John Leeds spürte deutlich, wie der Mut des Mannes müde geworden war, auf die Dauer konnte er den altväterischen Webstuhl nicht verteidigen. Weil dieser John Leeds, der sich auf Menschen zu verstehen glaubte, einem stummen Papier, war es nur richtig bedruckt, mehr Macht zutraute als einem lauten Handel, hielt er dem Bauer eine Banknote dicht vor die Augen. Als wäre sie aber durchsichtig und behindere nicht den Blick auf das Werkzeug, hieb der Bauer weiter in die Erde. So etwas war John Leeds noch nicht widerfahren; gut, auch andere Leute hatten Geld verachtet, doch sie sahen es wenigstens an. Du willst also einen Wettlauf, Bauer? Gut, laufen wir!
„Wissen Sie, wieviel wert ist der Webstuhl?“
„Ich weiß nichts.“
„Was wollen Sie dann?“
„Meine Wiege ist neben dem Webstuhl gestanden, Herr … und auch die Wiege meines Vaters … und …“
Das ist eine hohe Hürde, John Leeds, die mußt du mit einem gewaltigen Sprung nehmen. Er gab noch zwei Banknoten zu der einen. Der Bauer streckte den Rücken und rückte die Faust in das Kreuz, als könnte er sich dadurch rascher und leichter aufrichten. Er hatte die Augen abgewendet und schaute noch immer nicht auf das Geld.
„Er gehört zum Haus, Herr … Es ist hier so Brauch … wenn ein Knecht oder eine Magd alt wird … sie bleiben beim Haus…“
Du redest zuviel, Bauer, dir wird bei dem Wettlauf der Atem ausgehen. Und John Leeds legte noch ein Blättchen des verfluchten bräunlichen Papiers zu den übrigen; es sind jetzt ihrer vier, und er hält sie gefächert wie ein Spiel Karten. Alles kommt vom Teufel, was wie ein Fächer in der Hand ausgebreitet ist. Wie soll so ein hagerer, barhäuptiger Mensch, der mit nackten Füßen in der Furche steht, der seine paar armseligen Groschen am hellichten Tage mit der Laterne suchen muß, einmal bei einigen Kannen Milch, ein anderes Mal bei einem Korb voll Obst, einigen Brotlaiben, ein drittes Mal bei Hühnern, Honig oder einem Kalb, wie soll so ein Kleinhäusler den gleisnerischen Schein, der von einem Häuflein Reichtum ausgeht, von den Augen abwehren? Man könnte mit dem Geld neue Schindeln auf Haus und Scheune legen, man könnte die Bienenhütte bauen. Der Himmel wird es schließlich verzeihen, daß er mit der einen Hand nach dem Gelde greift, weil er doch mit der andern eine Träne von der Wimper wischt.
So kam John Leeds mit sanfter Gewalt in den Besitz des Webstuhls der Väter. Ja, Bauer, du warst zu langsam in diesem Wettlauf, das Geld war schneller. Jetzt führe den neuen Herrn in die Stube, er will sich seines Sieges über die drei Hausleute freuen.
Was zuerst nur Laune war, wurde nun beflissener Ernst; John Leeds betrachtete jetzt mit anderen Augen das graue Ungetüm, das die Decke berührte, das die dämmernde Ecke ausfüllte.
Von hier mußt du fortwandern, dachte sich der Urenkel jenes Webers, der zuerst auf der schmalen Bank gesessen war. Er wollte den Webstuhl im Triumph heimbringen, niemand drüben über dem Wasser konnte sich solcher merkwürdigen, kostbaren Beute rühmen. Gab es nicht Anlaß zu einem Fest mit großer Anrede, die nachher alle Zeitungen abdruckten: Sehet, vor diesem Möbel haben die John Leeds, Leinen Tuch und Seide, angefangen! Er sah nicht, daß der Webstuhl ihn mit verborgenen Augen hochmütig maß. Niemals würde ein Mensch von der Sorte dieses John Leeds die heimlichen Augen finden, ja, er würde wahrscheinlich gar nicht glauben, daß es solche Augen gibt. Er hatte andere Dinge im Kopf, sie waren ihm heftig aufgefallen, denn so ist es wieder Gewohnheit dieser Leute: sie machen nichts halb.
Da stehen Bäuerin und Tochter stumm hinter ihm, aber sie haben einen sonderbaren Blick. Man wird auch seiner Herr werden, wie man den widerspenstigen Bauer zu Boden gebracht hat. Wartet ihr vielleicht schadenfroh darauf, daß jemand den Webstuhl zerlegt, und niemand kann dann seine Teile wieder zusammensetzen? Oder meint ihr, die paar Schrauben und Nieten machen es nicht, und es lebt niemand mehr, der so einem uralten Webstuhl gewachsen ist? Kunstvolle Maschinen, ja, die wissen die Mechaniker zu behandeln, aber so ein ureinfacher Webstuhl, der geht über ihren Verstand. Meint ihr das? Schon möglich, daß es so ist, aber glaubt ihr denn, John Leeds wüßte nicht, wie er den Webstuhl heil und unversehrt nach Amerika liefern kann? Niemand ahnt, wessen John Leeds fähig ist. Sein Geld gibt den Wettlauf nicht so bald auf.
Das Unglaubliche geschah, noch Jahre später sollte der Mund der Gegend voll davon sein, wozu so ein verrückter Amerikaner imstande ist! John Leeds sicherte sich zuerst den Eisenbahnwagen, auf dem das alte graue Ungetüm, so wie es war, zum Schiff geführt werden konnte, dann bestellte er für einen gewissen Tag den Lastwagen, der den Webstuhl zur Eisenbahn bringen sollte, überdies ließ er ihn eigens mit neuem Gummi bereifen, dann warb er für eine Stunde die halben Leute des nahen Dorfes an, sie sollten den Webstuhl auf einem Gestell, das einige Tischler schon zimmerten, aus dem Hause rollen, und der Webstuhl wurde nicht zerlegt, nein, wozu war man John Leeds?
Glaubt es oder glaubt es nicht, Maurer brachen eine ganze Wand aus, das Haus bekam eine riesige, staubende Wunde, und durch das ausgebrochene Loch konnte man den Webstuhl sehen. Es gab aber nur wenige, die zu bemerken meinten, daß er sich ängstlich und trotzig tiefer in die dunkelnde Ecke drückte. An dem neuen Tore, das zusehends größer wurde, denn die Arbeiter brachen hier, wo es seltsam zuging, die Steine gern aus, auch war ihnen ein besonderer Lohn verheißen worden, stand der Mann, von dem alle glaubten, er wäre verrückt.
Und dann kam schließlich die große Stunde, die Stunde, in der die Mauer so weit abgetragen war, daß der würdige Herr Webstuhl durch die Türe, die nur für ihn geöffnet worden war, ins Freie treten sollte, zuerst auf das Gestell, daß so wunderbar geschickt erfunden war, daß sich die Tischler in ihrem Ruhme blähten, es mußte dieses Gestell ja eine schwere Last auf die Erde niederbringen und sie dann wieder auf den Wagen hochheben. Und alle Leute hielten, als man, immer unter erregter Anleitung des Amerikaners, den Webstuhl von seinem Platze fortrückte und Zoll um Zoll näher zur kostspieligen Öffnung brachte, den Atem an; so viele angestrengte Aufwendung, sie konnte nicht vergeblich gewesen sein, sie machte sich schon durch die stumme Bewunderung aller Zeugen bezahlt. Sehet nur, liebe Leute, was für ein unheimlicher Herr das Geld ist, jetzt schnauft es sich nach seinem Wettlauf gehörig aus! Und gegen diesen Herrn hat ein alter Webstuhl sich aufzulehnen vermessen, indem er in den Hausleuten Helfer zu haben meinte.
Jetzt wird er gleich den Kerker verlassen haben, jetzt wird er, behutsam geschoben – schon knarren leise die Rollen unter ihm – die hölzerne Bahn berühren, die ihm zur Straße hinab gebaut worden ist. Wie sollte sich, meinst du, ein einzelnes Geschöpf, um das so viel Mühe aufgewendet wird, der zehn Hände, oder sind es gar zwanzig oder dreißig, erwehren? Webstuhl der Väter, gewaltsam wirst du zum Auswanderer gemacht!
Es gibt treuherzige Berichte, die erzählen, wie sich Menschen bis zum letzten Augenblick an ein Stückchen Erde, an irgendein Ding oder aber auch an einen anderen Menschen klammern und dann, wenn sie sich von ihnen doch trennen müssen, in Verzweiflung vergehen. Sollte solche trotzige Treue etwa nur ein Vorrecht der Menschen sein? Oder nimmt zu gewissen Zeiten ein Gegenstand, den sie stets leblos nannten, der irgendwo in einer stummen, dämmerigen Verborgenheit seiner Stunde harrte, wie dieser vergessene, verlassene Webstuhl, der aus den Tiefen eines früheren Jahrhunderts in dieses herüberragte, wie die erhabene Gestalt einer merkwürdigen Sage, nimmt so ein lebloser Gegenstand nicht plötzlich die Art von Menschen an, deren Schicksal ähnlich war dem seinen? Ist das jetzt nicht das Seufzen eines müden Greises, der von seinem Platze verdrängt wird, auf dem er dem Tode entgegenzuträumen pflegte; jene, die Hand an ihn gelegt haben, sie hören es nicht, sie sind zu laut, sie eifern sich an, sie befehlen und gehorchen, sie sind klug und geschickt, sie alle vermehren Anstrengung und Erregung zu einem wahren Aufruhr. Viel Ehre für so einen ausgedienten Webstuhl!
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