Tatsache war allerdings, dass der PC relativ neu war und sie zum Zeitpunkt des Brandes noch kein Passwort eingerichtet hatte. Aber diesen Fehler wollte sie vertuschen. Wer auch sollte das bemerken? Inzwischen gab es ein Passwort!
Der Liebknecht zog da nur etwas ungläubig seine Augenbrauen hoch. Natürlich gab es genug Leute, für die Passwörter kein unlösbares Problem darstellten. Aber jemand, der in einem PC nach irgendwelchen Dateien sucht, ist nicht zwangsläufig einer von denen.
Der Köstlbacher machte eine ungeduldige Handbewegung. Passwort hin oder her, er wollte wissen, nach was die Festplatte durchforstet worden ist.
»Ums Passwort kümmern wir uns später! Jetzt sagen Sie uns doch endlich, was Sie herausgefunden haben!«, polterte der Köstlbacher los.
Die Würtz wurde schlagartig etwas blass im Gesicht, als der Köstlbacher davon sprach, dass sich die Kripo um das Passwort später kümmern würde. Aber die Angst verflog schnell wieder. Wie sollte das herauskommen, dass sie das Passwort erst heute …? Und außerdem, sie konnte es ja auch heute geändert haben.
»Also zuerst zum ›Verlauf‹! Ich habe natürlich nicht mehr genau im Detail im Hinterkopf, welche Internetseiten ich der Reihe nach geöffnet hatte. Aber ich bin mir absolut sicher, nie auf der Seite ›Sichel und Hammer‹ gewesen zu sein.«
»›Sichel und Hammer‹?«, fragte der Liebknecht.
»›Sichel und Hammer‹!«, bestätigte Frau Söll. »Frau Würtz hat’s mir auch gezeigt. Können Sie sich da einen Reim drauf machen?«
Dass beim Köstlbacher und bestimmt auch beim Liebknecht die Alarmglocken zu läuten begannen, kannst du dir vorstellen. Aber weder der eine, noch der andere ließen sich das anmerken. In diesem Stadium der Ermittlungen durfte nichts an die Öffentlichkeit gelangen, was auch nur im Entferntesten das Interesse der Klatschpresse auf den Plan rufen könnte.
»Und dass Ihr Quirin …?«, fragte der Köstlbacher, ohne auf die Frage von Frau Söll überhaupt erst einzugehen.
»Quirin? Nein! Der hat seinen eigenen PC! An den im Büro würde sich Quirin nie setzen!«, antwortete Frau Söll entrüstet.
»Zeigte der Verlauf noch andere Seiten an, bei denen Sie ausschließen können, selbst drauf gewesen zu sein?«, fragte der Liebknecht, einerseits aus Interesse, andererseits um von der ›Sichel und Hammer‹ Sache abzulenken.
»Ja! Eine war noch. SCHERBENTANZ! Hab mir die Seite genau angesehen. Ist eine Regensburger Band!«
»SCHERBENTANZ?«, fragten der Köstlbacher und der Liebknecht zeitgleich wie aus einem Mund.
»Sie kennen die Band?«, fragte Frau Söll? »Mein Sohn kannte sie nicht!«
»Zufall!«, erwiderte der Köstlbacher, froh, sich so herauswinden zu können. »Der Drummer der Band ist ein guter Bekannter von uns beiden.«
»Wegen dieser Seite bin ich überhaupt erst drauf gekommen, nachzusehen, welche Seite eventuell sonst noch ohne mein Wissen geöffnet wurde«, sagte Frau Würtz.
»Wie sollen wir das verstehen?«, fragte der Köstlbacher.
»Der Bildschirm schaltet ja automatisch ab. Und wenn man eine Taste oder die Maus berührt, ist er wieder aktiv«, erklärte Frau Würtz.
»Schon klar! Heißt das jetzt, Sie haben Ihre Tastatur berührt und die Seite von SCHERBENTANZ war zu sehen?«, fragte der Liebknecht.
Seine Zurückhaltung in Gegenwart der beiden schönen Frauen war völlig verschwunden. Selten, dass der Liebknecht so sehr Ermittler war, dass er auch denken konnte, wenn sich attraktive Frauen in seinem Gesichtsfeld aufhielten.
»Nicht die Startseite! Es war der Text zu dem Song ›AUSGEBRANNT‹!«, verbesserte die Würtz.
»Handgeschrieben und offensichtlich ein Erstentwurf, zumindest wenn man die Rechtschreibung beachtet.«
»Makaber im Zusammenhang mit dem Brandanschlag! Finden Sie nicht!«, fragte Frau Söll.
Auch auf diese Frage ging der Köstlbacher nicht ein. Stattdessen meinte er: »Fingerabdrücke werden wir ja keine mehr sicherstellen können.«
»Einen Versuch wär’s trotzdem wert!«, sagte der Liebknecht. »Ich nehme an, Sie brauchen den PC dringend! Wenn wir ihn mitnehmen, bekommen Sie ihn nicht vor übermorgen zurück. Wir könnten aber unseren Kollegen von der Spurensicherung herbeordern. Dann ging’s in weniger als einer Stunde!«
Ein Blickkontakt mit seinem Chef und sein kurzes Nicken bestärkte den Liebknecht in seinem Vorschlag.
»Wenn’s nicht anders geht. Hoffentlich geht das auch wirklich schnell. Ein Termin mit dem Finanzamt steht an. Die Zeit rinnt uns durch die Finger!«, meinte Frau Söll.
Der Liebknecht ging schnell aus dem Raum, um zu telefonieren. Der Köstlbacher deutete ihm beim Verlassen des Zimmers noch mit zwei Fingern an, dass er zwei Telefonate führen sollte.
Das macht ein gut eingespieltes Team aus: Der Liebknecht wusste sofort, was sein Chef wollte. Der Jung von der Spurensicherung musste her. Noch wichtiger, aber davon sollte hier niemand etwas mitbekommen, der Jens Spitzer von der Technik musste auf die Schnelle eine Kopie der Festplatte machen. Ohne Wissen der Frau Söll illegal! Aber mit ihrem Wissen zu riskant, schlafende Hunde zu wecken.
Kaum war der Liebknecht draußen, da brachte die Frau Würtz noch einmal das Gespräch auf den PC.
»Wollen Sie noch wissen, was ich rausbekommen habe, als ich ›zuletzt verwendete Dokumente‹ aufrief?«, fragte sie.
»Selbstverständlich!«, antwortete der Köstlbacher. Er war davon ausgegangen, dass diese Frage der Spitzer würde lösen können. Aber dazu müsste der Spitzer auch erst wieder rekonstruieren, wann genau die Würtz vor dem Brand ihre Arbeit beendet und wann nach dem Brand sie die Arbeit wieder aufgenommen hat. Diese Frage würde er ihr fürs Protokoll unbedingt noch stellen müssen. Aber im Augenblick war es besser, der Würtz erst einmal zuzuhören.
»Der Ordner, in dem detaillierte Angaben zur neuesten Kollektion drin sind, inklusive der finanziellen Kalkulation dazu, den hatte ich seit Tagen nicht mehr im Gebrauch. Die Arbeit war abgeschlossen und die Produktion lief bereits. Keine Ahnung was der große Unbekannte da suchte«, sagte die Frau Würtz.
»Ich kann dazu auch nichts sagen. Natürlich denkt man gleich an Betriebsspionage oder so. Aber wer sollte das machen wollen beziehungsweise gemacht haben?«, ergänzte dazu Frau Söll.
»Wir werden sehen! Interessant ist das auf alle Fälle!«, sagte der Köstlbacher und kratzte sich am Kragen, was er immer tat, wenn ihm eine Situation nicht so recht gefallen wollte.
In dem Moment trat der Liebknecht wieder in den Raum.
»Dauert höchstens 20 Minuten! Jung und Spitzer sind schon auf dem Weg.«
Kapitel 9
»Du willst uns verlassen?«, fragte der Köstlbacher den Roland.
Der Roland reagierte nicht gleich. Wie immer, wenn er ein Bier vor sich stehen hatte, nahm er erst einmal einen kräftigen Schluck, bevor er antwortete.
»Warum triffst du dich mit mir hier im Hofbräuhaus und bestellst mich nicht zu dir ins Präsidium? Scheust du dich davor, mit mir zusammen gesehen zu werden?«
»Schmarrn! Du bist nicht offiziell an den Ermittlungen beteiligt. Das ist alles. Und bevor sich wieder lästernde Mäuler den Mund zerreißen, wenn sie dich bei mir sehen, dann lieber hier!«, antwortete der Köstlbacher.
»Dein Scheiß-Team ist vielleicht nachtragend! Ich hab’ keinem was getan! Und dass ich damals bei dem Fall mit der Bedienung vom Kneitinger vorne am Arnulfsplatz nicht immer mit Bandagen gearbeitet habe, da kann ich nichts dazu! Beschwert euch beim LKA!«, sagte der Roland.
»Aber meine Kollegen sind doch hoffentlich nicht der Grund. Oder doch?«, fragte der Köstlbacher.
»Nein! Die gehen mir am Arsch vorbei! ›Verlassen‹ ist übrigens der falsche Ausdruck! Ich ziehe mich vom Geschäft zurück! Ist nicht dasselbe, oder?«
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