Kaynee sieht auf seine Hand, streicht dann leicht mit den Fingerspitzen über seinen Handteller. »Danke für das Angebot. Aber ich glaube, sie will alleine mit sich sein.« Sie zieht ihre Hand zurück und sieht Sanders offen an. »Ist das die Freiheit, die du meinst? Nicht getrieben zu sein?«
Er nickt.
»Dann liebe ich meine Freiheit.« Kaynee sieht den Abhang hinunter, auf dem ihr Arbeitsplatz ruht. »Es wird ein heißer Tag werden. Ich werde mich lieber zurückziehen.« Sie erhebt sich. »Danke für deine Zeit, Sanders. Wir sehen uns spätestens, wenn ich mein nächstes Patenkind bekomme.«
Als Kaynee fort ist, greift Sanders sich hinter das Ohr und switcht Sudresh wieder in den Vordergrund. Denn Sudresh kann nicht nur gut erklären, er kann auch am besten alleine arbeiten. Und da Sanders noch Datenpflege betreiben muss, eine einsame und an sich verhasste Arbeit, gibt es niemand besseren dafür als eben Sudresh.
Außerdem hält es sein Fürsorger für notwendig, ihn von Kaynee abzulenken. Die ungeklärte Situation zwischen ihnen beiden macht Sanders schon seit einiger Zeit zu schaffen. Während ihm immer klarer wird, dass es mehr als Freundschaft auf seiner Seite ist, auf Steves Seite, weiß er nicht, was sie in Bezug auf ihn denkt oder fühlt. Er hat sich sogar schon dabei ertappt, eine flüchtige Abspaltung herbeiführen zu wollen, eine Persönlichkeit zu formen, die nichts anderes machen soll, als Kaynee endlich zu fragen, was Sache sei. Ein Nein könnte er auf diese Weise schneller verarbeiten. Und dann, wenn man die neuronale Clusterverschiebung nicht weiter verfolgte, könnte das verlorene Ich in die Cloud eingehen und niemals wieder reaktiviert werden. So eine saubere Lösung, denkt Sanders.
Nur machbar ist sie nicht. Niemand wird ihm die Energie genehmigen, die die Maschinen verbrauchen würden. Zudem wäre das Ganze ohne Überwachung eine ungesicherte Abspaltung und die Gefahr ist zu groß, dass etwas schiefläuft. Er will nicht als Wilder enden. Als Lost Soul, eingesperrt in einer Forschungseinheit, oder, was noch schlimmer wäre, in einer öffentlichen Verwahrstelle.
Sanders steht auf, bringt das Tablett mit seinem Becher und Kaynees Glas zurück zur Theke, bedankt sich förmlich und macht sich auf den Weg zu seinem Labor. Dabei muss er das Entree erneut durchqueren.
Als er am Panoramafenster vorbeikommt, sieht er kurz nach draußen. Er stockt. Vor dem Tor fährt gerade ein Wagen des MedCon weg. Das dunkelblaue Gefährt mit dem weißen Dach verschwindet in einer Staubwolke, wie das Taxi zuvor, das Santana in eine neue, friedlichere Welt gebracht hatte. Kaynee hat recht, es würde in der Tat ein heißer Tag werden.
Als Sanders im linken Flur verschwindet, der zu den Laborräumen und Traumakapseln führt, denkt er nüchtern über den Fall Santana nach.
Das schwarzhaarige, dünne Mädchen hatte ein defektes Implantat gehabt. Der Schalter hatte einen Wackelkontakt, was dazu führte, dass sich die Hauptcluster nicht mehr voneinander lösen ließen. Ihre Persönlichkeiten waren immer mehr miteinander verschmolzen, letztlich hatten nur noch Fürsorger, Organisator und der allgegenwärtige Wachhund ihren Dienst getan. Allerdings hatten sie sich gegenseitig blockiert, sodass sich das Mädchen zum Schluss in seinem Kleinraumapartment verschanzt hatte, voll Angst, ohne Vertrauen zu sich oder der auf einmal bedrohlich wirkenden Umwelt, ohne Lebensmittel. Nachbarn hatten die Medical Control gerufen, nachdem sie das Mädchen über Stunden schreien hörten. Man hatte sie vorgefunden, mit blutigen Händen, wie sie versuchte, sich das nutzlos gewordene Implantat aus dem Schädel zu graben.
Man hatte sie hierher gebracht, nach Zenith, zu Professorin Paulson. Und damit zu Kaynee und auch zu ihm. Das Team ist perfekt aufeinander eingespielt und genießt bei MedCon eine hohe Wertschätzung, Professorin Paulsons wegen. Daher bekommen sie von den Notfalldiensten nur noch die interessanten Fälle. Keine herkömmlichen Aufspaltungen zur Vollendung des Persönlichkeitssets oder Notfall-Cloud-Absicherungen.
Dazwischen aber nimmt Professorin Paulson immer wieder Patienten an, die mit sehr viel Geld versehen sind und die unbedingt noch eine weitere Persönlichkeit haben wollen. Diese schlummert dann in der Meute – schlummert, bis sie auf Knopfdruck zum Einsatz kommt. Die Männer wollen zumeist einen juvenilen Anteil ihres Sexual-Ichs generieren. Das kommt immer besser als irgendein potenzsteigerndes Mittelchen und hat keine Nebenwirkungen. Die Frauen scheinen in der Masse zufriedener mit dem, was sie haben.
Sanders überlegt kurz. Nein, er hatte noch keine reiche Lady auf dem Stuhl. Seltsam, dass ihm das nie aufgefallen ist. Sanders geht weiter. Die Professorin finanziert mit den Reichen die Pro-bono-Fälle wie Santana.
Pro bono. Sanders schnaubt. Tue Gutes und schweige darüber. Schweige laut und medial, damit es alle mitbekommen. Es funktioniert. Zenith hat lange Wartelisten.
Sanders verdrängt die Listen und konzentriert sich wieder auf Santana. Er muss ihre runderneuerten Daten sichern, verkapseln und Maggie Finch übergeben. Er mag Maggie nicht. Oder gilt seine Abneigung der Institution, die sie verkörpert?
Dabei gibt es an dem Amt für Identitätsschutz, der IPA, nichts auszusetzen. Es ist notwendig geworden, nachdem anfänglich reichlich Schindluder mit Identitätsdiebstahl und Persönlichkeitsschmuggel getrieben worden war. Auf dem Schwarzmarkt hatte es bald nach Erfindung der Persönlichkeitsspaltung einen florierenden Handel mit Sexualsplits gegeben. Dabei waren das meist Hinterhofproduktionen, die, schlecht und stümperhaft gemacht, nur Schaden anrichteten. Die Ursprungsmenschen, denen das gewünschte Muster für den unbekümmerten Playboy, das nymphomanische Weib oder das, was man sich unter einer leidenschaftlichen Hure vorstellte, aus dem Kopf geraubt wurde, waren hinterher kaum lebensfähig. Als »Lost Souls« wussten sie nicht mehr, wer sie waren oder wohin sie gehörten. Diejenigen, die sich die fremden Muster aufspielen ließen, wurden die Geister nicht mehr los, die sie sich aufgeladen hatten. Die Technik war damals noch nicht so raffiniert wie heute. Man konnte anfänglich noch nicht kopieren. Man konnte zunächst nur stehlen. Und nicht wieder zurückgeben. Damals war die Identity Protection Agency aus einer Sondereinheit der Polizei heraus entstanden. In kürzester Zeit wuchsen die über das ganze Land verteilten Einheiten zu einem übermächtigen Wesen heran.
Neben den mobilen Einsatzkräften, die immer noch tagtäglich die Bezirke überwachen, teilt die IPA auch jedem CADIAS wenigstens einen stationären Beobachter zu. Denn in den heutigen, komplett vernetzten Zeiten, ist ein Neuronalmuster der Schlüssel zu jeder Art von Konto, zu Informationen. Zu Computerprofilen. Das Verbrechen hat sich verlagert. Daher wird nach jedem neuen Splitting, Refurbishing oder Back-up das neuronale Muster abgespeichert, eingekapselt und zur Verwahrung an die Datenkrake übergeben. Es dient dem Schutz der Privatsphäre, so sagt man. Man. Man. So sagt man.
Sanders bleibt vor der Tür zu seinem Labor stehen und zückt die ID-Card.
Eine nüchterne Stimme ertönt da in seinem Rücken. Ein Hauch von Tadel schwingt darin mit, aber nicht so offensiv, dass Sanders’ Wachhund anschlägt. »Da sind Sie ja, Sanders. Ich warte schon seit heute Morgen auf die Daten.«
»Miss Finch. Ich habe eben an Sie gedacht.« Er dreht sich zu ihr herum. »Sie bekommen, was Sie wollen. Geben Sie mir zwei Stunden.«
»Nicht eine Minute mehr. Sie wissen, dass ich jede Verzögerung begründen muss. Und ich würde Ihrem Ruf nur ungern … schaden.« Maggie hebt die rechte Braue ein Stück und schürzt die kirschroten Lippen. Dann tritt sie einen Schritt auf Sanders zu und legt dabei ihren Körper in eine dezente S-Kurve. »Ich bekomme also, was ich will, ja? Halten Sie Ihr Wort, Sanders?«
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