»Seit wann?«
»Seit zwei Jahren.«
»Oh.« Jeremy schien einen Moment darüber nachzudenken, bevor er sagte: »Dann gib doch einfach die Anweisung, dass die Navy das RSR wieder zurück nach Classige holt.«
Seufzend zog Raleigh sein eigenes Schwert aus der Scheide und trat ein paar Schritte nach vorn. Wenn es doch nur so einfach wäre. Warum dachten immer alle, er könnte einfach die Regeln ignorieren, weil er der King-Consort war? Das hier war keine Diktatur. »Wie gesagt, so funktioniert es nicht. Jetzt hoch mit dem Schwert.«
»Na gut, was ist, wenn du aus seiner Aufgabe, Reddings Wache zu spielen, eine permanente Anstellung machst? Du könntest ihm damit eine neue Verpflichtung geben, statt was auch immer er gerade beim RSR tut. Du kannst seine Aufgabenstellung so abändern, dass er als Wache arbeiten kann. Wentworth und Knighton waren auch mal beim RSR und sind jetzt Wachmänner.«
»Dass er als Reddings Wache fungiert, ist befristet. Sein Spezialgebiet ist die Aufklärung und das wird er als Wache nicht besonders oft tun müssen.« Mit einem Kopfschütteln gab Raleigh den Versuch, das Problem zu lösen, für den Moment auf und warf Jeremys Schwert einen spitzen Blick zu.
Schließlich hob Jeremy seine Waffe. Sie parierten zweimal hin und her, bevor Jeremy innehielt. »Du könntest Dalton zum Assassinen ausbilden, genau wie mich. Er hat sogar schon den perfekten Spitznamen. Lord Satansbraten ist ein großartiger Name für einen Assassinen.«
»Ich bilde dich ganz sicher nicht zum Assassinen aus. Ich lasse dir nur das Training zukommen, das deine Eltern dir hätten angedeihen lassen, wenn sie noch am Leben wären. Das Training und die Bildung, die du von Anfang an hättest erhalten sollen.« Wie kam der Kleine nur auf solche Ideen?
»Natürlich tust du das. Ich bin so was wie dein Knappe oder so.« Jeremy ließ sein Schwert sinken, sodass die Spitze auf dem Parkett ruhte. Er ließ es herumwirbeln, als hätte er das Interesse an dem Übungskampf verloren.
»Tue ich nicht und nein, bist du nicht. Zerkratz nicht den Boden.«
Jeremy schnaubte und hob die Klinge an, bevor er sie sofort wieder fallen ließ. »Ich wünschte, ich hätte so einen coolen Namen. Vielleicht können Tarren und ich unsere Spitznamen tauschen. Terror klingt eher nach einem Assassinen als Trouble.«
Raleighs Lippen zuckten bei dem plötzlichen Themenwechsel. »Konzentrier dich, Jeremy.«
»Waaas? Ich mein ja nur…«
»Du brauchst keinen neuen Spitznamen, weil du kein Assassine werden wirst.« Denn die Galaxie stehe Regelence bei, falls das jemals passieren sollte. »Können wir mit der heutigen Stunde fortfahren?«
»Ja, schätze schon.« Allerdings setzte er sich nicht sofort in Bewegung. Stattdessen verzog er sein Gesicht ein wenig. »Nate hat heute schon wieder keine Wache mit zur Basis genommen. Wenn du mich zum Assassinen ausbildest, kann ich vielleicht der IN beitreten und Nate beschützen?«
»Was? Nate hat seine Wache nicht mitgenommen?« Raleigh versuchte seinen Schwiegersohn jetzt schon seit Monaten davon zu überzeugen, sich von einer Wache begleiten zu lassen. Weil Nate ein sturer Bock war, hatte er sich geweigert und behauptet, dass es ihn schwach erscheinen lassen würde. Die Galaxie befreie mich von sturen Männern. Und ja, er wusste, dass es ironisch war, da er sturer war als jeder Einzelne von ihnen.
»Er behauptet, dass er keine Wache mitnehmen kann, weil die IN dann wüsste, dass er ihnen auf der Spur ist.« Jeremy zuckte mit den Schultern, dann schnaubte er. »Du weißt, dass er da nicht unrecht hat.«
»Unsinn. Er ist jetzt Teil der königlichen Familie. Die IN wird erwarten, dass ihm eine Leibwache zugewiesen wird.« Das hoffte Raleigh, aber ehrlich gesagt, war es ihm auch egal. Die IN hatte bereits einen ihrer Admiräle umbringen lassen. Wenn sie herausfanden, dass Nate über ihre Machenschaften Bescheid wusste und daran arbeitete, sie zu stoppen, würden sie keine Skrupel haben, ihn ebenfalls ermorden zu lassen.
»Sag ihm das.«
»Das habe ich«, knurrte Raleigh. Mehrmals. Vielleicht konnte er Nate jeden Morgen auf dem Weg zur Basis unauffällig von Sebastian beschatten lassen?
Sie fochten eine ganze Weile miteinander, während Raleigh über seinen Problemen grübelte. Er würde noch einmal mit Nate reden müssen. Oder… Was wenn…? Vielleicht würde Dalton in Betracht ziehen, bei der IN zu bleiben? Es war keine Aufklärung oder eine Sondereinsatztruppe, aber…
»Okay, diesmal kannst du nicht mir die Schuld geben, dass wir aufgehört haben.«
Raleigh runzelte die Stirn und bemerkte, dass er derjenige war, der innegehalten hatte.
Jeremy stand ihm gegenüber und wedelte diesmal mit seinem Schwert wie mit einem Taktstock. »Du machst es, oder?«
»Was?«
»Mich zum Assassinen ausbilden.« Sein Lächeln war wunderschön, wie es sein gesamtes Gesicht erhellte.
Die heutige Stunde würde wirklich lang werden.
Pryor House, Residenz des Earls of Stratford in Classige, Pruluce
Blaise starrte auf die Liste seiner Tanzpartner und runzelte die Stirn. Was man nicht alles für eine Karriere in der Politik tut. Er hatte einen Großteil des Tages über Verträgen verbracht, doch seine Arbeit war noch nicht vorüber. Zwei Tänze hatte er noch zu vergeben und er musste sich mit den Mitgliedern des Ratsausschusses gut stellen und unter die Leute mischen. Lord Oglesby war eines der Mitglieder, die anscheinend für Prissy Partei ergriffen hatten. Seine Sympathie zu gewinnen, könnte Blaise bei seinem Wahlkampf um die Stelle im Ratsausschuss eine große Hilfe sein, doch war sie einen ganzen Tanz wert? Der Mann hatte zwei linke Füße.
»Ach, Redding, geht doch zur Seite. Ihr habt jetzt lange genug auf Eure Tanzkarte gestarrt. Lasst den Nächsten ran.« Jemand stieß Blaise von hinten an, sodass sein Finger über den Bildschirm wischte und seine Partnerliste verschwand.
Hitze breitete sich in seinem Nacken aus und er biss die Zähne zusammen. Er kannte diese Stimme. Als er mit einer spitzen Bemerkung über Manieren und Geduld auf der Zunge herumwirbelte, schluckte er sie beim Anblick der Schlange, die sich hinter ihm gebildet hatte, wieder hinunter.
Mehrere seiner Standesgenossen hielten ihre Tanzkarten in der Hand und warteten darauf, den Kartenleser benutzen zu können.
Vielleicht hatte er doch länger hier gestanden als gedacht, doch er verdiente es trotzdem nicht, so grob behandelt zu werden. Er richtete seinen Blick auf den Aufrührer – Percy Edmonstone.
Prissy hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Lippen gehässig verzogen. Der aufgeblasene kleine Schnösel tippte sogar mit seinem juwelenbesetzten Schuh auf den Boden. Wer trug mit Edelsteinen verzierte Schnallen an den Schuhen? Und Rüschen. Viele Rüschen. Die ausladenden Manschetten des eitlen Gecken ragten gute sieben Zentimeter unter seinem Abendjackett hervor. Die Galaxie möge ihnen beistehen, wenn sie sich durchsetzen und zur Mode werden sollten.
»Was? Nicht so schlagfertig wie sonst, Redding?«
Blaise knirschte mit den Zähnen und die Hitze loderte erneut in seinem Nacken auf. Er sehnte sich danach, den Mann zurechtzuweisen, so wie er es verdiente. Er sollte den Gleiter seiner Familie nehmen, direkt in sein Büro fahren und die Speicherkarte holen. Bei der Galaxie, die Versuchung war groß.
»Ah, Redding, da bist du ja.« Griff hakte seinen Arm unter Blaises Ellbogen.
Wo ist der denn hergekommen? Nicht, dass es Blaise besonders interessierte; er war einfach nur froh, dass Griff hier war.
»Zieh Leine, Edmonstone.« Griff reckte die Nase in die Luft und stolzierte an dem Lackaffen vorbei, als könnte ihn nichts und niemand aus der Ruhe bringen.
Prissy plusterte sich auf wie ein Pfau und schniefte, doch sein missbilligender Blick richtete sich auf Blaise und nicht auf Griff.
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