden, weil er es auch war, und sie lächelte.
»Schwarz, bitte.«
Er brachte ihr die Tasse ans Bett und strahlte sie an wie jemand, der ein Lob erwartet, weil er etwas Großartiges gemacht hat. Um seine Augen herum zeichneten sich Falten ab, wenn er so leise vor sich hin lachte.
Irenes Blick fiel auf die Bilder an der Wand, die Kinderzeichnungen. Manchmal genügte so ein Augenblick, so eine Kleinigkeit, die störte, obwohl sie gar nicht wichtig war, um Irene daran zu erinnern, dass sie nirgends bleiben wollte. Irgendetwas hielt sie immer fern, von allen. Auf einem der Bilder war eine grüne Wiese mit einem Baum, dieses hatte sie am Abend noch nicht gesehen. Sie fragte sich, warum das Kind keine Menschen malte. Die meisten Kinder, die sie kannte, malten ihre Eltern oder ihre Geschwister, oder irgendwelche anderen Kinder. Hier waren nur verlassene Häuser und Wiesen und lachende Schmetterlinge. Irene glaubte nicht, dass sie das Kind besonders mögen würde.
»Du, ich muss bald los. Bitte entschuldige. Danke für den Kaffee, der tut gut. Und danke, dass ich hierbleiben durfte.«
Er wollte sich seine Enttäuschung nicht anmerken lassen, tat es aber doch, jedenfalls glaubte Irene, sie ganz deutlich zu sehen. Sie mochte die Stimmung nicht, die nun zwischen ihnen entstand; sie mochte ihr Weggehen nicht begründen und seine Traurigkeit nicht länger sehen. Sie ging ins Bad, schloss die Tür hinter sich ab und setzte sich auf eine Wäschetruhe. Sie hatte weder eine Zahnbürste dabei noch irgendetwas anderes, das sie hätte gebrauchen können, um die letzte Nacht von ihrem Körper zu waschen, zu putzen oder zu schrubben, aber der Platz auf der Truhe war ihr für den Augenblick trotzdem recht. Unter dem Deckel lugte ein weißer Zipfel hervor. Irene erhob sich und zog daran; es war ein T-Shirt. Sie grub ihr Gesicht tief in den Baumwollstoff und atmete ein. Er war weich und roch gut. Nach Waschmittel, der Haut des Mannes, nach seinem Duschgel, ein wenig verschwitzt. Sie faltete es zusammen, rollte das gefaltete T-Shirt wiederum auf, bis es so klein war, wie es nur sein konnte, und ließ es auf dem Weg zurück zu dem Mann in ihrer Tasche verschwinden. Er merkte nichts davon und lächelte sie zum Abschied an. Er hatte kleine Grübchen auf den Wangen und wieder diese Lachfalten um den Mund, aber in seinen Augen las Irene noch etwas anderes, etwas Trauriges, vielleicht eine Ahnung, dass das, was er sich von Irene wünschte, keine Aussicht auf Erfüllung hatte.
Er versuchte danach noch ein paar Mal, sie anzurufen, doch nach einigen Tagen gab er auf. Irene fuhr oft mit dem Rad durch die Gneisenaustraße, wenn sie auf dem Weg zur Uni war. Dann dachte sie an ihn. Sie war nicht mehr sicher, welches der Häuser seines war, also suchte sie eines aus, das es hätte sein können: einen besonders prächtigen, restaurierten Altbau mit Balkonen im Vorderhaus. Wenn sie daran vorbeifuhr, wagte sie kaum hinzusehen, beschleunigte das Tempo und richtete den Blick ganz gerade auf den Radweg vor ihr.
Es war heiß draußen. In Kyōto sagte man, wenn es im Winter besonders kalt war, dass die Kälte aus dem Boden zu kommen schien. Nun glühte der Asphalt, als käme die Hitze direkt aus dem Inneren der Erde. Im Hotel dagegen war es angenehm kühl. Die Klimaanlagen ließen einen das Wetter außerhalb des Gebäudes ohnehin völlig vergessen. Hier war man unabhängig von Jahreszeiten und Wetterlaunen, die Temperatur war immer gleich, die Luftfeuchtigkeit immer genau richtig.
Irene hatte sich völlig verloren in ihren Gedanken, in Geschichten über Hotelgäste, die sie kein bisschen kannte und denen sie deshalb alles andichten konnte, was sie sich nur vorzustellen vermochte. Als sie Zimmer 1009 öffnete und ihr Putzzeug hineintrug, überließ sie die Arbeit wieder ganz ihrem Körper, ihren Muskeln. Den Mann bemerkte sie erst, als er sich zum zweiten Mal räusperte und sich im Bett aufsetzte.
» Sumimasen Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.
! Gomen nasai Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.
! Sumimasen!« Irene wusste nie, welche der beiden Phrasen angemessen war, wenn man sich entschuldigen musste. »Sumimasen!« Sie schrie fast, ihre Stimme klang fremd und sie spürte die Röte bis in die äußersten Ohrenspitzen kriechen. Sie verbeugte sich. Und verbeugte sich erneut, diesmal tiefer. »Gomen nasai«, sagte sie noch mal, leiser, ehe sie bemerkte, dass der Mann nicht sehr japanisch aussah. Sie versuchte es auf Englisch. Er beschwichtigte sie auf Deutsch, ganz ohne Akzent. Irene brauchte einen kurzen Moment, um zu begreifen, dass sie nicht für sich selbst zu dolmetschen brauchte.
»Es ist alles okay. So was passiert. Und gar nicht mal selten.«
Der Mann sah sie freundlich an.
»Diese Schilder an der Türklinke kann man nun wirklich übersehen. Ich bin öfter in Hotels, als mir lieb ist, und glaub mir: Das passiert nicht zum ersten Mal. Nun schau nicht so erschrocken, ja?«
Er rieb sich die Augen und zog die Decke ein wenig höher über die Brust, auf der sich graue Haare kräuselten.
Seine Hände waren ein wenig zu kräftig für seinen Körper, und Irene konnte nicht anders, sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt sofort unter seine Decke kriechen könnte. Die warme Haut zu spüren und die Müdigkeit riechen zu können und seiner fremden Stimme mit der vertrauten Sprache noch weiter zu lauschen. Es war aber nun mal keine Option und schon gar kein guter Stil, sich als Zimmermädchen einfach so unter die Bettdecke der Hotelgäste zu legen. Auch nicht, wenn es da etwas Gemeinsames gab – und was konnte schon gemeinsamer sein als eine gemeinsame Sprache, in der man sich unterhalten konnte? Das wurde ihr klar, als der Mann zu sprechen begonnen hatte. Es war so simpel, alles, wonach sie sich sehnte, waren ein paar Worte, die nicht übersetzt werden mussten. Die schwere und geschlossene Silben hatten, nicht wie das Japanische. Die sich zu Sätzen fügten, die einen Sinn ergaben, den man nicht erst zu entschlüsseln brauchte, die keine Floskeln enthielten, die man nur begreifen konnte, wenn man sich ausgiebig mit den japanischen Gesellschaftsverhältnissen der letzten hundert oder hunderttausend Jahre beschäftigt hatte.
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