Gegenüber herkömmlichen Befragungen haben Online-Fragebögen den Vorteil, dass sie dank der technologischen Bedingungen schnell auszufüllen und zu versenden sind. Damit kann die Teilnahme an der Befragung in die normalen Abläufe der Bildschirmarbeit integriert werden. Befragungen, die beispielsweise per Post verschickt werden, scheitern oftmals an einer verschwindend geringen Rücklaufquote. Einen Fragebogen aus einem Umschlag zu nehmen, ihn zu lesen, auszufüllen, anschließend wieder in einen Umschlag zu packen, eventuell noch zu frankieren und zum Briefkasten zu tragen, sind Schritte, die Proband*innen nur ungern auf sich nehmen. Angekündigte Befragungen, die in einem vereinbarten Rahmen durchgeführt werden, weisen zwar eine höhere Rücklaufquote auf, weil der*die Leiter*in der Befragung den Rücklauf unmittelbar kontrollieren kann, jedoch ergibt sich hier eine Schwierigkeit, die sich auf das Antwortverhalten auswirken kann: Der*die Proband*in kann nicht selbst entscheiden, wann er*sie die Fragen bearbeitet.
Im Online-Verfahren hingegen bestimmen die Teilnehmer*innen einer Studie den Zeitpunkt, an dem sie die Fragen bearbeiten, selbst. Versuchsleiter*innen hegen an diesem Punkt zu Recht die Hoffnung auf eine höhere Motivation und Kooperationsbereitschaft auf der Seite der Teilnehmer*innen. Ein weiterer Vorteil ist, dass mit geringem Aufwand eine große Anzahl an Personen ungeachtet geographischer Distanzen erreicht werden kann. Das ist z. B. für sprachkontrastive Fragestellungen interessant. Online-Fragebögen können auch mit einer Sprachauswahl-Option ausgestattet werden, so dass der Fragebogen von Sprecher*innen verschiedener Sprachen ausgefüllt werden kann. Vorteilhaft ist auch, dass alle Daten sofort digital vorliegen und in (Statistik-)Programmen weiterverarbeitet werden können. Damit werden Kosten und Zeit gespart.
Aufgabe 1-8
Notieren Sie, welche Nachteile die Methode, Daten über Online-Fragebögen zu erheben, mit sich bringt.
Die Nachteile von Online-Fragebögen liegen vorwiegend darin, dass nicht kontrolliert werden kann, ob eine Person der Zielgruppe den Fragebogen ausfüllt oder möglicherweise jemand, der die Zielgruppenparameter nicht erfüllt, stellvertretend für eine Person agiert. Es kann ebenso wenig kontrolliert werden, ob nur eine Person den Fragebogen ausfüllt oder die Antworten Ergebnis einer gemeinschaftlichen Beratung im Rahmen einer illustren Partygesellschaft sind.
Auch die Zusammensetzung der Stichprobe kann nachteilig sein. So nehmen oftmals Personen teil, die einfach Freude an empirischen Erhebungen haben, oder Personen, die die jeweilige Thematik besonders positiv oder besonders negativ tangiert. Die Menge dieser Personen muss nicht notwendigerweise deckungsgleich mit der Stichprobe sein, die für eine repräsentative Aussage benötigt wird. Diese Gefahr kann dadurch eingegrenzt werden, dass Befragungsbögen per E-Mail verschickt werden. Hierfür müssen einer elektronischen Nachricht an eine statistisch ermittelte Auswahl an Adressat*innen lediglich Textdateien hinzugefügt werden. Dieses Vorgehen birgt wiederum eine andere Gefahr – die unsichere Rücklaufquote, weil Proband*innen eine E-Mail mit dem ausgefüllten Fragebogen zurücksenden müssen und dabei möglicherweise auch fürchten, nicht anonym zu bleiben. Eine Zugangsberechtigung zu einer Cloud, in der die ausgefüllten Fragebögen hinterlegt werden können, könnte ihnen diese Angst nehmen.
Online-Befragungen können auch über interaktive Online-Formulare via Webbrowser bearbeitet werden. Ein Versuch, dabei die Stichprobe zu steuern wäre, per E-Mail eine statistisch ermittelte Auswahl an Adressat*innen auf den entsprechenden Link zum Fragebogen aufmerksam zu machen.
Mit Hilfe der Internetseite
https://www.soscisurvey.de/ist es selbst für Ungeübte sehr einfach, ein solch interaktives Online-Formular zu erstellen.
Solange dieses Angebot nicht für kommerzielle Zwecke genutzt wird, ist es kostenlos. Nutzer*innen müssen sich lediglich registrieren und den einfachen Anweisungen folgen. Wir empfehlen, bei der Anmeldung keine private E-Mail-Adresse (yahoo, gmail etc.), sondern die Uni-E-Mail-Adresse anzugeben. Eine zusätzliche Software ist nicht vonnöten, da die Befragung auf dem Server SoSciSurvey läuft. Weitere kostenlose Anbieter sind zoomerang.com, Questionstar oder Umfrageonline (mit kostenloser Basisversion). Für größere Studien, in deren Rahmen eine Teilnehmer*innen- und Datenverwaltung und kontinuierliche Rückmeldungen über den Verlauf der Erhebung gewünscht sind, bietet sich das kostenpflichtige Angebot von rogator.de an (vgl. Döring 22003: 230).
Es ist wichtig, präzise anzugeben, wie lange die Bearbeitung des Fragebogens maximal dauert. Gerade bei zeitaufwändigeren Befragungen können potenzielle Teilnehmer*innen so den Zeitpunkt, zu dem sie die Fragen beantworten, besser festlegen. Gleichzeitig wird so einem Problem vorgebeugt, das im Zusammenhang mit Online-Befragungen häufiger auftritt: der vorzeitige Abbruch und damit die Nicht-Verwertbarkeit der Daten.
1.4.4 Log-File-Analyse – Einfach mitschneiden?
Die sogenannte Log-File-AnalyseLog-File-Analyse ist eine Methode der Datenerhebung, die in etwa mit der teilnehmenden Beobachtung vergleichbar ist. Auf den Rechnern der teilnehmenden Versuchspersonen werden spezifische Protokollierungsprogramme installiert, die neben den technischen Informationen über den Datenverkehr auch inhaltliche Botschaften aufzeichnen, die im Anschluss ausgewertet werden können. Dieses Vorgehen bietet sich insbesondere für digitale Interaktionssituationen, z. B. in Sozialen Netzwerken (vgl. Gysin 2014, 2015) oder Chat-Räumen (Orthmann 2000), an. Die an der Erhebung teilnehmenden Nutzer*innen wissen, dass die von ihnen generierten Daten aufgezeichnet werden.
Beobachterparadoxon: „the aim of linguistic research in the community must be to find out how people talk when they are not being systematically observed; yet we can only obtain this data by systematic observation.“ (Labov 1972: 209)
Aufgabe 1-9
Spielt das sogenannte Beobachterparadoxon auch bei Daten eine Rolle, die im oder über das WWW generiert werden?
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie sprachliche Äußerungen immer auch im Hinblick darauf produzieren, dass diese Daten für eine Analyse bestimmt sind.
Für den*die Versuchsleiter*in ist oftmals im Nachhinein ohne explizites Nachfragen kaum zu rekonstruieren, inwieweit beispielsweise besonders drastische oder auch besonders milde Äußerungen der Erhebungssituation geschuldet sind. Der*die Versuchsleiter*in muss ebenfalls damit leben, dass ihm*ihr ein Teil der produzierten Daten generell verborgen bleiben wird, weil die Nutzer*innen von der Möglichkeit Gebrauch machen, die Aufzeichnungsprogramme zu deaktivieren. Wie bei jeder teilnehmenden Beobachtung wird auch hier mit der Hoffnung gearbeitet, dass sich die Versuchsteilnehmer*innen über einen längeren Zeitraum an die Aufnahmesituation gewöhnen und zunehmend natürlich agieren.
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