Eine Frau in Jeans und heller Seidenbluse lehnte im Türrahmen und beobachtete die beiden Kriminalbeamten. Sie war groß und schlank und hatte langes feuerrotes Haar. Ihre tiefgrünen Augen sahen Malin unverwandt an. Dann glitt ihr Blick weiter zu Fricke, der ihr den Rücken zuwandte und die Bilder auf dem Kaminsims betrachtete. Malin erkannte die Frau mit dem eindrucksvollen Gesicht sofort. Vor ihnen stand Charlotte Leonberger.
»Schauen Sie mal, Brodersen, dass muss sie sein. Sieht gar nicht aus wie eine Krimiautorin.« Fricke drehte sich zu Malin um und hielt ihr einen silbernen Rahmen hin.
»Wie muss denn eine Krimiautorin Ihrer Meinung nach aussehen?« Charlotte Leonberger trat auf ihn zu und nahm ihm das Bild aus der Hand.
Amüsiert bemerkte Malin die leichte Röte, die jetzt das Gesicht ihres Vorgesetzten überzog. Umgehend straffte sich seine ganze Statur, und er strahlte Autorität und Selbstsicherheit aus. »Fricke, Kriminalpolizei Hamburg. Meine Kollegin Brodersen. Ich nehme an, Sie sind die Autorin von diesen abstrusen Krimis.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung.
Charlotte Leonberger zog ihre linke Augenbraue hoch. Ihr geringschätziger Blick wanderte über Frickes Kleidung. Er trug eine seiner ausgeleierten Cordhosen und eine abgewetzte Wachsjacke. Sein kariertes Hemd hatte sich mal wieder verselbständigt und hing mit einem Zipfel aus der Hose. Sein Haar war vom Küstenwind zerzaust und stand wild vom Kopf ab. Er bemerkte die Musterung und strich sich unwillkürlich über die Haare. Wieder stieg eine leichte Röte in sein Gesicht. Malin musste sich ein Lachen verkneifen. Schöne Frauen brachten ihren Chef leicht aus der Fassung.
»Ich habe Ihre Bücher gelesen«, entfuhr es Malin.
Charlotte Leonberger lächelte sie kurz an und wies dann auf die weißen Ledersofas. »Setzen wir uns.«
»So, da bin ich wieder.« Alma Leonberger kam mit einem großen Tablett herein. »Bitte, greifen Sie zu.« Sie wies auf die Kaffeetassen und eine Schale mit Gebäck.
Fricke ließ sich nicht zweimal bitten und griff nach den Keksen. »Selbstgebacken? Die sind gut.« Genüsslich kauend lehnte er sich ins Sofa zurück. Alma Leonbergers runzeliges Gesicht strahlte ihn kurz an, bevor sie wieder den Raum verließ.
»Warum kommen Sie erst jetzt?«, fragte die Krimiautorin an Malin gewandt.
Die Frage brachte Malin aus dem Konzept. »Sie wissen von den beiden Morden? Warum haben Sie sich dann nicht bei uns gemeldet?«, fragte sie irritiert, während Fricke unbeeindruckt zum zweiten Mal in die Gebäckschale griff.
»Aber das habe ich doch. Allerdings hat mich Ihr Kieler Kollege nicht gerade besonders ernst genommen. Aber Moment mal, Sie sagten da gerade etwas von zwei Morden? Habe ich das richtig verstanden?«
»Ja, wir ermitteln in Hamburg zur Zeit in zwei Mordfällen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Sie mit beiden Opfern bekannt waren.«
»Dann kommen Sie gar nicht wegen der Anrufe?«, fragte Charlotte Leonberger überrascht.
»Von welchen Anrufen reden Sie da?«, mischte sich Fricke ein.
»Ich habe zwei anonyme Anrufe erhalten. Beide Male wurden Textstellen aus meinen Krimis zitiert. Beim ersten dachte ich noch an einen Scherz, beim zweiten habe ich die Polizei alarmiert.«
»Was für Textstellen?«, fragte Malin.
»Aus meinen ersten beiden Bänden. Frühjahrssterben und Blutiger Sommer. Soll ich Ihnen die Bücher holen?«
»Nicht nötig, ich habe sie dabei.« Malin zog die Bücher aus der Tasche und reichte sie der Autorin.
Die hob ungläubig die Augenbrauen. »Na, Sie scheinen wirklich ein Fan zu sein.« Sie blätterte die Seiten des ersten Bandes durch, schlug eine Seite auf und reichte das Buch an Malin zurück.
Stirnrunzelnd las Malin die bekannten Zeilen und reichte den Band an Fricke weiter. »Wann haben Sie die anonymen Anrufe bekommen?«
»Der erste kam übers Handy. Da war ich auf Autorenlesung. Ich glaube, es war vorletzte Woche, Donnerstag. Wie gesagt, da bin ich noch von einem Scherz ausgegangen.«
»Und der zweite?«
»Das weiß ich noch genau, weil ich an dem Tag von meiner Reise zurückgekommen bin. Das war am letzten Donnerstag.«
Malin und Fricke wechselten einen bedeutsamen Blick, der auch der Krimiautorin nicht verborgen blieb.
»Könnten Sie mich jetzt bitte darüber aufklären, was hier überhaupt los ist?«, bat Charlotte Leonberger. »Hat es etwas mit dem Tod von Dr. Woy zu tun?«
Malin nickte. »Wenn Ihnen die Medienberichte bekannt sind, dürften Ihnen die Gemeinsamkeiten mit einem Ihrer Bücher nicht entgangen sein. Sie kannten Dr. Woy?«
»Ja, ich kannte ihn. Allerdings habe ich ihn seit fast dreißig Jahren nicht mehr gesehen. Erst meine Tante hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Tote vom Torhaus mein Kinderarzt war. Und natürlich habe ich auch die Ähnlichkeiten zu meinem ersten Krimi bemerkt. Leider hat mich bei der Polizei ja niemand wirklich ernst genommen – bis jetzt. Aber was meinen Sie eigentlich damit, ich wäre mit beiden Opfern bekannt?«, fragte sie hörbar verunsichert.
Malin zog ein Foto von Viktoria Steiner aus der Tasche und hielt es ihr hin. »Kennen Sie diese Frau?«
»Oh Gott, das ist Vicki. Was ist mir ihr?«
»Frau Steiner wurde vor zwei Tagen ermordet aufgefunden.«
Die Krimiautorin schlug für einen Moment die Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufblickte, schimmerten ihre Augen feucht. »Wie ist sie gestorben?«, fragte sie mit belegter Stimme. »Sie brauchen mich nicht zu schonen. Ich habe selbst über jede Menge solcher Dinge geschrieben.«
Malin schob ihr den zweiten Band der Krimireihe zu. Blutiger Sommer. Sie wies auf die Textstelle der aufgeschlagenen Seite. Charlotte Leonberger sah irritiert auf das vor ihr liegende Buch. Dann wurde sie bleich.
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