„Leck mich am Arsch mit Superschnüffler! Ich bin’s. Willi!“
„Aber …“
Wo war Horst?
Willi, dem Schwein, gehörte das Swedish Pornhouse oben am Gürtel, wo er Pornofilmklassiker mit Jack Schleck in der Hauptrolle abspulte oder mit Titt Eklund. Von der hatten wir für die Sommermonate ein Special ins Programm gehoben, eine wirklich sehr schöne Auswahl ihrer besten Filme, von denen man sich Titt and Butt , Die zwei Superbomben von Tittfield oder Tittanin der Großstadt , wo sie als Landpomeranze in eine Großstadt zieht und sich dort in Grund und Boden pimpern lässt, unbedingt und gerne auch zweimal anschauen konnte. Aber mir fehlte noch ein richtig guter Text für die Plakate, einer, der mehr ausdrückte als „Geil!“. Ich dachte, dass Willi mich vielleicht deswegen anrief, also schaute ich Ku neben mir erwartungsvoll an, der aber mit seinem zerstörten Gesicht gerade nicht so aussah, als würde ihm etwas Geiles zu Titt Eklund einfallen. Außerdem schlief er.
Ich fragte: „Willi, was ist?“
Traditionell zum 1. Juni jeden Jahres zog Willi sich für zwei Monate aus dem Tagesgeschäft seines Pornhouses zurück und übergab mir die Schlüssel dafür, weil verdammt noch mal die ganzen Lehrer, die den Frühling über zu ihm kamen, um sich Verzückte Schulmädchen oder Director’s Slut anzuschauen, mit ihren Familien im Sommer „etwas unternehmen“ mussten, sprich: nach Kroatien fahren oder ins Waldviertel zum Camping oder Rafting. Beziehungsweise gab es auch die, die „mal überhaupt nichts machen“ wollten, was natürlich lächerlich klang, wenn man Lehrer war und das ganze Jahr lang ohnehin nichts machte.
Es war aber einfach im Sommer nicht viel los im Pornhouse, jedenfalls nicht so viel, dass Willi persönlich dort anwesend sein musste. Also hatte er mich wie jedes Jahr gefragt, ob ich Zeit hätte, ihn in sein Sommerhäuschen zu bringen, und verdammt: Ich hatte Zeit! Allerdings wusste ich langsam nicht mehr so recht, ob es gut oder schlecht war, wenn man als Mann so viel Zeit hatte. Man war heute irgendwie schnell ein Außenseiter, wenn man immer ein bisschen Zeit übrig hatte für seine Freunde, und man musste sich irgendwie rechtfertigen, wenn es nichts zum Aufschieben gab. Letztlich musste man aber einfach dazu stehen, dass man Zeit hatte, wenn man sie hatte.
Willis Datscha lag draußen an der Alten Donau in einer Gartensiedlung namens Neu-Brasilien. „Brasilien“ machte Willi irgendwie geil, obwohl man mit sechsundsiebzig die richtig geilen Jahre bereits hinter sich hatte. Daher bedeutete Gartensiedlung in seinem Fall: weiße Brusthaare auf braun gegerbten Männertittchen; ledrige Haut an klapprigen Kartenspielern; Duft nach Grill und Bier; enge, vielleicht zu enge Badehosen; und gequetschte Brüste in spitzen BHs. Alles war da draußen irgendwie ganz James Bond, aber halt James Bond 1954.
Ich hatte Willi also dorthin gebracht und ihm den Griller geputzt, bis ich aussah wie der eine von den Heiligen Drei Königen. Dann hatte ich noch den Schlauch an die Freilanddusche angehängt, weil Willi dazu neigte, in seinem Garten auch mal ganz nackt herumzulaufen, sich x-mal am Tag in der prallen Sonne zu duschen und dabei seinem weißbehaarten Glockenspiel alle Freiheiten zu gönnen. Als ich auch damit fertig war, hatte er noch meine Eselsgeduld getestet und gesagt: „Bringst du mir den Gelsenspray? Bringst du mir das Handtuch? Schraubst du mir die Birne rein? Und vergiss nicht die Grillkohle, wir haben keine Grillkohle!“ Und als ich dann endlich gehen wollte und schon beim Ausgang stand, machte er einen auf Pornokino-Vollchef und rief mir nach: „Weißt du überhaupt, wo der Schlüssel für den Vorführraum ist?“
„Natürlich.“
„Und weißt du auch, wohin du die Tageslosung geben musst?“
„Aber ja.“
„Und weißt du vielleicht auch, wie sehr mir der Arsch weh tut, wenn ich noch länger hier herumstehen muss? Also hol endlich die Polster für die Gartenmöbel!“
Während der letzten Jahre war es immer schwieriger geworden mit ihm, und ich musste mir einen immer strengeren Ton gefallen lassen, was nicht nach meinem Geschmack war.
Darum machte ich den Job bei ihm im Pornhouse eigentlich nur noch aus zwei Gründen:
– Die Superschnüfflergeschäfte liefen schlecht und immer schlechter.
– Irgendwann würde ich alles erben, was Willi sich aufgebaut hatte, und ich würde halbwegs davon leben können. (Wobei das eine gewagte Prognose war, wenn man bedachte, wie viele Leute mittlerweile Pornos lieber auf ihrem Scheißphone schauten als in Willis Pornokino!)
Seit gestern Mittag jedenfalls spielte er dort draußen Karten mit seinen drei Kumpels Fritz „Bauchstich“ Hawelka, Freddy „Benz“ Friedl und dem „Schlauch“, einem nigerianischen Pfarrer (oder was weiß ich, was er war!), der von dort, wo er herkam, flüchten musste und – vorübergehend!, wie er sagte – als gern gesehener Gast in irgendeiner Immobilie der Brüder vom Heiligsten Herzen Jesu untergekommen war. So lange, bis er halt wieder nach Nigeria zurückdurfte, was – wie er auch sagte – sein dringendster Wunsch war.
Mein Brotha Lovegod, der zwar nicht mein Bruder war, aber eben mein Brotha und der ebenfalls aus Nigeria stammte und drüben in Bratislava den Crystal-Meth-Markt beherrschte, hatte ihn letzten Sommer mal mit zu uns ins Kino genommen, wo wir extra für ihn Kerzen & Schmerzen auf den Spielplan setzten. Und als der Film dann vorbei war, hatte Willi ihn gefragt, ob er Tarock spielen könne.
Erwin „Fleischhaube“ Schnöll, der bis dahin zu Willis Kartenrunde gehörte wie der Senf zur Wurst, hatte nämlich im Winter davor einen Herzinfarkt erlitten, und zwar in Thailand. Und zwar auf einer Thailänderin, die einen Schwanz hatte! „Das ist so verdammt traurig“, hatte Willi in der Folge immer wieder gesagt. „Man fährt mit so viel Hoffnung dorthin, und kehrt ohne jede Hoffnung im Sarg wieder zurück. Und das Letzte, was man in seinem Leben sieht, ist eine Frau, die einen Schwanz hat!“ Und wirklich: Trauriger, als mit dem Blick auf eine Frau, die einen Schwanz hat, konnte das Leben eines Mannes nicht enden. Und hoffnungsloser als in einem Sarg konnte man danach nicht reisen. („Vielleicht hat sich die Fleischhaube ja einfach übernommen?“, hatte ich in einem Anflug von Vernunft und Wirklichkeitssinn, der mich nun immer öfter ereilte, je älter ich wurde, gefragt. Die thailändischen Bullen hatten die Fleischhaube nämlich im Hotelzimmer mit gleich drei Thailänderinnen gefunden, von denen eben zwei gleichzeitig auch Thailänder waren und sich über die Hosentaschen von Erwin hermachten, um dort nach Verwertbarem zu suchen, während die dritte Thailänderin ohne Schwanz ihn am Schwanz massierte. Nicht bis zum Happy End, sondern bis zum bitteren Ende.)
Der Pfarrer war gerne eingesprungen, und ich hatte dann wirklich gehofft, dass mit ihm am Kartentisch für die nächsten Jahre Ruhe einkehren würde, weil John James, wie er mit vollem Namen hieß, erst Anfang fünfzig war und somit noch ein paar Jährchen vor sich haben sollte.
Aber jetzt?
Es war wie im verdammten Kindergarten! Denn Willi sagte mir nun, dass ihn vorhin Trudi, die Gattin von Bauchstich-Fritz, angerufen und ihm mitgeteilt hätte, dass dieser während der letzten Nacht, als er wieder einmal pissen gehen musste, einfach umgefallen und gestorben war.
Ich fragte müde: „Ganz ohne Bauchstich?“
„Ganz ohne Bauchstich.“
Da baute man sich sein Leben lang einen entsprechenden Ruf auf, steckte zehn Bauchstiche weg wie nichts, und dann fiel man einfach beim Pissen um!
Müde fragte ich: „Und jetzt?“
„Jetzt musst du für Fritz einspringen!“
Sonst würde das bei ihm nämlich mit dem gelungenen Sommer draußen im Gartenhäuschen nichts werden, trotz Azorenhochs. Und mit sechsundsiebzig war natürlich immer die Frage, wie viele gelungene Sommer es insgesamt noch werden würden.
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