Der feierliche Rauch, der aus dem Flure durch die Türritzen drang, brachte einen lauen, süßlichen Duft bis zum Bett. Es war dem Bauer plötzlich unheimlich zumut, er wollte nach der Bäuerin rufen, unterließ es aber doch, denn er besann sich, daß sie auf ihrem Gange betete und er sie nicht mit seiner Stimme erschrecken dürfe. Da zog er die schwere Tuchent wieder an sich.
Die Frau vertrat sich an den schadhaften Stufen, sie taumelte ein paar Augenblicke lang, und dabei fiel Glut über die Stiege in den Flur hinab. Die Bäuerin zuckte zusammen; wie betäubt von dem dicken Rauche war sie gegangen, nun, da sie unachtsam gewesen war, wachte sie erschreckt auf. Schmerzhaft wurde es ihr plötzlich bewußt: die verstreute Glut in dem Flur bedeutete Wandern.
Mit den bloßen Fingern, so leise, daß es der Cüraß nicht hören konnte, hob die Bäuerin die glimmenden Stückchen wieder auf die Schaufel. Von dem großen Tische in der Vorhausecke, wo in der warmen Zeit der früheren glücklichen Jahre Bauer, Bäuerin, Sohn und Magd um die Schüssel gesessen waren, vor jedem Mahle Gott anmurmelnd, nahm sie aus einem zusammengedrehten Papier einige Körner Weihrauch; mit leisem Knistern antwortete die beschenkte Glut, dichter wurde der aufwallende Rauch.
Das Weib drückte mit dem einen Ellenbogen die Klinke nieder und stieß mit dem Fuß die Türe der Stube auf, wo der Mann sein qualvolles Lager hatte, wo sie in den wenigen Viertelstunden, die wie schmale Späne von den vielen Stunden der Arbeit fielen, gewohnt hatten, als ihrer noch mehr beim Hause gewesen waren.
Mit dem Rauche war Weihnachten in der Stube.
Der Bauer bekreuzte sich und begann ein dumpfes Vaterunser zu beten. Aber bevor er noch um das tägliche Brot bat, stockte er; Zorn würgte ihn, denn die Bäuerin war in der Türe stehengeblieben und blickte starren Auges zum Tische hin. Wie sehr der Mann auch schrie, kein Laut schien ihr Ohr zu erreichen. Denn durch den weißen Rauch, der von ihrem Gesichte aufstieg, sah sie die vier unvermuteten Gäste um den Tisch sitzen. Sie bewegten sich nicht und schauten ihr stumm entgegen.
„Von wo kommt das Gesindel am Heiligen Abend?“ verwunderte sie sich laut und rührte mit einem dünnen Ast in der Glut auf der Schaufel, daß der Qualm wieder hochdampfte.
„Wer?“ fragte der Bauer.
„Die beim Tisch sitzen“, erwiderte sie und reckte die Schaufel wie zur Abwehr tiefer in die Stube.
„Rauch in die Winkel, Rauch übers Bett!“ forderte er.
Das Weib aber ging hinaus und prüfte neugierig den Riegel am Haustor; er war noch immer vorgeschoben, wie sie ihn gelassen hatte.
„Durch die Haustür sind sie nicht gekommen“, sagte die Bäuerin.
„Wer?“
„Die beim Tisch sitzen“, wiederholte sie.
„Beim Tisch sitzt niemand“, zürnte er.
Ein lautloses Lachen verzog ihr Gesicht, das der weiße Dampf gespenstisch beschien. Sie hörte nicht auf den Mann, sie sah nicht zu dem Bette hin. Mit langsamen Schritten, die Kehrichtschaufel, die jetzt eine Räucherpfanne war, wie zum Schutze vor sich hinhaltend, ging sie auf den Tisch zu und fragte die stummen Vier:
„Hat euch der Bauer aufgemacht?“
Keine von den Gestalten, die das Weib durch die Dämmerung des Rauches nicht erkannte, gab eine Antwort.
Der Bauer schalt und drohte, doch seine laute Stimme verrieselte allmählich in ein Gemurmel. Er saß aufrecht und zog die Tuchent fröstelnd bis an den Hals. Wie war es auf einmal in der heißen Stube kalt geworden; von dem Tisch ging ein Wehen aus wie von Eis. Hatte nicht die Bäuerin den Frost in den Kleidern vom Dachboden und aus dem Freien mitgebracht? Angst schüttelte ihn, denn das Weib redete mit jemandem, und es war außer ihnen doch niemand im Hause.
Wieder wurde ihm der Hals eng, und die trockene Zunge schwoll im Munde an.
Die Glut zerfiel, und die Gestalten wurden Schatten. Da holte die Frau den gerippten Wachsstock, der auf einem Brett vor der Türe stand, gerade über dem B des Dreikönigszeichens C + M + B, zündete ihn an, hielt die hohle Hand um die Flamme, daß sie nicht verlöschte, stellte das Licht mitten auf den Tisch und schaute nun die Besucher an. Da merkte sie, daß es gar keine Menschen waren, die rund um das zitternde Licht des Wachs-stockes saßen und auf ihre Anrede warteten.
„Wer bist denn du?“ fragte die Bäuerin das Wesen zu ihrer rechten Hand, das schön und freundlich aussah.
„Ich bin das Salkweib und wohne in eurem Wald. Heuer lagen viele Ähren auf eurem Feld, ich werde nicht hungern.“
„Und wer bist dann du?“ fragte die Bäuerin das ungefüge Weib in zerrissenen Kleidern mit zerzaustem Haar.
„Kennst du die Pechtra nicht?“ grollte es.
Jetzt hörte die Cüraßin die Kuhglocke auf dem Rücken des Weibes und sah die Ofengabel an der Wand lehnen.
„Ich fürchte mich nicht vor dem Herrgottswinkel“, kicherte unter dem Kruzifix ein dicker pustender Mann mit nassen Haaren, „Christus ist über das Meer gegangen, und Petrus hat darin gefischt.“
Da wußte die Bäuerin, daß es der Wassermann war.
„Bist du aus dem Teich gekommen?“ fragte sie ihn.
Da er nickte, staunte sie, denn der Teich war ganz zugefroren. Sie nahm sich vor, am frühesten Morgen, wenn noch niemand sie überraschen konnte, nachzusehen, wo sich der Wassermann das Loch im Eise aufgebrochen hatte.
„Ich bin die Trud“, sagte zur linken Hand die Frau mit den grauenhaft langen Fingern; ihre tiefe Stimme war ernst wie die Nacht. Die Cüraßin drehte sich erschreckt zu ihr hin. Zwei große, dunkle Augen brannten ihr aus einem gelben, faltigen Gesicht entgegen.
„Warum räucherst du im Haus?“ fragte traurig das Salkweib.
Schon wollte die Bäuerin antworten: „Damit die bösen Geister draußen bleiben“, aber sie besann sich, daß sie ja trotzdem eben solchen Besuch empfangen hatte. So half also der Rauch nicht gegen die Geister, und auch nicht das uralte Zeichen von Kaspar, Melchior, Balthasar an der Türe. Und sie lachte darüber vor sich hin.
„Wir sind müde“, sagte die Pechtra.
„Die Menschen hetzen uns“, klagte leise das Salkweib.
„Ich bin noch immer stärker als sie“, höhnte die Trud.
„Du drückst sie im Schlaf“, spottete der Wassermann; die Trud sah ihn böse an, aber die Cüraßin mahnte:
„Streitet nicht, es ist Heiliger Abend.“
Da lachten alle vier durcheinander, weil die Bäuerin nicht bedachte, daß sie ja Geister waren, schon tausende Jahre vor dem auf der Welt, der sie verbannt hatte. Und der Heilige Abend war für sie ein Abend wie jeder andere.
„Lachet nicht“, sagte die Bäuerin mild, wie man Verirrte bekehrt, „in dieser Nacht leuchtete der Stern den Hirten und den Königen, und sie beteten ein Kind an.“
Da schwiegen die vier fremden Gäste und wurden sehr traurig.
Aber auf einmal kicherte der Wassermann wieder. Er zeigte drohend zu dem Gelähmten hin, der mit weit aufgerissenen Augen die Bäuerin anstarrte.
„Das ist dein Mann“, sagte der mit den nassen Haaren.
„Das ist mein Mann“, wiederholte die Bäuerin und nickte.
Der Wassermann bekam plötzlich böse Augen; er erhob sich hinter dem Tische und schimpfte:
„Er hat einen toten, stinkenden Hund in meinen Teich geworfen.“
Die Trud reckte sich und sagte:
„Er hat jedes Jahr das Trudenkreuz auf die Tür gezeichnet.“
Die Pechtra erinnerte sich:
„Er war geizig und hat mir in meiner Nacht auf Dreikönig nie eine Milch hingestellt.“
Die Kuhglocke auf ihrem Rücken läutete leise.
Das Salkweib aber sagte vor sich hin:
„Er hat mir auf seinen Feldern immer Korn zurückgelassen.“
„Weil er keine Leute zum Ährenklauben hatte“, mißgönnte ihr der Wassermann die Güte.
Die Cüraßin aber ging eilig zum Bette hin, drehte dem Manne den Rücken zu und breitete ihre Arme aus, als müßte sie es den dreien, die ihn eines Frevels geziehen hatten, verwehren, daß sie näher zum Lager traten.
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