Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich aufstand, um das Küchenfenster zu öffnen. Zuvor starrte ich völlig versunken auf mein eigenes Gesicht. Ich besah die Geheimratsecken, die gefurchte Stirn, die verunsichert zuckenden Nüstern, die lustlosen Augen, das eine daumenlange Haar, das über meinem linken Auge wuchs und von meinem Antlitz abstand wie ein Fühler, ein Bastard aus Wimper und Braue. Immer wieder musste ich mir Volki vorstellen, der weniger eine reale Person als das genaue Gegenteil von mir wurde, nett, adrett, charmant, charismatisch. Teils, weil ich meinen eigenen Anblick nicht mehr ertrug, teils, weil ich Volkis Geist aus dem Zimmer vertreiben wollte, teils, weil sich Lenas phantastische Gestalt immer wieder lasziv zwischen meinem ausgelaugten und Volkis kraftstrotzenden Körper rekelte, hauptsächlich aber, weil mich die Noten des Fisches, der Kräuter und Lenas Parfum in dem sauerstoffarmen Raum bedrängten wie eine infernalische Symphonie, richtete ich mich dann auf. Erhoben wirkte meine gespiegelte Gestalt gleich etwas wohltuender. Ich lüftete. Alles Böse entließ ich in die versöhnliche Finsternis der Nacht. Die Kühle schlug mir derart frisch um den Kopf, dass ich mich in voller Kenntnis aller Folgen sofort nochmals mit Lena, der Frau aus der Stadt, dazu entschlossen hätte, in die Provinz zu ziehen. Ich warf die Regenbogenforellenreste in den Mülleimer, spülte die Teller unter warmem Wasser vor, räumte den Geschirrspüler ein. Ich schrubbte das Tablett und die Küchenmesser. Dabei wurde mir immer wohler. Im Rumoren des Geschirrspülers und dem Abflussstrudel im Spülbecken verschwanden mit den Fettspritzern und Zitronenflecken die letzten stummen Spuren. Ich besah mein Gesicht wesentlich milder auf dem blankpolierten Tablett, auf dem Schliff des Messers und stapelte alles auf das Abtropfgestell. Etwas traurig, mich jetzt, nach Verrichtung meiner Pflichten, nicht auf der Scheibe beschauen zu können, setzte ich mich wieder auf meinen Posten und sog Luft ein. Ich schloss die Augen. Es roch nach Nadelwald, nach nasser Erde, einem Gewitter, das gleich aufziehen würde, als ob der Boden es schon nicht mehr erwarten könnte. Ich dachte daran, wie meine Geige einsam in ihrem Koffer lag, dem ich sie morgen entnehmen würde wie einen Fisch dem Fluss, um Kindern zu zeigen, wie sie die Legatobögen zu führen hatten, wie die Pizzicatostellen zu zupfen, die Marcato zu donnern. Ich überlegte, ob das Fliegenfischen langsam zum Ersatz wurde für die fahrengelassene Konzertviolinistenkarriere, ob es die Form einer unterschwelligen Rache an den Menschen annahm, für die da zu sein letztlich so viel wichtiger gewesen war, als ein wirklicher Virtuose zu werden. In Salzburg, noch Starschüler des letzten Studienjahres am Mozarteum, schon von einem Vorspielen für die großen Bühnen und Orchester zum nächsten hetzend, zwischen den beiden, auf Vormittag und Nachmittag verteilten Qualifikationsrunden, es ging um eine freie Stelle als zweite Geige der städtischen Philharmonie, in einem Gastgarten dann, wo ich gedachte, ein Mittagessen einzunehmen, da lernte ich Lena kennen. Sie saß am Tisch gegenüber, ich rief ihr zu, ein so weißes Kleid könne doch nur eine Ärztin tragen. Sie sprang auf von der Bierbank, kam an den Tisch, wo ich ganz allein vor meinem Schnitzel saß, und fragte völlig ungläubig, woher ich das wisse. Ich versuchte es mir zu verkneifen, doch das Schmunzeln sowie schließlich das Lachen schlichen sich ein und brachen aus mir aus. Obwohl sich die Komik in erster Linie aus dem Funktionieren der offensichtlichsten Schmeichelei speiste, die man sich überhaupt ausdenken konnte, stimmte Lena augenblicklich gellend ein. Zusammen klangen wir harmonischer und trillerten unsere Melodien ausgelassener als jede Komposition dieser Welt von welchem Orchester auch immer intoniert. Was wäre mir anderes übriggeblieben, als die zweite Hälfte des Vorspielens, für die ich mich qualifiziert hatte, in einem lustigen Operettenton in den Wind zu pfeifen, der im ersten Aufzug darin bestand, Lena zuzunicken, als sie fragte, ob sie sich zu mir setzen dürfte, im zweiten, als sie sagte, ich überfalle wohl eine Bank, zu antworten, nur die in diesem Gastgarten hier, und als sie den offensichtlich verwirrt mit ihrem Backhenderl herumstehenden Kellner an unseren Tisch winkte, zum grande finale schelmisch zu lamentieren, wie unverschämt groß und für einen gar nicht zu schaffen in diesem Gastgarten die Dessertportionen seien. Sie helfe mir gerne, sagte Lena. Zur Nachspeise gab es erst Kaiserschmarren und dann Sex. Ihre goldenen Haare und die blonde Süßigkeit vermengten sich zu einem köstlichen Vorschein auf unser beider gemeinsame Zukunft. Es ging auch schon gar nicht mehr anders, sehr bald war Lukas unterwegs. Nach Oberösterreich verschlug es uns dann, weil dort gerade ein neues, von skandinavischen Nationen abgekupfertes Musikschulsystem installiert wurde. Die Subventionen wurden an eine alle paar Jahre von den Schülern landesweit abzulegende sogenannte Übertrittsprüfung gekoppelt. Je mehr sehr gute Noten es regnete, umso unverhohlener fiel vom Ministeriumshimmel für Bildung, Kunst und Kultur das Gold, was eine regelrechte Sturzflut sich in Oberösterreich niederlassender Musikschullehrer aus ganz Österreich zur Folge hatte. Wir unterrichteten nicht gerade auf Stradivaris, aber zumindest nicht wie andernorts in diesem Land auf den aus Kirchenorchestern aussortierten Kniegeigen.
Dank meiner erstklassigen Ausbildung und meiner Jugend wurde ich nicht auf die Warteliste für freie Stellen im Landesmusikschulverband Oberösterreich gesetzt. Man wies mir direkt einen Posten in jenem Provinzkaff zu, in diesem Provinzkaff, in dem ich mich immer noch befand. Die Stelle auszuschlagen hätte bedeutet, zuallerletzt auf der Warteliste zu landen. Ich bezeichnete es immer als ein großes Glück, denn wir brauchten mein Gehalt dringend, Lena, Lukas, Johannes und ich. Sie hingegen, die abgesehen von ihrem Medizinstudium in München ihr Leben in Salzburg verbracht hatte, stauchte den Beamten am anderen Ende der Leitung zusammen, was ihm denn einfalle, einen Mozarteumsabgänger wie ihren Mann, statt ihm den rötesten Teppich der Landeshauptstadt Linz auszurollen, ins gottvergessenste Nest zu entsenden, wo das Musikalischste, was von den im Katholizismus ihrer Elternhäuser feststeckenden Kindern zu erwarten war, ein fehlerfrei gesungenes Vaterunser sei. Der Beamte habe vernehmbar unbeeindruckt geantwortet, man sei gerade Konservatoriumsabsolventen gegenüber misstrauisch eingestellt inzwischen, man habe schlechte Erfahrungen gemacht, gerade hervorragende, ihre Karriere aber nicht verfolgende, verkappte, gescheiterte, schiffbrüchige, auf der Strecke gebliebene, et cetera et cetera, sie wisse ja, Möchtegern-Solisten in einem Wort, verlören oft die Geduld gegenüber den mindertalentierten Schülern, ja würden an regelrechten Wutausbrüchen leiden, und mit Verlaub, nichts gegen ihren Mann, so etwas mache eben das Konservatorium aus Menschen, sobald man drin stecke, im Konservativen, man gehe gelassen hinein in die Leistungsdruckpresse und komme als Choleriker heraus, und im Gegensatz zu den verzogenen Stadtschnöseln seien die oberösterreichischen Bauernkinder die ruppigen Rügen dann wenigstens von Haus aus schon gewöhnt. Mit höflicher Verabschiedung habe der Beamte eingehängt, wie mir Lena erzählte, als ich die erste Abmahnung von Seiten der Musikschuldirektion nach Hause brachte, da ich ein Kind angeblich angeschrien hatte.
Wir saßen uns gegenüber, ich öffnete die dritte Flasche Wein, sie taxierte mich, misstrauisch, und über ihre Lippen kam kein Sag-mir-dass-das-nicht-stimmt, nur ein weiterer Schluck aus dem wieder aufgefüllten Achterlglas schwappte in ihren Mund, ein Erfunden-und-erlogen-eine-Intrige-stimmts hätte ich mir gewünscht. Das Wort wäre vielleicht an mir gewesen, womöglich hätte es an mir gelegen. Doch Lenas in Bewegung geratene Kiefer lieferten schon bloß diese Geschichte vom Telefonat mit dem Beamten statt einem Da-muss-eine-Verwechslung-vorliegen-eine-Supplierung-bestimmt. Sie stellte das Glas wieder auf den Tisch, ließ ihren Kopf etwas sinken, dass die Haare fielen vor ihren Blick, kicherte und lachte dann in sich hinein, oder lachte über mich, wer weiß. Sie hob ihren Schopf und nahm mich in Augenschein, ihren inzwischen verstummten Kinderanschreier, kein Nein-nein-das-muss-ein-anderer-gewesen-sein. Schon damals kam sie mir mit einem anderen Mann, den sie angeblich angeschrien hatte, einem vor weiß der Teufel wie langer Zeit stattgefundenen Gespräch, einer Geschichte aus der Vergangenheit, von der ich zwar nicht sagen kann, ob sie je stattgefunden hat, aber sie hat etwas mit mir gemacht. Wenn ich darüber nachdenke, hat mir Lena gesagt, der Beamte habe gelogen, die Kinder vertrügen weder Schläge noch Rüge, sie hätte den Kopf schütteln und schimpfen können auf die Jugend von heute. Sie hätte sagen können, der Beamte habe eben recht behalten, ich könne nichts dafür, dass diese Kinder Welten schlechter spielten als ich in ihrem Alter und alles andere als Ambitionen im Beherrschen welches Instruments auch immer hegten, ich solle sie in Zukunft einfach ein bisschen pianissimo schelten. Stattdessen formten Lenas gellende Stimmbänder eine nahezu hysterische Schimpftirade. Ihre rotweinverkrusteten Lippen bebten, ihre Hände warfen an die Wände dieser Küche in wildem Fuchteln ekstatisch zuckende Fingerschatten, die innerhalb weniger Sekunden in jede mögliche Richtung, nur nicht in meine wiesen, auf alle Punkte im Raum, bloß nicht auf mich zeigten. Mindestens so schnell, wie ihre Arme gestikulierten, feuerten ihre Hirnwindungen. Die Stimmbänder kamen beinahe nicht hinterher und klirrten in den höchsten Tönen, noch heller als das Weinglas, das Laut gab, wenn Lena zwischendurch mit der Faust auf die Tischplatte hieb, über die ihre Zunge Spucke schleuderte mit jedem Satz weiter bis in mein Achterl hinein.
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