Ich ging also mit Oma Elsas Milchkanne los. Es war eine umgebaute Gasmaskenbüchse mit Henkel und Holzgriff. Auf dem Rückweg kam ich auf die Idee, mit der Kanne etwas auszuprobieren: Wenn man sie nur schnell genug am Arm kreisen ließe, bliebe die Milch in der Kanne, auch wenn diese im Kreis gerade oben schwang. Genau das testete ich, nur dummerweise unter Oma Elsas Fenster. Es klappte vorzüglich, die Milch blieb drin. Als ich aber gerade überlegte, wie ich nun wieder mit der Dreherei aufhören könnte, ohne zu kleckern, hörte ich Oma Elsas durchdringende Stimme. Das Problem löste sich wie der Henkel von der Kanne von selbst, und ich stand da, einen krummen Draht mit Holzgriff in der Hand. Kanne und Milch waren auf und davon.
2. Kapitel
Die Soldaten mit den roten Sternen •
Panjepferde und Panzer • Die Russen,
der Schnaps und der Konsum • Der
kommunistische Weihnachtsmann • Wenn es Raachermannel nabelt • Weihnachten in der Familie • Auf Schusters Rappen • Das Wunder mit den Bratheringen • Elsas
Koch- und Backkunst • Zucker für den Storch • Brotsuppe • Glück im Unglück • Ferienlager an der Ostsee
Die Russen gehörten seit 1945 zum Dorf. Sie kampierten in der Kaserne hoch auf dem Berg, für uns Kinder unerreichbar. Die Russenkaserne war früher eine Wehrmachtskaserne gewesen, hatte für uns also einfach nur andere Bewohner. Aus welchem Grund die Russen nach Ammerbach gekommen waren, wussten wir nicht. Der Krieg spielte im Denken von uns Kindern nur eine untergeordnete Rolle, obwohl wir schon ahnten, dass es da etwas gab, was die Erwachsenen in unserer Gegenwart bei Gesprächen immer peinlich umschifften. Wir konnten nicht wissen, dass das Land, aus dem die Soldaten mit den roten Sternen an den Mützen kamen, in einem erbarmungslosen Krieg überfallen, niedergebrannt, verwüstet worden war. Die Täter waren Männer, wie mein Vater einer gewesen war, als er noch seine schmucke Uniform trug. Sie hatten Millionen Tote hinterlassen. Hätte man es mir gesagt, ich hätte es nicht geglaubt oder nicht verstanden. Ich hatte bis dahin noch nie einen toten Menschen gesehen. Alle, die ich liebte, lebten und waren um mich herum. Die Worte »Rache« und »Vergeltung« kannte ich nicht. Unbekümmert sangen wir zu jeder Gelegenheit: Maikäfer, flieg! / Der Vater ist im Krieg. / Die Mutter ist im Pommerland. / Pommerland ist abgebrannt … Oder: Rumbumbum, de Russen kumm’. / Der Vater trägt die Fahne … Niemand musste dafür nach Sibirien.
Im Dorf tauchten die Rotarmisten in der Regel in kleinen Gruppen auf, die lediglich ein Ziel hatten: den Dorfkonsum. Zu uns Kindern waren sie immer freundlich, und manchmal verschenkten sie auch kleine rote Sterne von ihren Mützen. Wir hörten ihnen gern zu, wenn sie sangen. Sie hatten Heimweh, das merkte man deutlich.
Gleich nach dem Einzug der Roten Armee in Thüringen hatte es einige Auseinandersetzungen im Dorf gegeben, als sie zum Beispiel einem Bauern eine Kuh mit der Maschinenpistole abmurksten und ihm dafür einen Stapel Reichsmark mit einem Bajonett an die Stalltür nagelten. Sie waren ja im Lande des Feindes, da mussten sie keine Rücksicht nehmen. Sie wussten nur zu gut, wie es bei ihnen zu Hause aussah, aber hier war noch jeder Stein auf dem anderen, und die Menschen gingen ihrem Tagewerk nach, als hätte es nie einen Krieg gegeben.
Solche Gedanken gingen uns damals nicht durch den Kopf. Inzwischen war etwas Ruhe eingekehrt. Manchmal gab es einen Auflauf, wenn größere Einheiten durch das Dorf zogen. Wir standen dann immer aufgeregt als Zuschauer an der Straße und bewunderten die vorbeidonnernden Panzer ebenso wie die flachen, breit ausladenden Wagen mit den kleinen zottigen Pferden. Dazu kamen noch komische Lastwagen, auf denen an der Seite ein Ofen qualmte. Der Holzvergaser war eine sinnreiche Einrichtung, die jede Menge Benzin sparte. Hinten war ein Aufbau, der einem Klohäuschen nicht unähnlich war. Ausgangs des Dorfes war eine scharfe Kurve, die bei vollem Tempo von den T-34-Panzern nicht einfach zu meistern war. Regelmäßig ging dabei der Gartenzaun des Bauern zu Bruch, und genauso regelmäßig wurde der Zaun neu errichtet, wanderte aber dabei immer ein wenig nach außen und vergrößerte so den Garten. Finanziert wurde der neue Zaun durch die Rote Armee. Besonders bemerkenswert war der Gestank, den die Militärfahrzeuge verbreiteten. Erst später als Chemiker wusste ich, dass dieser Geruch vom hohen Schwefelanteil des Erdöls aus Baku herrührte, das die Wehrmacht so gern erobert hätte. Es gelang ihr aber nicht. Vielleicht hätte sie den von Deutschland angezettelten Krieg dann sogar noch gewonnen.
Ein Bauer unseres Dorfes, der im Krieg im Gesicht schwer verwundet worden war und vor dem wir Kinder uns immer etwas fürchteten, hatte von den sowjetischen Soldaten ein offensichtlich ausgedientes, kriegsmüdes Panjepferd erhalten. Er konnte kein Russisch, doch das Pferd gehorchte ihm auch auf Deutsch, und so hätten sie es beide gut haben können, wenn eben dieser Geruch nicht gewesen wäre. Jedes Mal, wenn der Bauer mit seinem Fuhrwerk unterwegs war und ein Russenauto qualmend vorbeifuhr, ging das Pferd durch. Die Zähne gefletscht, die Ohren aufgestellt und den Schwanz waagerecht nach hinten, raste es los wie ein geölter Blitz. Dem Bauern blieb nichts weiter übrig, als die Zügel loszulassen und sich am Wagen festzuhalten. Irgendwo außerhalb des Dorfes blieb dann das kriegserprobte Pferd schweißnass stehen. Es ging aber immer glimpflich aus. Wir brachten unsere Küchenabfälle regelmäßig zu dem Hof dieses Bauern und bekamen dann, wenn geschlachtet wurde, eine große Kanne Wurstbrühe mit einer Blut- oder Leberwurst darin. Es war eine alteingesessene Bauersfamilie. Die Bäuerin – eine kleine, herzensgute Frau – hatten die Nazis zwangsweise sterilisieren lassen, aber darüber schwiegen die Dorfbewohner, wie sie über alles schwiegen, was ihnen unangenehm war. Sie hatten sich schnell den neuen Verhältnissen angepasst, so wie sie sich den vorhergehenden angepasst hatten und den Verhältnissen davor. Erst als ich erwachsen war, habe ich das mit der Sterilisation erfahren. Die Bäuerin und ihr Mann adoptierten später in der DDR zwei Kinder.
Wir waren inzwischen zur Miete in ein schmuckes Haus in der Dorfmitte gezogen. Es gehörte einem Arzt aus Jena. Der Coppanzer Weg führte genau wie die Waldstraße nach oben. Etwas anderes ließ die Landschaft nicht zu. Auch hier fand man die deutlichen Spuren vergangener Zeiten, die das bäuerliche Leben hinterlassen hatte. Ziemlich am Rande, an einem kleinen Buchenhain, stand das alte Mühlhaus. Die Zeit war über das Mahlen von Getreide genauso hinweggegangen wie über das Bierbrauen, und so konnte man seine frühere Bestimmung nur noch an den im Garten aufgestellten Tischen erkennen, deren Platten die alten Mühlsteine bildeten. Den dazugehörigen Bach aus dem Coppanzer Grund gab es aber noch. Er floss jetzt arbeitslos an der Mühle vorbei.
Früher beherbergte unser neues Haus eine von dazumal drei Kneipen im Ort. Im Erdgeschoss befand sich nunmehr der Konsum, geführt von meiner Mutter; wir wohnten in der ersten Etage. Vater hatte inzwischen eine Arbeit im Schottwerk in Jena aufgenommen und fuhr dort eine Elektrolokomotive (kurz: E-Lok).
Eben dieser Konsum war das Ziel der russischen Soldaten, wenn sie ins Dorf hinunter kamen. Meine Mutter war zwar klein, aber resolut, und die Soldaten hatten tatsächlich großen Respekt vor ihr. Sie kam nicht umhin, ihnen Schnaps zu verkaufen, aber sie achtete immer darauf, dass im Laden kein Tropfen getrunken wurde. Gehorsam ging der Sergeant mit der bei ihr erstandenen Schnapsflasche nach draußen zu seinen dort wartenden Soldaten.
In der Regel blieb das für alle Beteiligten ohne Folgen, aber einmal kam es doch zu einem Zwischenfall: Der einzige noch verbliebene Gasthof befand sich direkt neben unserem Haus. Eine Gruppe Soldaten war in die Kneipe eingekehrt, und nach einer Weile gab es einen großen Radau. Zwei Soldaten sprangen mit voller Ausrüstung und MPi durch die Kneipenfenster und rannten geduckt davon, wie sie es im Krieg gelernt hatten. Im gleichen Augenblick fuhr mit quietschenden Reifen ein Jeep der sowjetischen Militärpolizei vor. Die Polizisten holten die anderen Soldaten aus der Kneipe, ihr Offizier wurde noch auf der Straße geohrfeigt und degradiert, indem man ihm alle Orden, die Schulterstücke und die Knöpfe abriss. Dann wurde er, wie die anderen, mit Peitschen auf einen ebenfalls angekommenen Lastwagen geprügelt. Bis spät in die Nacht konnte man das Feuer der Maschinenpistolen hören. Die Flüchtigen lieferten sich mit ihren Verfolgern ein heftiges Feuergefecht. Für sie ging es um Leben und Tod. Was in der Kneipe passiert war und warum der Wirt die Kommandantur angerufen hatte, darüber schwieg man, wie üblich.
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