Schulterzuckend drehte sie sich zu Rhea um. "Lass uns wieder reingehen", meinte sie und es klang ein bisschen verzagt. "Vielleicht hat er ihn ja wieder vorn am Nordtor stehengelassen und ist längst im Bett." Fröstelnd rieb sie ihre Oberarme, hakte sich dann bei der Freundin ein und schmiegte sich an sie. Mit raschen Schritten gingen sie unter den Bäumen hindurch und dann quer über die Wiese zurück zum Haus. Gleich darauf waren sie wieder an dem Fenster angekommen, durch das sie herausgeklettert waren.
Tiana spähte um die Hausecke. "In Tariqs Arbeitszimmer brennt Licht. Wahrscheinlich wartet er immer noch auf Ahmads Anruf", vermutete sie.
Rhea nickte. "Los, rein mit dir", meinte sie energisch und hauchte in ihre klammen Hände. "Mir ist kalt." Sie öffnete den vorhin nur angelehnten Fensterflügel weit und bildete eine Räuberleiter, damit die kleinere Tiana zuerst hineinsteigen konnte. Dann kletterte sie selbst hinterher und schloss das Fenster sorgfältig.
Dienstag, 22:50 Uhr
Tariq war sicher, dass er die Grundstücksgrenze noch nicht überquert hatte, denn bisher war nichts zu spüren gewesen von der kaum wahrnehmbaren elektrisierenden Spannung in der Luft. Und genau die hätte er beim Passieren von Ahmads unsichtbarer Schutz-Barriere sofort registrieren müssen. Sie konnte aber nicht mehr weit entfernt sein, weil dort vorn schon die Hütte war. Und von der wusste er genau, dass sie außerhalb des Grundstücks lag.
Wider Erwarten hatte er sie gleich gefunden, obwohl er vor Ewigkeiten das letzte Mal hier gewesen sein musste. Das Mondlicht fiel auf die kleine Lichtung davor und noch bevor er es genau erkennen konnte, wusste er, was das dunkle Bündel im Gras war.
"Ahmad!"
Er fiel neben ihm auf die Knie und wollte ihn an der Schulter fassen. Erschrocken hörte er den rasselnden Atem, das Ringen nach Luft, sah das unkontrollierte Zittern, was das Bündel beben ließ. Seine ausgestreckten Hände verharrten reglos in der Luft. "Ahmad, kannst du mich hören?", fragte er drängend.
Keine Reaktion.
Ungeduldig schaute er sich um, doch von Trajan und Tanyel war noch nichts zu sehen. Dann huschte sein Blick über den dunklen Wald, der die Wiese umgab. Doch er entdeckte und hörte nichts Verdächtiges. Shujaa hatte beteuert, dass Ahmad allein war, aber wer hatte ihn dann so zugerichtet? War derjenige vielleicht doch noch hier und konnte sich mental genauso abschirmen, wie Ahmad selbst es konnte? Oder waren Rayan und dessen Leute ihm gefolgt, hatten ihn bis hierher gejagt und lauerten nun irgendwo, sich die Hände reibend, dass er, Tariq, ihnen endlich in die Falle gegangen war?
Sofort öffnete er seine Linke und ließ mit hellem Knistern ein silbernes Licht in der Handfläche entstehen. Nur zur Beruhigung, denn auch mit seinen Energiegeschossen würde er allein gegen mehrere Angreifer gleichzeitig nichts ausrichten können. Jetzt ärgerte er sich, dass er nur Tanyel und Trajan mitgenommen hatte. Wie leichtsinnig von mir, dachte er, während er besorgt seinen Blick wieder auf den vor ihm Liegenden richtete. Er konnte sich nicht erklären, was sich seinen Augen hier bot. Der schwarze Guardian war eine perfekte Kampfmaschine. Und wurde er wirklich einmal verwundet, dann waren es mehr oder weniger Kratzer, die mit unglaublicher Geschwindigkeit verheilten. Es war eine seiner vielen außergewöhnlichen Fähigkeiten. Doch der Kampf lag jetzt schon Stunden zurück. Also was war hier los?
Vorsichtig fasste er ihn mit der freien Hand an der Schulter, um ihn auf den Rücken zu drehen, doch sofort zog er sie erschrocken zurück und sah im Mondlicht das Blut daran. Ahmad hustete erstickt und das rasselnde Atemgeräusch verstärkte sich.
Der Chef der Guardians presste kurz die Lippen zusammen. "Halt durch, Hilfe ist unterwegs. Das wird schon wieder, keine Sorge. Issam bringt dich wieder auf die Beine." Ihm war klar, dass der Verletzte ihn nicht hören konnte, aber die Worte dienten ja auch in erster Linie dazu, ihn selbst zu beruhigen.
Er ließ das Energiegeschoss in seiner Handfläche erlöschen und zog das Handy hervor. Senad meldete sich nach dem ersten Rufzeichen.
"Geh zu Shujaa!", wies er den grünen Guardian knapp an. "Er soll mich im Wald aufspüren und dann kommt ihr beide mit der Trage direkt zu mir! Beeilt euch!"
"Alles klar." Senad fragte nicht, was passiert war. Der Neunzehnjährige war Profi. Die Anweisung war klar und deutlich gewesen und er würde den Grund erfahren, wann Tariq es für richtig hielt.
Der wählte inzwischen Issams Nummer. Sein langjähriger Freund, der ebenfalls auf Darach Manor lebte, war der Schularzt und damit auch Arzt der Guardians. Er regierte uneingeschränkt über eine kleine, aber hochmodern ausgestattete Klinik im ruhigen Ostflügel des Landsitzes.
Hastig erklärte er dem Doc mit wenigen Worten die Situation. Kaum hatte er Zeit, noch anzufügen, dass sie den Verletzten über den Garteneingang ins Haus bringen würden, da legte Issam auch schon auf.
Beruhigt steckte Tariq das Handy wieder weg. Sein Freund würde wissen, was zu tun war und sie gut vorbereitet erwarten, dessen war er sich sicher.
Gerade als er sich fragte, ob sein Steward und Trajan die Stelle nicht finden konnten, sah er den unruhigen Lichtkegel einer starken Taschenlampe durch den Wald näherkommen. Nach ein paar Sekunden standen die Erwarteten neben ihm. Etwas außer Atem reichte Tanyel die Lampe an den Guardian weiter und kniete sich ebenfalls neben Ahmad ins feuchte Gras.
"Was hat er?"
"Keine Ahnung. Er ist bewusstlos und er blutet hier an der rechten Schulter und auch am Kopf."
Trajan klemmte die Lampe zwischen die Zähne, zog hastig seine Jacke aus und legte sie behutsam über den zitternden Teamgefährten.
"Wir schaffen ihn nach drinnen." Tariq stand auf. "Shujaa und Senad kommen gleich mit der Trage. Issam weiß auch schon Bescheid."
Er drehte sich um und ging langsam noch ein Stück weiter bis an den Rand der Lichtung, wo der Wald wieder begann. Es war nichts zu spüren von der Barriere, die außer ihm niemand wahrnehmen konnte. Doch sie musste hier sein. Das Grundstück endete an der Lichtung und damit noch vor der Hütte.
Grimmig ballte er die Fäuste. Also war sie verschwunden. Ahmad hatte die Grenze überschritten und sie damit zerstört. Und in seinem Zustand hatte er es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt.
Mit einem Seufzer wandte Tariq sich um und ging zurück.
Auch Tanyel hatte inzwischen seine Jacke ausgezogen und über Ahmads Oberkörper gebreitet.
"Wir brauchen die Trage nicht, ich schaff das schon", erklärte er. "Also ins Haus mit ihm?", fragte er noch einmal nach. "Und die Barriere?" Als Tariqs Steward wusste er, was passieren würde.
"Sie ist nicht mehr da." Tariq sah keinen Sinn darin, ihn zu belügen.
Tanyel schaute erst ihn und dann Ahmad überrascht an, erwiderte aber nichts darauf. Wenn der Chef meinte, dass eine Erklärung nötig war, würde er sie geben.
Vorsichtig schob er jetzt den linken Arm unter den Oberkörper des verletzten Guardians. Seine Hand spürte Feuchte am Rücken. Und Kälte. Der ganze Körper war eiskalt, registrierte er besorgt. "Trajan, geh voraus und beleuchte mir den Weg", wies er den blauen Guardian an.
"Schaffst du das allein?", fragte Tariq zweifelnd.
"Natürlich. Los, Trajan, auf geht's!" Behutsam hob er Ahmad hoch. "Wird Issam schon auf uns warten?", fragte er, als sie sich in Bewegung setzten. Der Lichtkegel von Trajans Taschenlampe wies ihnen den Weg zurück durch den Wald.
Tariq hatte noch genickt auf die Frage. Nun ging er als Letzter und starrte dabei auf den breiten Rücken vor sich.
Der blonde Steward wirkte nicht nur wie einer, er war auch wie ein Bär. Ein breitschultriger und fast zwei Meter großer, aber sanfter und fürsorglicher Bär. Der schlanke, fast schmächtige Ahmad war keine Last für ihn.
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