Es war den beiden plötzlich gewiß, daß nun einmal der Knecht kommen würde, um irgend etwas zu tun, und ein anderes Mal die Tochter, um nach der Wäsche zu sehen. Sohn und Magd wagten es nicht mehr, sich auch von diesen stören zu lassen; sie verrichteten schweigend nebeneinander die Arbeit. Nur einmal am Brunnen, als sie die Wäsche auswand und er das Pferd tränkte, sagte die Magd:
„Es ist nur schad, daß der Vater der Bäuerin schon im vorigen Jahr gestorben ist. Es wird wieder schneien.“
John Leeds kam eines Tages aus Amerika in das Dorf tief in den Bergen, von wo sein Urgroßvater ausgewandert war, ein Weber, der in seinem Hause einen Webstuhl stehen hatte und ihn schweren Herzens verlassen hatte. Ein riesiges, seltsames Möbel, das jetzt in seinen ungeölten Scharnieren knarrte und knackte, denn hundert Jahre lang oder vielleicht noch länger war kein Mensch auf der Bank davor gesessen. John Leeds hob den Rahmen mit einem beiläufigen Handgriff, er vollbrachte es so, als geschähe es in tiefen Gedanken, nicht anders als die Berührung des grünen Kachelofens, der sich kühl und fremd anfühlte. Aber man mußte sich mit den Gegenständen vertraut machen, wenn man als Urenkel, Enkel und Sohn heimkehrte zu dem Webstuhl, an dem der uralte John Leeds gesessen war und den Loden gewebt hatte, wie seine Urahnen schon, wenn sie nicht gerade den Pflug geführt, das Heu gewendet oder den Roggen geschnitten hatten. Von diesem Webstuhl also und von diesem Kachelofen war der Urgroßvater ausgewandert, aber er hatte davon immer seinem Sohne erzählt, und dieser wieder seinem Sohn, bis es auf ihn kam, den letzten John Leeds, der seinem Blute nach eigentlich Johann Loder hieß, so war es wenigstens in dem Taufbuch von dem ersten Weber verzeichnet, und vielleicht waren die großen grünen Augen des Kachelofens nur deshalb so feindlich auf ihn gerichtet, weil er sich selber so fremd gemacht hatte.
Aber John Leeds sah die grünen Halbkugeln des Kachelofens, die ihn wie Basiliskenaugen anstarrten, nicht, nur einen einzigen flüchtigen Blick hatte er zu dem seltsamen Ofen hingeworfen, in Amerika gab es bessere und praktischere Öfen, nicht so unförmige, fast unheimliche Hügel, und wenn er auch gespürt hätte, daß dieser Steinhaufen dort in der Ecke nicht nur ein Ofen sei, den Blick der runden grünen Augen hätte er, ein so sehr verspäteter Enkel der alten Weberfamilie Loder, der sich jetzt obendrein Leeds nannte, doch nicht mehr verstanden. Aber er schaute nicht hin, er sah nur den alten merkwürdigen Webstuhl, das graue, von zwei Jahrhunderten gebleichte Holz, es hatte winzige, kreisrunde Löcher. John Leeds wußte nicht, daß sie von den Holzwürmern herrührten, wie sollte es ein Amerikaner wissen, der wohl Beton, Stahl und Glas kannte, das Holz aber gewöhnlich nur als gemasertes, gebeiztes, poliertes Furnier. Die großen Weberschiffchen lagen noch links und rechts in den Rinnen, schlafend wie unbekleidete Puppen. Das ganze Gestell zitterte, wenn man nur fest auf den Boden trat.
War es denn möglich, daß auf diesem Webstuhl jemals ein Mensch gewebt haben sollte, jenes unzerreißbare Zeug, das man hier auch heute noch Loden nannte, genauso wie zu Großvaters Zeiten? Man bewahrte daheim mit einigen anderen Dingen auch so einen Fetzen Loden auf. An diesem Webstuhl sollte er gewebt worden sein? Es war so unwahrscheinlich wie die ganze Geschichte der Herkunft der Familie.
Aus diesem niedrigen Hause, das noch immer mit Holz gedeckt war, mit schmalen, dünnen Brettchen, sollten die Leeds gekommen sein? Auf diesen kleinen Feldern, die man mit einigen hundert Schritten umwandern konnte, sollten sie ihr Getreide geernten haben? War es denn möglich, daß so ein elendes Bauernhaus die Wiege eines großen amerikanischen Hauses: John Leeds und Söhne, Leinen, Tuch und Seide, war? Es mußte wohl so sein, denn sonst stünde er, Herr des Hauses, auf einer Europareise begriffen, auf der er an dem Dorfe der Ahnen nicht vorüberreisen wollte, ohne das sagenhafte Bauernhaus betreten zu haben, nicht hier in dieser Stube, in der die abgestandene Luft einen sonderbar bedrückenden Geruch hatte und wo er sich wie in einem Käfig wähnte, weil die Fenster geschlossen waren. Und alles Verwundern über diese merkwürdige Umgebung, über die ungewöhnliche Heimkehr, Zweifel und Freude, sie wurden zu einer ungewohnten Rührung, und diese Rührung ließ plötzlich einen sonderbaren Wunsch entstehen.
Man hatte diesen alten Webstuhl ja von Bildern her gekannt, man hatte ihn als junger Mensch in der Fachschule sogar gezeichnet. Und auch dieses besondere Stück, das hier in der Ecke stand, vom Boden bis zur niederen Decke hinaufreichte und ein Greis war – ein Menschengreis war ein Jüngling dagegen –, kannte man von Erzählungen her. Aber es war doch etwas anderes, davon zu hören oder es mit eigenen Augen zu sehen. Hier hatte die Familiengeschichte greifbare Gestalt angenommen, ihm also war es vergönnt, an dem leibhaftigen Werkzeug zu stehen, an dem so viele Erinnerungen und – wie er mit Bestimmtheit wußte – manches Heimweh haftete. Nicht sein Heimweh, nein, der letzte John Leeds, der er war, dachte nur an Leinen, Tuch und Seide, doch aus irgendeinem Tropfen Blut kam die Sehnsucht der Vorfahren, die in ihm freilich nur mehr zu einem plötzlich erwachenden, ihn selbst verwundernden Wunsche reichte.
Die jetzigen Besitzer des Bauernhauses mochten jedenfalls arme Leute sein, man merkte es schon im Flure, man las es von dem Gesichte des Mädchens, das den Fremden in die Stube geleitet hatte. Seit Menschenaltern hatte niemand mehr den Webstuhl benützt. Er war ein überflüssiges Stück, das wahrscheinlich nur der Trägheit des Herzens diesen Platz im Winkel verdankte; die Leute wollten vermutlich das Gesicht des Hauses, in das sie hineingeboren waren, nicht gewaltsam verändern. Vielleicht waren sie dankbar, wenn man sie davon befreite, wenn man ihnen half, einem heimlichen Gedanken wirkliches Leben zu geben. Und mit seinem englisch gefärbten Deutsch, in dem nichts mehr von dem Winde war, der draußen die Halme des Kornes bewegte, nichts mehr von dem behutsamen Gesange des Laubes in der Linde, deren Duft schon der erste des Geschlechtes gerochen hatte, sagte er:
„Ich möchte kaufen den Webstuhl.“
„Wir verkaufen ihn nicht“, sagte die Frau einfach; das Feuer beleuchtete ihr Gesicht, es schien in heiliger Wildheit zu glühen.
„Weiber“, dachte sich John Leeds, „überall gleich, ob Amerika, ob Europa.“
Und er ging vor das Haus, legte den Schatten der Hand über die Augen und schaute durch den Wind auf die Felder. Der Bauer stand draußen im Maisacker und häufelte die Erde.
„Ich werde kaufen den Webstuhl“, sagte er ihm über die Entfernung von einigen Schritten hin. Nicht mehr „Ich möchte!“ oder „Ich will!“, jetzt schon „Ich werde!“
Der Bauer, später Urenkel auch so alter Familie, wischte mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirne und Schläfen und sagte:
„Er ist nicht zu haben, Herr.“
Seine Stimme war grau und fest wie die Erde, in der er mit bloßen Füßen stand.
„Ich will ihn nicht haben umsonst, ich will ihn bezahlen.“
„Ich brauche kein Geld.“
John Leeds sah sich hochmütig um, mit einem einzigen Blick umfaßte er den spärlichen Besitz des Mannes, Hof und Boden und die paar Kühe auf einer ausgedörrten Weide. Der Bauer bückte sich schweigend wieder zu seiner Arbeit hinab; er wollte die lässige Bewegung der fremden Hand nicht bis zu Ende sehen.
„Sie weben nicht auf dem Stuhl?“ fragte der Amerikaner.
„Ich bin ein Bauer. Kein Weber.“
„Was wollen Sie mit dem alten Stuhl?“
„Er soll stehen, wo er steht.“
„Er nimmt nur Platz. Sie können dorthin stellen einen großen Tisch.“
„Meine Familie ist klein, ich brauche keinen großen Tisch.“
Читать дальше