»Ja, meine Schwestern wollten doch so gern das Schulfest mitmachen. Sie haben in der Schule gesagt, sie könnten nur in weißen Kleidern kommen. Mutter hat doch aber kein Geld, um neue Kleider zu kaufen. Da hat sie eben selbst die Kleider genäht und nicht geschlafen. – Heute nacht höre ich auf einmal, wie etwas fällt. Ich war so erschrocken, und als ich in die Stube komme, liegt die Mutter steif auf dem Boden. Das weiße Kleid hielt sie noch in den Händen.«
»Weißt du was, Marie, ich nehme meiner Mutter die weißen Kleider mit, damit sie sie fertig näht. Oh, das macht sie. Meine Mutti hat schon viel für andere genäht. Dann kann deine Mutter schlafen.«
»Sie macht die Augen nicht mehr auf und sagt auch nichts.«
»Habt ihr schon den Onkel Doktor gerufen?«
»Frau Huber meint, es wird schon wieder besser werden.«
Pucki war jedoch anderer Meinung. Wenn im Forsthaus jemand krank war, wurde sofort der Onkel Doktor gerufen, und der half. Sie wusste genau, wo der Onkel Doktor wohnte. Da wollte sie sogleich einmal hinlaufen und ihn zu der kranken Frau Reichert schicken, damit Thusneldas Mutti nicht zu sterben brauchte.
Kaum war dieser Gedanke in dem Kinderköpfchen entstanden, als Pucki auch schon fortlief, um den guten Onkel Doktor zu holen. Der Arzt war daheim und versprach sogleich mitzukommen.
»Mach sie doch wieder gesund«, bat Pucki, »es sind so viele Kinder dort, da darf die Mutti nicht sterben. – Ach, ich habe so große Angst.«
Der Arzt kam. Er stellte Erschöpfung fest. Die tiefe Ohnmacht, in die Frau Reichert gefallen war, wiederholte sich noch mehrfach. Aber direkte Lebensgefahr bestand nicht. Die Kinder hatten nur einen furchtbaren Schreck bekommen, als sie die Mutter blass und leblos auf dem Fußboden liegen sahen.
Pucki atmete auf. Sie tröstete rasch Thusnelda noch ein wenig und versprach ihr, dass ihre Mutter die Kleider für die beiden Schwestern nähen würde. Dann verließ sie mit dem guten Onkel Doktor das Haus. Doktor Kolbe hatte sich inzwischen durch Frau Huber über die Verhältnisse orientiert.
»Weil sie die Kleider nähen wollte, ist sie krank geworden«, sagte Pucki.
»Aus übergroßer Liebe zu ihren Kindern hat sich die gute Frau überanstrengt, kleine Pucki. Hier kannst du wieder einmal sehen, was eine Mutter tut, um ihren Kindern eine Freude zu machen.«
»Ja, meine Mutti näht mir auch immer die Kleider.«
»Die gute Frau Reichert hat den ganzen Tag über zu arbeiten. Was sie verdient, braucht sie fürs Leben. Nun wollten ihre beiden Mädchen gern eine Freude haben, doch das Geld für weiße neue Kleider war nicht vorhanden. So hat die brave Frau Reichert außer ihrer schweren Tagesarbeit noch allerlei Näharbeit angenommen, um etwas extra zu verdienen. Von diesen ersparten Pfennigen kaufte sie den Stoff für die Kleider. Sie hat die halben Nächte hindurch gesessen und emsig genäht.«
»Da wird sie wohl oft sehr müde gewesen sein?«
»Zum Umfallen müde, mein Kind, doch daran hat sie nicht gedacht, nur immer daran, dass sie ihren Kindern eine Freude machen wollte. Siehst du, Pucki, solche Opfer bringt die Mutterliebe.«
»Die halbe Nacht genäht – –« sagte Pucki erstaunt.
»Darum kann ein Kind seiner Mutter gar nicht dankbar genug sein. Jede Mutter bringt an jedem Tage viele Opfer für ihre Kinder.«
»Onkel Doktor, meine Mutti ist auch sehr gut, sie näht jetzt für die Reichertschen Mädchen die Kleider fertig.«
An der Straßenkreuzung verabschiedete sich Pucki artig von dem Arzt und eilte beschleunigt dem Elternhause zu. Es war heute ohnehin schon eine halbe Stunde später als sonst. Die Eltern würden bereits mit dem Mittagessen warten.
»Du Bummler!« empfing Minna sie. »Wo steckst du denn? Oder musstest du nachsitzen?«
»Aber Minna, was denkst du! Ich war bei der kranken Mutter von der Thusnelda. Das muss ich der Mutti erzählen.«
Man saß bereits beim Essen, als Pucki ins Zimmer trat. Ehe Frau Sandler etwas sagen konnte, hing Pucki an ihrem Halse und drückte die Mutter stürmisch.
»Ich weiß, Mutti, dass eine Mutti jeden Tag für ihre Kinder aus großer Liebe Opfer bringt. Darum habe ich dich so schrecklich lieb, Mutti.« Dann eilte sie zum Vater. »Ach, ich habe euch ja so lieb! Immerfort muss ich an Frau Reichert denken. Sie ist auf den Boden gefallen, weil sie aus Mutterliebe die ganze Nacht genäht hat. Da habe ich schnell den Onkel Doktor geholt. Und morgen bringe ich dir die Kleider von der Käthe und der Emma. Bitte, bitte, liebe Mutti, nähe die Kleider fertig! Du bist doch immer so gut und nähst für viele, nun hilfst du sicher auch der kranken Frau Reichert.«
Es dauerte eine ganze Weile, ehe Sandlers aus dem Geplauder ihrer kleinen Tochter klug wurden.
»Und nun seid ihr auch nicht böse, dass ich heute so spät heimgekommen bin?«
»Nein, mein liebes Kind, wir sind dir nicht böse«, sagte der Vater, »im Gegenteil, du hast sehr klug und überlegt gehandelt. Jetzt legt der Vati eine weiße Bohne in das Kästchen, das bei der Mutti steht.«
Pucki sprang jubelnd im Zimmer umher und musste erst energisch zum stillsitzen aufgefordert werden.
»Du hast dich ohnehin mit dem Essen verspätet, mein Kind, nun beeile dich.«
»Nur vier schlimme Taten und drei gute Taten«, stellte Pucki fest. »Da wird der liebe Gott und der große Claus seine Freude haben!«
»Und die schlimmen Taten, die der Harras gefressen hat?«
»Die sind weg, Vati! Die Rose hat auch gesagt, manchmal macht der liebe Gott einen dicken Strich durch alleschlimmen Taten, die der Mensch begangen hat. Das hat der Harras auch so gemacht.«
Die Förstersleute lächelten verstohlen. Ihr Kind wusste immer eine Ausrede. Selbstverständlich machte sich Frau Sandler noch am selben Tag auf den Weg nach Rahnsburg, um sich nach dem Befinden der fleißigen Wäscherin zu erkundigen. Es war für die Förstersfrau selbstverständlich, dass sie die Kleider für die beiden Mädchen fertig nähte. Pucki saß indessen in der Küche und erzählte Minna, dem Harras, dem Peter, dem Rehlein Plüschli und den beiden Ziegen, was Mutterliebe für eine schöne Sache sei, und dass eine Mutter für ihre Kinder alles täte. – –
Der Herbst war ins Land gekommen. Er riss von den Bäumen die letzten Blätter. An manchem Morgen war der Garten des Forsthauses damit wie besät. Besonders die Kastanienbäume schüttelten ihre gelben Blätter ab und ließen sie zur Erde fallen. An jedem Morgen ging Minna hinaus in den Garten und harkte die Blätter zusammen. Große Haufen lagen bereits da, und Pucki freute sich schon auf den Tag, an dem der Vater solch einen Haufen in Brand stecken würde. Es sah gar zu lustig aus, wenn der Haufen rauchte, wenn der Vati auch noch das alte Kartoffelkraut und dürre Äste herbeitrug, um alles von den Flammen verzehren zu lassen.
»Vati, brennste den Haufen bald an?« quälte das Kind tagtäglich. »Aber zünde ihn ja nicht an, wenn ich in der Schule bin. Ich freue mich schon so darauf.«
»Wenn du mir versprichst, nicht immer in den dicken Rauch zu laufen, will ich es tun. Der Haufen muss nun endlich weg, er liegt schon recht lange an seinem Platz.«
»Und wird immer größer, er ist schon wie ein richtiger Berg.«
Eines Tages, als Pucki aus der Schule gekommen war, sagte der Vater: »Heute ist es ganz besonders windstill, heute zünde ich den großen Haufen an.«
In aller Eile wurden die Schularbeiten gemacht. Dann stand das kleine Mädchen neben dem Vater und wartete darauf, dass der Haufen zu rauchen anfange. Minna hatte ihn hoch aufgetürmt. Nun kamen schon die ersten Rauchwolken oben heraus.
Pucki stand artig an der Seite des Vaters, der von Zeit zu Zeit mit einer Stange in dem Haufen stocherte. Jedes Mal wurde dann der Rauch noch dicker, und kleine Flämmchen tauchten hier und dort auf.
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