Und dabei orientieren sie sich nach wie vor daran, was sich gut anfühlt. Wenn es in eine Technik oder definierte Bewegungsform organisch mündet, okay. Doch es entspricht nicht ihrer Intention. Sie bleiben immerfort spielerisch und kreativ.
Ebenso wenig wie ein Kind je von selbst auf die Idee käme, seine Bewegungen in Leistungsparametern zu analysieren, würde es seinen Körper auch nicht in bestimmte Körperbereiche zerlegen und diese selektiv benutzen. Es würde niemals einzelne Muskelgruppen trainieren, um ein bestimmtes Relief zu kriegen, den Bizeps oder Trizeps zu kräftigen, den Hintern zu straffen, die Oberschenkelmuskeln zu stählen oder ein Sixpack zu modulieren. Weder zerhackt es seinen Körper in Problemzonen, noch kritisiert es weiche Körperbereiche oder betrachtet gestählte muskulöse Teile als sexy oder attraktiv. Viel mehr strebt es nach einem ganzkörperlichen Befriedigtsein. Die Fitnessstudios mit ihren Maschinen zum „Aufbau“ bestimmter Muskeln oder Muskelgruppen würden an kleinen Kindern und an Menschen, die mit ihrer Natürlichkeit verbunden geblieben sind, nichts verdienen.
Das alles gipfelt in einer sehr wichtigen Eigenschaft, die das Bewegungsverhalten eines Kindes auszeichnet: Es zieht seine bewegungsbezogene Befriedigung direkt aus dem unmittelbaren Benutzen des Körpers, dem Fühlen des Bewegens an sich, aus dem Tun. Hat sich der Einsatz des Körpers gut angefühlt, ist es zufrieden. Gut. Prima. Schön. Hat das Bewegen hingegen nicht für Befriedigung gesorgt, nimmt das Kind möglicherweise Veränderungen vor und probiert es noch einmal. Doch es orientiert sich immer wieder an den Bewegungen, die ihm koordinative und sensorische Erfüllung bringen. Anstatt sich am späteren Resultat oder der Anerkennung durch andere zu orientieren, ist sein Antrieb zum Bewegen ein prozessbezogener, ein femininer. Das Tun ist ihm genug.
Und genau daran können Sie seine Natürlichkeit ablesen. Je mehr ein Kind mit der Natur seines Körpers verbunden ist, desto weniger interessiert es sich für das Ergebnis und desto geringer ist seine Nachfrage nach Anerkennung dafür. Resultate sind ihm so lange egal, bis es aus diesen emotionale und soziale Vorteile zieht. Genau das geschieht, sobald sein Bewegen von außen bewertet wird.
Ich glaube, dass Sie mittlerweile gut sehen können, wie anders, problemlos und natürlich das Verhältnis zu Bewegung eigentlich in uns Menschen eingerichtet ist.
Fassen wir die sieben Grundqualitäten natürlichen Bewegens einmal zusammen, weil sie wichtig für alles sind, was in diesem Buch folgt.
Die sieben Grundqualitäten natürlichen Bewegens:
• genussorientiert
• selbstgeführt
• spielerisch
• organisch
• spontan
• balanceorientiert
• prozessbezogen
Mit den sieben natürlichen Bewegungsqualitäten haben wir den Grundstein gelegt.
Und dabei ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass es hier um weit mehr geht als um ein „Sich-öfter-bewegen-Sollen“, das Finden der richtigen sportlichen Betätigung, das Trainieren des Kreislaufs, das Reduzieren des Körperfetts und das Erhöhen des Energieumsatzes, wie man sagt. Wir kümmern uns hier vielmehr darum, Bewegung als Ihre natürliche Ausdrucksform als Mensch zu sehen. Und das wirft tatsächlich sehr andere Aspekte auf als diejenigen, die üblicherweise im Zusammenhang mit Bewegung, Fitness und Körpertraining diskutiert werden.
Das Wichtigste ist: Sie als Frau mit Ihren echten Bedürfnissen sollen im Mittelpunkt stehen. Genau darum kümmern wir uns hier.
Und dazu gibt es gleich eine Federleicht.Inspiration . Lassen Sie sich dafür unbedingt Zeit.
Die sieben natürlichen Bewegungsqualitäten spüren
Schauen Sie die sieben Grundqualitäten natürlichen Bewegens noch einmal an:
genussorientiert
selbstgeführt
spielerisch
organisch
spontan
balanceorientiert
prozessbezogen
Spüren Sie jetzt in jede einzelne Qualität hinein. Schließen Sie die Augen und lassen Sie den „Geist“ der jeweiligen Qualität in sich einsickern. Auf diese Weise können Sie spüren, ob Sie zu diesen Qualitäten eine innere Beziehung haben.
2
Der Verlust von Natürlichkeit und Femininität
Das Warum
Wenn ich mit Klientinnen über die sieben Grundqualitäten natürlichen Bewegens spreche, ragen drei Reaktionen heraus: Viele Frauen atmen auf, weil sie erkennen, dass sie mit ihrem Bewegungsempfinden gar nicht vollkommen verkehrt liegen und das „Richtige“ fühlen. Irgendwie wussten sie, dass in Ihrem Verständnis von Bewegung eine wichtige Nuance fehlte. Andere fragen sich, warum sie sich von ihrer Natur und einem körperaffinen Verhältnis zu Bewegung abgewandt haben und sich von körperfremden Zielen leiten ließen. Und nahezu alle Frauen fragen nach dem Warum. Ja, warum passiert es, dass wir uns von unserem natürlichen Bewegungsempfinden überhaupt verabschieden? Warum geben wir es auf? Und warum vergessen wir es?
Weil ich die Frage nach dem Warum für wichtig halte, werfen wir jetzt einen Blick darauf, was mit unserem natürlichen Bewegungsverhalten im Laufe unserer Lebensjahre geschieht. Dadurch können Sie sehen, wovon der Mädchenkörper beim Aufwachsen beeinflusst wird. Und dann verstehen Sie auch besser, warum so viele Frauen sich so schwer damit tun, ein richtiges Bewegungsmaß für sich zu finden.
Und da sind wir bereits mitten im Dilemma. Die meisten Menschen verabschieden sich deshalb von ihrer natürlichen Bewegungsweise und ersetzen sie durch eine künstliche, körperfremde oder extreme, weil ihnen die Anpassung an ihr individuelles Umfeld in die Quere kommt. Hier berühren wir einen wunden Punkt in der Menschheitsentwicklung: Die meisten Kinder werden durch die Anpassung an ihre konkreten Lebensumstände bereits sehr früh von unnatürlichen äußeren Einflüssen geprägt und von ihrem Eigenempfinden weggelotst. Denn: Sie sind von den Erwachsenen und dem Konsens mit ihnen komplett abhängig. Sie müssen sich ein Mindestmaß an Liebe sichern und die emotionale Stabilität herstellen, die sie zum Aufwachsen brauchen. Der Verlust ihres natürlichen Bewegungssinns ist der Preis.
Hier schlagen wir gleich einmal die Brücke zu uns Frauen. Denn in diesem Weglotsen von den natürlichen Grundqualitäten spielt die geschlechtsspezifische Differenzierung zwischen Jungen und Mädchen sehr früh eine wesentliche Rolle. Solange wir in einer patriarchalischen, maskulin operierenden Leistungsgesellschaft leben, haben Jungen zumeist größere Freiheiten in ihrer Entwicklung und weitere Bewegungs- und Handlungsspielräume. Das ist so, weil man meint, dass ein experimentierfreudiger, agiler, raufender und sich austobender Junge gute Chancen hat, einmal zu einem großen kräftigen Mann zu werden, der dann später auch „seinen Mann steht“.
Bei einem Mädchen hingegen, das sich ein freies, unzensiertes Bewegen erlaubt, hebt man eher die Augenbrauen. Da kommt es selbst im 21. Jahrhundert noch vor, dass sich freizügige, ja „un-verschämte“ Ausdrucksformen für ein Mädchen eher nicht gehören oder für unangemessen gehalten werden. Dazu zählt beispielsweise, waghalsige Dinge zu tun, auf Bäume zu klettern, mit anderen Kindern zu raufen, laut zu schreien oder sich für „jungstypische“ Aktivitäten zu interessieren. „Das macht man als Mädchen nicht“ ist ein Satz, den ich selbst gut kenne. Meine Großmutter hat ihn mir immer dann mahnend mit auf den Weg gegeben, wenn ich zu laut lachte, mit zu weit gegrätschten Beinen im Sessel saß oder mit den Jungen Räuber und Gendarm spielte. Und vielleicht kennen Sie das aus eigener Erfahrung. Vielleicht haben auch Sie erlebt, dass Bewegungsverhalten von Jungen und Mädchen sehr früh zensiert und unterschiedlich bewertet wurde.
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