Gelegenheitsarbeiter, wenn es ihm passt, denn mir reicht das bisschen, was ich zum Essen und für meine Zigaretten brauche, erwidert er denen, die ihn einen Faulpelz nennen. Blenio Turismo, von dem rund hundert Ferienhäuser im ganzen Tal verwaltet werden, hat ihm die Instandhaltung von vier Hütten anvertraut. Praktisch muss er nur die Vorgärten für die Touristen während der Sommersaison in Schuss halten. Einzelkind und mit zehn Jahren Waise geworden. Seine Eltern sind bei einem Autounfall zwei Serpentinen unterhalb des Dorfs gestorben, im späten November von der vereisten Straße abgekommen. Er ist von den Großeltern und seinen Onkeln und Tanten aufgezogen worden. Junggeselle, vielseitiger Musiker, blind wie ein Maulwurf. Trägt aber keine Brille, weil er sowieso nicht gern Bücher liest, wie er sagt.
Müder Gang, Gummistiefel, eine Selbstgedrehte im Mund, bleibt er stehen, um Vittorina zu grüßen und zu verschnaufen. Er hustet heftig, wendet den Kopf ab und rotzt auf das Pflaster, zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und putzt sich die Nase, macht schließlich ein paar Bemerkungen über den Garten.
Danach trinkt er Wasser im Waschhaus und kommt zu uns. Aus der Nähe sieht er erst recht aus wie ein schmutziger Lumpen am Stiel. Triefäugig und strubbelige, fettige Haare, die ihm am Schädel kleben. Bleich und mit gelben Zähnen fragt er Felice, ob er sich ein Tickchen Salat nehmen darf, nur ein Tickchen, denn zur Zeit bring ich nichts anderes runter als Grünzeug, sagt er. Muss wohl sein, dass ich irgendwas nicht richtig verdaut hab, muss wohl. Weiß nicht. Sein Atem stinkt nach Zigaretten und Alkohol.
Er schneidet etwas Salat mit einem Schweizer Armeemesser ab, und als er eine halbe Tüte voll hat, geht er wieder. Ciao, Kaminfeger, rufe ich ihm hinterher, worauf er eine müde Geste macht, kaum den Kopf hebt. Wir sehen ihm nach, bis er hinter der Kurve verschwunden ist, dann stupst Felice mich mit dem Ellbogen an und erzählt mir ein Gerücht, das ich schon von anderen im Dorf gehört habe. Es heißt, dass die selige Mama von Floro es faustdick hinter den Ohren hatte. Und dass der selige Kaminfeger wohl kaum der leibliche Vater von Floro war, denn wie zum Teufel soll diese Frau einen so großen und so blonden Sohn zur Welt gebracht haben, der aussieht wie ein Deutscher, während wir hier im Tal alle klein und schwarzhaarig sind? Felice wirft mir einen ernsten Blick zu, seufzt und steht auf, geht mit seinen kräftigen, schwieligen Füßen über die Kieselsteine des Pflasters.
Ich beobachte, wie Vittorina mit zwei Zucchini unter ihren zarten Flügeln ins Haus zurückkehrt, und folge ihm dann hinter den Schuppen. Dort, unter einem Schutzdach, gibt es einen Holzstapel. Dicke, lange Scheite. Damit sie in die Sarina passen, muss er sie zersägen und dann mit der Axt spalten. Es gibt eine Säge, und es gibt eine Axt. Wortlos machen wir uns an die Arbeit.
Einen halben Kubikmeter Feuerholz später sagt Felice bòn, legt die Säge ab und geht zum Waschhaus. Er zieht sein Hemd aus, wäscht sich und trinkt. Dann geht er tropfend los, das Hemd über die Schulter geworfen. Ich hinterher. Wir erreichen die Piazza gleichzeitig mit dem Schulbus aus Acquarossa. Grundschule und Mittelstufe. Am Steuer sitzt Giovanna, Titos Tochter, von den Dorfjungen Giovanna Tutta Panna genannt, reinste Sahne, womit sie recht haben.
Duska und Priska, acht Jahre alt, steigen aus. Zweieiige Zwillinge. Duska, immer den Inhalator für ihr Asthma in der Hand, die arme Kleine, ist oft krank, und das sieht man ihr an. Sie wiegt ein paar Kilo weniger als ihre Schwester und geht langsam. Es sind die Töchter der Lehrerin Sabina, Teilzeitlehrerin im Kinderhort von Acquarossa.
Auch Giulia und der kleine Elia steigen aus, dreizehn und neun Jahre alt, die Kinder von Sosto und Paolina. Der kleine Elia ist ein aufgewecktes Kind, das Brot und Fuchs gefrühstückt hat, wie man im Dorf sagt. Giulia dagegen, mit ihrem Metallica-T-Shirt, den zerrissenen Jeans, langen Haaren und Ohrstöpseln, ist ein Fall für sich mit einem Faible für Heavy Metal. Sie redet kaum, noch weniger als Marietto. Manche sagen, dass sie nicht ganz dicht ist wegen der Musik, die sie hört. Andere behaupten, dass sie mal eine Künstlerin wird, vielleicht Musik macht so wie Floro oder malt wie Orazio Picasso, ein Landschaftsmaler, der im Dorf lebt. Wieder andere befürchten, dass sie schon auf dem besten Weg ist, wie die Stumme zu werden, eine alte Frau, die nie spricht. Eine mürrische Einsiedlerin.
Wir gehen weiter, überqueren die Tito-Brücke, die Brücke über den Gurundin, der das Dorf in zwei Teile teilt, und schlagen einen steil bergan führenden Weg ein. Früher war das mal ein Maultierpfad, der das Dorf mit der Sella-Hochebene verband, aber jetzt ist er fast zugewuchert. Wir kommen bei der Alten Lärche heraus, die jetzt fast völlig golden ist und sich mit ihren klauenartigen Wurzeln an den Fels der Kehre klammert wie ein alter Gebirgler an seine Heimaterde, seine Gewohnheiten. Und betrachten das Dorf von oben. Die Stromleitungen scheinen ein Eigenleben entwickelt zu haben, sind dicht besetzt von Aberhunderten Mehlschwalben, alle zwar ordentlich nebeneinander, aber unruhig wegen des bevorstehenden Aufbruchs. Vielleicht morgen bei Sonnenaufgang.
Wir gehen zum Parkplatz der Sesselliftstation hinunter und trinken dort am Brunnen. Das Wasser ist so kalt, dass es die Zähne spaltet. Dann laufen wir über eine Wiese. Ein Spaziergang ums Dorf, um noch ein Stündchen draußen zu sein. Meistens ist das Gehen für Felice nicht unbedingt eine Fortbewegung, sondern ein Zeitvertreib.
Wieder zu Hause, nimmt er einige geröstete Kastanien und setzt sich an den Tisch. Wir essen ein paar, aber die meisten sind zu hart. Er bringt sie zum Komposthaufen. Derweil kommt Emilio mit einem großen orangefarbenen Kürbis auf der Schulter. Felice dankt ihm, mèrsi, packt den Kürbis mit seinen starken Händen, setzt ihn sorgsam auf dem Tisch ab, schneidet ihn entzwei und holt eine Menge Kerne heraus. Die er auf einem Blatt Zeitungspapier verteilt und zum Trocknen auf die Fensterbank legt.
Emilio mit seiner dichten, nach hinten gekämmten Silbermähne wohnt schon seit einer Ewigkeit allein in einem geräumigen Haus hinter dem von Felice. Massive Mauern, kleine Fenster mit abgeblätterten Rahmen und ein baufälliges Steindach. Die beiden Alten kennen sich von klein auf. Sie sind zusammen in Leontica zur Schule gegangen, dort, wo jetzt das Gemeindehaus ist.
Zu unserer Zeit gab es nur eine Lehrerin für alle, haben sie mir mal in der Bar erzählt. Die Elvira aus Prugiasco. Eine echte Betschwester. Boshafter als der Teufel, wenn du mich fragst, vorausgesetzt, den Teufel gibt es wirklich, sagte Felice und brachte Emilio damit zum Grinsen. Wir waren mindestens dreißig, vielleicht auch ein paar mehr. Jungen und Mädchen, alle zusammen im selben Klassenzimmer. Damals gab es überall Kinder, hier in Leontica.
Ah, Felice, aber damals waren die Leute auch wie die Karnickel, immer scharf aufs Rammeln, sagte Emilio und brachte Felice damit zum Lachen.
Dann waren da noch die Rosalba, und die Evelina, und dann der Fosco, begann Felice, sich zu erinnern.
Ja, der selige Fosco. Und die selige Angiolina.
Angiolina?
Aé, Felice. Erinnerst du dich nicht an die Angiolina? Und dann der Olmo.
Der Olmo, wiederholte Felice, sein Blick leuchtend vor Erinnerungen.
Emilio ist im Tal dafür bekannt, dass er fast jeden Nachmittag in der Bar Gallo Cedrone von Leontica Scopa spielt und schwer zu schlagen ist. Abstinenzler von jeher, Junggeselle, dem ein Elefantengedächtnis gegeben ist, auch wenn er behauptet, dass die eigentliche Kunst des Merkens in der Aufmerksamkeit liegt. Nicht selten sieht man ihn gegen Leute von außerhalb spielen, die extra nach Leontica kommen, um ihn herauszufordern. Das Drei-Ferkel-Turnier im Cedrone gewinnt immer er. Dieses Jahr hat er in der Endrunde den bärtigen Pep aus Castro geschlagen, einen pensionierten Mittelschullehrer. Und im Halbfinale hat er einen Typ fertiggemacht, der, wie es hieß, unten in Malvaglia das ganze Jahr noch nicht verloren hatte.
Читать дальше