Großes und kleines Bewegen
Und noch etwas ist interessant. Wenn sich ein Kind bewegt, muss dieses Bewegen keines sein, das wir Erwachsenen mit unserem auf Resultate geeichten Verstand als „richtig“ anerkennen. Für ein Kind zählt neben einem experimentellen, spielerischen Bewegungsverständnis auch das innere Bewegen, mit dem es genauso viel Zeit verbringt wie mit dem äußeren. Genauer betrachtet unterscheidet es nicht einmal zwischen beidem.
Wenn es sich entwickelt und seinen Körper erforscht, testet es viele Bewegungen erst einmal gefühlsbezogen im Kleinen aus. Es probiert, justiert, verfeinert und passt an. Es geht vor wie ein „Körperingenieur“, der beständig Feinabstimmungen vornimmt. Das tut ein Kind solange, bis es die sensomotorische Reife für größere Bewegungen hat.
Wenn wir uns das Vorgehen eines Kindes im Detail ansehen, sagt uns das nichts anderes, als dass es sich beim Erfüllen unserer Bewegungsbedürfnisse nicht ausschließlich um große Bewegungsamplituden drehen muss. Im Gegenteil. Das umfassendere Bewegen ist genauso wichtig wie die vielen minimalen, feinen Bewegungen, die von außen nicht einmal sichtbar sein müssen. Große und kleine Bewegungen greifen vollkommen natürlich ineinander über. Sie sind gleichberechtigte Teile eines Ganzen, die ein Kind in Bezug auf sein Körpergefühl niemals voneinander trennt.
Das Gesagte schließt auch ein, dass ein Kind mit den Bewegungen im Inneren seines Körpers, die durch die Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag oder die Bewegung der Körperflüssigkeiten ausgelöst werden, weiterhin eng verbunden bleibt.
Kinder spielen beispielsweise sehr intensiv mit ihrer Atmung, testen, wie lange sie die Luft anhalten können, experimentieren mit der Funktion des Zwerchfells, indem sie Atemgeräusche oder bestimmte Töne erzeugen. Sie empfinden den Atem als etwas Mystisches, das sie in seinen Möglichkeiten ausloten möchten. Darüber hinaus lauschen sie dem Schlag ihres Herzens. Das tun sie nicht zuletzt deshalb, weil sie sich intuitiv an den Herzschlag der Mutter erinnern, als sie in ihrem Leib mit diesem verbunden waren und er ihnen das Gefühl des Zuhauseseins und der Sicherheit gab.
Das alles bedeutet, dass ein Mensch, der im Kontakt mit seinem Organismus ist, zwischen innerem und äußerem Bewegen nicht unterscheidet, sondern gleichrangig wach für alle bewegungsbezogenen Vorgänge ist. Und mit diesen Eigenschaften waren Sie, liebe Leserinnen, ohne Ausnahme ebenso verbunden. Als Sie Ihre Bewegungswelt eroberten, schätzten Sie neben Ihren äußeren auch Ihre inneren Bewegungen. Warum? Weil das etwas ganz Normales für Sie war.
Steigen wir jetzt einmal in das praktische Erfahren ein und kommen wir zur ersten Federleicht.Inspiration .
Diese kleinen Do-it-yourself-Experimente zum Wahrnehmen unterstützen Sie darin, Ihre Beziehung zum Bewegen zu reflektieren, auf diese mit frischem Blick zu schauen und Federleicht -Qualitäten in Ihr Bewegungsrepertoire aufzunehmen. Wie der Name bereits sagt, geht es hier weder um ein zielorientiertes Üben noch um eine Bewegungspraxis, die Anstrengung, Ehrgeiz oder Selbstüberwindung erfordert. Vielmehr spielen Sie mit Ihrem Körper und bieten ihm auf freundliche Weise ein wenig neue Kost zum sensorischen Verdauen an. Die Federleicht -Formel lautet: Je leichter, desto natürlicher. Je leichtfüßiger, desto besser.
Doch unterschätzen Sie die Federleicht.Inspirationen nicht. Selbst wenn Ihnen diese mitunter zu milde oder unbedeutend erscheinen sollten, haben sie es durchaus in sich. Sie hinterfragen Gewohntes und verfeinern Ihre Gefühlswelt.
Hören Sie doch gleich einmal etwas genauer in Ihren Körper hinein.
Meditatives Nach-innen-Horchen
Dem Geräusch des Atems lauschen
Hören Sie bei geschlossenen Augen dem Geräusch Ihres Atems! Erfassen Sie, wie es sich anhört, wenn Sie einatmen und wie es klingt, wenn Sie ausatmen.
Das Pochen des Herzens hören
Schließen Sie die Augen und werden Sie still. Legen Sie die linke Hand auf Ihr Herz und erfassen Sie Ihren Herzschlag. Vielleicht können Sie mitunter sogar den veränderten Schlagrhythmus erspüren, der durch den unterschiedlichen Blutfluss in der Systole und Diastole entsteht.
Den Tiefen der Stille lauschen
Erhören Sie Stille! Schließen Sie Ihre Augen und hören Sie in die Tiefe Ihrer inneren Stille hinein. Spüren Sie, wie Ihr Körper darauf reagiert.
Nutzen Sie generell alle denkbaren Stille-Situationen, in denen Sie sich für ein paar Momente mit Ihrer inneren Stille verbinden.
Kommen wir von der ersten Federleicht.Inspiration wieder zum Bewegen eines kleinen Kindes zurück. Indem dieses grundsätzlich freiwillig, spielerisch und genussorientiert ist, existiert in seinem Denken auch nicht die Idee, sich in vordefinierte Bewegungsformen oder Techniken zu zwängen. Wenn es seine Bewegungen unbeeinflusst erhalten könnte, es nichts von den Animationen im Außen, von Fernsehen, Werbung, Fitnesscentern oder Sportvereinen wüsste, käme es kaum auf die Idee, organisierten Sport zu treiben, im Fitnessstudio zu schwitzen, sich an der Ballettstange zu trimmen, sich zum Kinderyoga anzumelden oder bald in einem Stadion mit vorgezeichneten Bahnen seine Runden zu drehen. Das Verebben von spontanen physischen Ausdrucksformen passiert erst dann, wenn sie in vorgeformte Bewegungen gepresst oder durch das Anstacheln des Wettkampfgeistes zu bestimmten Leistungen ermuntert werden.
Ein Blick voraus: Das sind alles Erfindungen der Leistungsgesellschaft, denen erwachsene Menschen einen Wert abgewinnen. Für ein Kind sind sie jedoch komplett uninteressant. Leider sind es gerade solche Erfindungen, die den Menschen von seinem natürlichen Bewegungsbedürfnis weglenken. Aber dazu später mehr.
Weil ein Kind Bewegung mit Freiheit in seinem Selbstausdruck assoziiert, sind ihm Leistungsgedanken fremd. Es ist ihm ziemlich egal, wie schnell es rennt, wie hoch es springt oder wie es in seiner Bewegung wirkt. Diese äußeren Koordinaten spielen für ein Kind nur insofern eine Rolle, als es nach größerer sensomotorischer Befriedigung sucht, an deren gefühlter Qualität feilt und die Grenzen seines Körpers ausloten möchte.
Wenn es dadurch effizienter und organischer läuft, ausgelassener springt oder bestimmte Hindernisse überwinden kann, ist das kein Resultat seiner Leistungsobsession, sondern der Ruf des Körpers, das Bewegungsrepertoire zu weiten und sich daran zu erfreuen.
Klar. Ein Kind fühlt sich animiert, wenn es ältere und körperlich versiertere Kinder sieht, die auf Bäume klettern, schwimmen oder Fahrrad fahren können. Doch kein Kind käme natürlicherweise auf die Idee, durch den Garten oder über den Spielplatz zu sprinten und dabei die Zeit zu messen und seine Körperfunktionen zu tracken. Es würde sich auch nicht in Sportkleidung werfen, weil es die Unterscheidung zwischen Bewegung und Sport nicht trifft.
Ich weiß, dass es utopisch klingt. Doch wenn man Kinder unbeeinflusst von vorgefertigten Bewegungsformen ließe, würden sie sich auf Dauer wahrscheinlich nie zu diesen Mustern hingezogen fühlen. Wenn Kinder bestimmte Bewegungsformen exzessiv wiederholen, tun sie es nur so lange, bis sie aus der jeweiligen Bewegung oder motorischen Aktion allen Bewegungsgenuss, alles Neue und Verwertbare für sich herausgezogen haben. Während sie in dieser Zeit ohne diese Sache oder Aktion kaum leben können, lassen sie diese an einem bestimmten Tag X genauso strikt hinter sich zurück. Sie gehen zu anderen Bewegungen über, die für sie interessanter geworden sind.
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