»Unglaublich, oder?«, riss mich Antonias rauchige Stimme aus meiner Betrachtung. »Ich kann mich nicht erinnern, unseren einsamen Wolf jemals so glücklich und gelöst gesehen zu haben.«
»Du hast recht«, stimmte ich zu, ohne den Blick abzuwenden. »Die Verwandlung ist unübersehbar, jetzt wo Enriques Geheimnis gelüftet ist. Ich hätte das nicht für möglich gehalten, aber ich freue mich für die beiden, besonders für ihn. Er war verdammt lange alleine.«
»Sie sind gut füreinander und nur darauf kommt es an.« Sie klang rundum zufrieden. Ich wandte mich ihr zu und betrachtete sie belustigt. Antonia, die wochentags für ihren Job als Pfarrsekretärin seriös auftreten musste, liebte es, in ihrer Freizeit einen ausgefallenen Look zu zelebrieren. Sie war stark geschminkt und ihre Frisur erinnerte mich an ein Vogelnest nach einem heftigen Sturm. Ihr schwarzes Top mit den dünnen Trägern betonte nicht nur ihre appetitliche Oberweite, sondern setzte auch ihre zahlreichen Tattoos in Szene. Ich mochte Antonia sehr, sie war loyal, selbstbewusst und fröhlich, aber als Typ Frau sprach sie mich definitiv nicht an.
»Sag nichts!« Sie lachte mich vergnügt an. Irgendwie fand ich es sehr angenehm, dass unser Freundeskreis so gefestigt war. Wir kannten uns seit Ewigkeiten und wussten genau, wo wir standen, was das Zusammensein sehr entspannt gestaltete. Frauenstimmen näherten sich und gemeinsam wandten wir uns dem Hauseingang zu, aus dem nun Eva und Angelina traten. Eva stellte zwei Körbchen mit Brot auf dem langen Tisch ab, der bereits für das Essen aufgedeckt war, während Angelina es sichtlich genoss, den kleinen David auf dem Arm zu halten. Ich trat heran und begrüßte zuerst Eva, dann wandte ich mich an Angelina.
»Er steht dir gut«, stellte ich fest. Das wehmütige Lächeln, das sie nun zeigte, überraschte mich. David fing an zu strampeln und wollte hinunter. Sie drückte ihm ein Küsschen auf die Wange und stellte ihn auf seine Füße.
»Es ist ein gutes Gefühl, ein Kind auf dem Arm zu haben, auch wenn es nur geborgt ist.« Sie rieb sich mit den Händen über die Oberarme, als ob ihr kalt wäre, dann schüttelte sie gedankenverloren den Kopf, um gleich darauf das Thema zu wechseln. »Wir haben Glück mit dem Wetter! Das wird ein wunderbarer Abend.« Ihr Lächeln wirkte beinahe echt, doch ich bemerkte den verborgenen Kummer dahinter trotzdem. Gefühle von Frauen zu erspüren, hatte ich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten perfektioniert. Viele hatten nie gelernt, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und wenn man als Mann erahnte, was sie brauchten, war man klar im Vorteil. Sie trat an den Tisch und füllte ihr Glas zur Hälfte mit Rotwein, bevor sie einen kleinen Schluck davon nahm.
Mit Evas Freundin Jessica, die kurz danach zu unserer Runde stieß, waren wir vollzählig. Sie hatte eine Torte mitgebracht, die zwischenzeitlich in den Kühlschrank wanderte, bevor sie als Dessert enden würde.
»Das wird ein kalorienreicher Abend«, stellte Eva fest und strich sich über ihr Babybäuchlein, das dem ihrer Freundin glich. »Schade, dass wir von der Sangria nichts trinken dürfen.«
»Sangria?«, fragte Angelina hellhörig geworden und sah sich suchend um.
»Ich hol dir ein Glas voll«, bot ich ihr an. »Wer will noch?«
Es wurde ein fröhlicher, ausgelassener Abend, an dem wir viel aßen, tranken und lachten.
***
Am Dienstag holte ich Angelina um halb zehn bei ihr zuhause ab. Gemeinsam gingen wir zum Hafen. Sie war mit einem T-Shirt, knielangen Jeans und Sneakers bekleidet und ich bewunderte ihre langen, schlanken Beine. Ihre gebräunte Haut verriet, dass sie sich gerne im Freien aufhielt. Die seidig glänzenden, beinahe schwarzen Haare hatte sie zu einem hohen Pferdeschwanz hochgebunden, der bei jedem Schritt wippte. Oberhalb ihrer Stirn steckte eine Sonnenbrille.
»Ich freue mich auf diesen Tag auf dem Meer! Danke, dass du mich eingeladen hast.« Pure Unternehmungslust funkelte in ihren Augen.
»Danke für deine Begleitung«, erwiderte ich lächelnd. »Ich bin zwar nach Saisonende immer etwas ruhebedürftig, trotzdem ist mir deine Gesellschaft sehr willkommen.«
»Dann trifft es sich gut, dass ich ganz gerne auch mal schweige.« Sie zwinkerte mir zu, bevor sie den Kopf wandte, um einen Blick über das Meer zu werfen.
»Was hast du in deinem Rucksack?«
»Badesachen und eine kleine Kühltasche mit etwas zu trinken und zu essen. Ich werde ungenießbar, wenn ich hungrig bin, deshalb sorge ich lieber vor.« Sie grinste entschuldigend.
»Also verhungern werden wir nicht«, stellte ich fest. »Auf dem Boot gibt es einen kleinen Kühlschrank. Den habe ich befüllt, damit uns der Hunger nicht so schnell wieder an Land treibt. Oder hast du heute noch andere Pläne?«
Sie schüttelte den Kopf, dass ihr der Pferdeschwanz um die Ohren schwang. »Nein, der Tag gehört uns.«
»Klingt gut.« Sie sah richtig süß aus und einen Moment durchzuckten mich Verlangen und gleichzeitig Bedauern. Mit einer kräftigen Prise Erotik wären die nächsten Stunden noch einmal so schön gewesen, aber ich gab mich keiner Illusionen hin, bei Angelina landen zu können.
»Es macht sich schon bemerkbar, dass die meisten Sommergäste bereits abgereist sind«, stellte sie zufrieden fest. »Jetzt wird es wieder ruhiger.«
»Ich freue mich jedes Jahr darauf.« Wir betraten den Schwimmsteg, der unter unseren Schritten und dem leichten Wellengang schwankte. Ich holte das Schiff am Tau heran und reichte Angelina die Hand, um ihr an Bord zu helfen. Leitfüßig sprang sie hinüber. Für einen Moment verfing sich mein Blick an ihren Brüsten, die dabei verführerisch wippten. Ich schüttelte innerlich über mich den Kopf und rief mich zur Ordnung. Offenbar hatte ich schon zu lange keinen Sex mehr gehabt.
Ich löste die Leinen und startete den Motor. Eine Mischung aus Abenteuerlust und Freiheit erfasste mich, doch wie immer erfüllten mich auch Freude und Dankbarkeit, Eigentümer dieses schnittigen Bootes zu sein. Langsam steuerte ich es aus dem Hafenbecken. Angelina saß stumm neben mir und ein vergnügtes Lächeln lag auf ihren Lippen. Für einen Moment betrachtete ich ihr Profil und plötzlich reizte es mich, einen Kuss auf ihre süße Stupsnase oder den schön geschwungenen Mund zu drücken. Überrascht von diesem völlig unangebrachten Impuls sah ich wieder übers Wasser. Wir waren Freunde, sonst nichts.
In mäßigem Tempo passierten wir die natürliche Engstelle, die das Hafenbecken vom offenen Meer trennte, und ich wandte ihr neuerlich das Gesicht zu. »Süden oder Norden?«
Ihre Augenbrauen zuckten überrascht hoch, dann kam spontan: »Süden.«
Ich lenkte das Boot nach steuerbord, also rechts, und wir folgten der Küstenlinie. Angelina seufzte zufrieden.
»Wir haben einen traumhaften Tag erwischt. Für Anfang November ist es noch richtig warm. Ich freue mich schon darauf, ins Meer zu springen.«
»Schwimmst du noch immer so viel?«, fragte ich sie. »Du warst ja eine richtige Wassernixe.«
Sie lachte. »Stimmt, du hast mich früher immer so genannt. Das hatte ich ganz vergessen.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf, dann beantwortete sie meine Frage. »Ja, für mich ist es Entspannung pur, mich nach einem langen Arbeitstag in die Fluten zu stürzen.« Sie kreiste mit den Schultern und verzog dabei ein wenig den Mund.
»Hast du Schmerzen?«
»Ach, nur Verspannungen.«
»Ich könnte dich massieren. Darin bin ich gut.«
Die Skepsis in ihrem Blick konnte ich durch die Sonnenbrille hindurch nur erahnen. »Nur die Schultern und den Rücken. Mehr gibt es nur auf ausdrücklichen Wunsch«, setzte ich frech hinzu und entlockte ihr damit ein helles Lachen, das sich als Kribbeln in dem Bereich um meinen Magen festsetzte.
»Mal sehen, vielleicht komme ich heute noch auf dein freundliches Angebot zurück«, meinte sie mit einem verschmitzten Lächeln, das ihr ausnehmend gut stand. Sie wandte das Gesicht wieder in den Fahrtwind und genoss es sichtlich.
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