Weihnachten wurde immer ein festes Ritual eingehalten. Am 24. Dezember morgens wurde der Baum geschmückt. Meistens machte das meine Mutter. Wir Kinder schauten zu und klauten hinter ihrem Rücken vom Baum die Schokoladenkringel aus Fondant, einer eklig süßen Zuckermasse, mit der man testen konnte, ob man Löcher in den Zähnen hatte. Mutter tat so, als sähe sie das nicht. Sie hatte immer noch eine Tüte in Reserve. Vater war eher zuständig fürs Grobe. Er musste den Baumstamm anspitzen, damit er in den gusseisernen Ständer passte. Das war keine einfache Aufgabe, denn eigentlich sollten dabei alle Nadeln am Baum bleiben. Mittagessen fiel vorerst aus. Stattdessen war Baden angesagt. Ein Badezimmer hatten wir nicht, aber in der Küche stand ein Abwaschtisch mit zwei Schüsseln, die man unter der Tischplatte hervorziehen konnte. Das reichte. Warum man sich vor der Bescherung waschen musste, erklärte mir niemand. Das war nun einmal so. Dann warteten wir auf den schon beschriebenen Weihnachtsmann. Nach der Bescherung gab es das aufgeschobene Mittagessen: Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen oder manchmal auch mit Kassler.
Ich habe so oft bei der Zubereitung des Kartoffelsalats zugesehen, dass dieses Rezept zu den wenigen gehört, die ich auswendig kann. Wie bei den traditionellen Klößen verwendeten die Thüringer auch hier mehligkochende Kartoffeln, sie wurden aber einige Minuten eher vom Feuer genommen. Selbstverständlich wurden sie als Pellkartoffeln aufgesetzt. Diese wurden noch heiß gepellt und in Scheiben, seltener in Würfel geschnitten. Dazu kamen dann Pfeffer, Salz, feingeschnittene Zwiebeln und Gewürzgurken, ebenfalls feingeschnitten. Dass Mutter die Gurken eigenhändig eingelegt hatte, verstand sich von selbst. Das Ganze wurde vorsichtig vermengt und dann mit der Brühe und den Gewürzen aus dem Gurkenglas übergossen. So wurde der vorbereitete Salat eine Nacht im Kalten stehen gelassen. Am nächsten Tag kam dann kurz vor dem Essen die Mayonnaise hinzu, die Mutter ebenfalls selbst zubereitete. Zu der bei ihr im Konsum zum Kauf angebotenen Mayonnaise hatte sie kein Vertrauen. Wenn man diese nur etwas misstrauisch ansah, zerfiel sie vor Angst wieder in ihre Bestandteile. Wir hatten eine Maschine mit einer Kurbel, die in einem Glasgefäß kleine Rührlöffel antrieb. Oben im Deckel war ein Töpfchen mit einem kleinen Loch. Mutter trennte von mehreren Eiern das Eigelb vom Eiweiß, das war für uns schon eine Zirkusvorstellung, denn sie machte das mit zwei halben Eierschalen über einer Schüssel, wobei das Eigelb immer von einer Schalenhälfte in die andere hopste und das Eiweiß in der Mitte in die Schale herunterlief. Eine dünne Eihaut hielt dabei das Eigelb zusammen. Man hatte schon verloren, wenn man das Ei mit dem Messer aufschlug. Mutter machte das immer am Tassenrand, dann blieb das Eihäutchen intakt. Das Eigelb kam mit Salz, Pfeffer und Kräuteressig in das Glas der Maschine und wurde mit der Kurbel heftig gerührt. Dann kam das Töpfchen mit dem Loch zum Einsatz. Dort hinein kam Öl, das langsam durch das kleine Loch in die darunterliegende Eierpampe tropfte. Mit der Kurbel wurde dabei ordentlich gerührt. Irgendwann bildete sich dann die gewünschte Mayonnaise – oder auch nicht. Mutter bekam das im Winter immer hin. Im Sommer machte sie keinen Kartoffelsalat.
Physikalisch-chemisch ist das ein außerordentlich komplizierter Vorgang: die Herstellung einer Öl-in-Wasser-Emulsion, wobei das Lecithin im Eigelb als Emulgator fungiert. Meine Mutter wusste das alles nicht und meine Urgroßmutter, von der sie Kochen gelernt hatte, erst recht nicht. Beide haben immer vorzügliche Mayonnaise hergestellt. Ich kann das alles gut erklären, kaufe aber lieber Delikatess-Mayonnaise aus dem Spreewald. Auch die Gewürzgurken bereite ich nicht selbst, sondern verwende Spreewald-Pfeffergurken. Zudem muss man neuerdings mehligkochende Kartoffeln lange im Supermarkt suchen … Wie auch immer: Nach mehreren eigenen Zubereitungsexperimenten bin ich bei den Spreewald-Produkten geblieben, und die Kartoffeln kaufe ich bei einem Bauern, der beim Stichwort »Kartoffelsalat« genau weiß, was ich brauche. Zu anderen Mayonnaisen und Gewürzgurken hege ich kein Vertrauen. Eine Erklärung, wie man Wiener Würstchen erwärmt, ohne dass sie platzen, erspare ich mir hier, das kann jeder selbst herausfinden.
Am ersten Weihnachtsfeiertag stand zumeist Gänsebraten auf dem familiären Speiseprogramm. Wir waren ja fünf gute Esser, und Gans gab es nur einmal im Jahr. Sie wurde noch lebend vom Bauern abgeholt und von meinem Vater geschlachtet. Wer macht sich denn heute noch Gedanken über den Weg einer Gans von der grünen Wiese in die Bratpfanne? Man holt sich eine kopf- und federlose, eiskalte Gänseleiche aus der Tiefkühltruhe, liest oberflächlich mit einer Lupe die auf der Verpackung in sieben Sprachen aufgedruckte Gebrauchsanleitung, einschließlich der Warnung, sich anschließend nicht die Tüte über den Kopf zu ziehen, und los geht’s.
Vater schlachtete die Gans nicht einfach so hin, sondern stach sie ab. Dabei durchtrennte er mit einem zweiseitig scharfen Messer zwischen zwei bestimmten Halswirbeln die Wirbelsäule und schnitt dann die Kehle auf. Anschließend wurde die Gans an den Füßen aufgehängt, damit sie ausbluten konnte. Mein Vater hielt die Gans dabei zwischen den Knien fest. Bestimmt wird dieser Vorgang in verschiedenen Regionen unterschiedlich gehandhabt, er bevorzugte die mährische Variante. Das klingt gruselig, aber in Krimis befinden die meisten das Morden von Menschen für normal, alle schauen hin, aber bei Gänsen halten wir unseren Kindern lieber die Augen zu.
Das Rupfen der Gans übernahm meine Mutter. Die Federn wurden aufgehoben und fanden sich dann in verschiedenen Kissen wieder. Die Gans hing dann noch ein paar Tage draußen neben dem Küchenfenster. Das Wichtigste war dabei der Strick und der Knoten. Wäre sie aus dem ersten Stock auf den Fußweg gefallen, hätte sie sich auch ohne Kopf mit Hilfe anderer Leute davongemacht.
Die Produktion der Thüringer Klöße kann ich hier übergehen, ebenso das Rezept für Thüringisches Rotkraut. Jedenfalls war trotz dieser üppigen Beilagen spätestens am zweiten Weihnachtsfeiertag von der Gans nichts mehr übrig als das in Gläsern abgefüllte Gänseschmalz.
Lustig war immer das Abschmücken des Weihnachtsbaums. Die Kugeln und die Weihnachtsbaumspitze kamen wieder in dieselben wackeligen Pappschachteln zwischen morsches Seidenpapier. Süßigkeiten waren schon lange nicht mehr am Baum. Das Lametta wurde vorsichtig abgehängt, für das nächste Jahr. Bei all dem hatte der Baum schon reichlich Nadeln eingebüßt. Mutter lamentierte dann, dass das ganze Treppenhaus beim Abtransport vollgenadelt werden würde. Vater fand die einfache Lösung: Er griff den Baum oben am Stamm und stukte ihn zweimal auf den Boden. Die Nadeln waren daraufhin so ziemlich alle ab. Das Gerippe warf er dann aus dem Fenster meines Zimmers in den Hof. Die Treppe blieb sauber.
Zuweilen wurde bei uns zu Hause Rommé gespielt. Dann fand sich auch der Schuster ein, der das Spiel leidenschaftlich mochte, aber genauso leidenschaftlich schummelte. Kam mein Vater mit seinem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn dahinter, schmiss er die Karten auf den Tisch und stieg schimpfend aus. Das hinderte den Schuster nicht daran, weiterzumachen. In mir fand er immer einen Bewunderer, wenn er versuchte, mir einen Joker in einem seiner Hauslatschen unter dem Tisch zuzuschieben.
Der Schuster war der Mann meiner Tante Trude und tatsächlich Schuster mit einer entsprechenden Schusterwerkstatt gegenüber der Kirche. Ich ging gern zu ihm in die Werkstatt. Es war warm dort, es roch nach Schusterleim und Gummilösung, und ich bekam immer etwas zum Nageln und Hämmern. Er war belesen, technisch versiert, hörte ständig Radio und war so etwas wie die Informationszentrale des Dorfes. Seine Kunden brachten die Schuhe wohl mehr wegen der Klatscherei zu ihm. Von seiner Schusterbude aus hatte er die alte Feldtelefonleitung der Wehrmacht aus der Flakstellung zu seiner Frau auf die andere Straßenseite hinübergelegt, über die sie miteinander in Kontakt traten. Wenn er mit ihr nicht reden wollte, hob er einfach nicht ab, auch wenn sie noch so schnell an der Kurbel drehte. Das war für beide sehr praktisch, denn sie machte das im umgekehrten Falle genauso. Von ihm bekam ich auch meinen ersten Kristall-Detektor, die Urform des heutigen Radios, zum Experimentieren. Später als Chemiestudent präparierte ich ihm dafür seine Schleifbänder für die Gummisohlen, damit sie länger hielten. Daraufhin stieg ich ungemein in seiner Achtung.
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