Auf dem Sportplatz machte Frau Niepel ein sorgenvolles Gesicht. »Es wäre doch gar zu sonderbar gewesen, wenn eine unserer Veranstaltungen ohne Zwischenfall zu Ende geführt worden wäre. Jetzt will ich einmal nach Walter sehen.«
»Aber forsche Jungens sind es doch«, meinte der Oberförster. »Seien Sie ganz ruhig, liebe Frau Niepel, aus den dreien werden mal tüchtige Männer. Sie müssen sich in der Jugend mal die Nase blutig schlagen, sonst wird nichts Rechtes aus ihnen.«
Pucki stand neben dem großen Claus. »Es war sehr schön«, sagte sie. »Besonders gut hat mir das Boxen gefallen. Da wäre ich gern dabei gewesen. – Jetzt lerne ich auch das Boxen.«
»Nein, Pucki, das ist nichts für Mädchen. Das würde mir gar nicht gefallen, Pucki.«
»Soll ich's lieber nicht lernen?« fragte sie treuherzig.
»Nein – ich möchte, dass du ein liebes und sanftes Mädchen wirst.«
»Ach nein, großer Claus«, lachte das Kind, »ich bin doch der kleine Puck, der wird niemals brav!«
»Das ist sehr schlimm! Da sind wohl schon sehr viele schwarze Bohnen im Himmelskästchen?«
»Leider ja«, kam es seufzend über Puckis Lippen.
»Könntest du mir zu Liebe nicht einmal versuchen, ein wenig artiger zu sein?«
»Ach, großer Claus, ich versuche es so oft.« Dabei drückte sie dem großen Freunde kräftig die Hand.
8. Kapitel: Schlimme Taten
Während der großen Ferien, in denen Rose Scheele im Forsthaus Birkenhain weilte, lud Frau Sandler öfters einige Schulkameradinnen Hedis ein. Selbstverständlich sprach man noch lange von dem wunderschönen Sportfest.
»Wir wollen auch noch einmal den Volkstanz tanzen«, sagte Meta Zirl, »ich habe am allerschönsten getanzt.«
»Sie haben alle schön getanzt«, meinte Pucki. »Du willst immer alles am besten machen, Meta.«
»Fräulein Caspari sagte einmal beim Einüben, ich machte es sehr schön. Ich habe auch nicht so dünne Beine wie die Thusnelda.«
»Die Thusnelda ist mir viel lieber als du.«
»Pah, die Thusnelda!« sagte Meta ein wenig wegwerfend. »Die trägt immer so alte Kleider. Außerdem hat sie geflickte Schuhe. Sieh mal, ich habe schon wieder neue Schuhe.«
»Die Thusnelda ist mir viel lieber als du. Sie hat eben keinen Vater, der ihr alles das kaufen kann. Wenn dein Vater mal tot ist, habt ihr auch das große Kaufhaus in Rahnsburg nicht mehr, dann seid ihr plötzlich auch ganz arm, und du bekommst keine neuen Schuhe mehr.«
»Ich spiele aber nicht gern mit Mädchen, die so schlechte Kleider anhaben.«
»Und ich spiele nicht gern mit solchen Mädchen, wie du bist. Mutti hat gesagt, wer sich auf sein schönes Kleid was einbildet und wer auf Kinder herabsieht, die nicht so schön angezogen sind, der ist ein dummer oder ein schlechter Mensch. – So, Meta, das kannst du dir merken.«
»Sei doch froh, dass du noch einen Vater hast, der dir alles kaufen kann«, sagte Rose Scheele. »Da wirst du wohl mit mir auch nicht gern spielen, denn wir sind auch arm.«
»Doch, mit dir spiele ich gern.«
»Na warte«, rief Pucki erregt, »eines Tages musst du auch oben hinauf in die blauen Wolken. Dann holt dich das Männchen mit den beiden Hörnern und klebt dich als Stern an den Himmel.«
»Was ist das für ein Männchen?« fragte Meta.
»Du kannst den Wagen am Abend am Himmel ganz deutlich sehen, mit dem das hochmütige Mädchen fahren sollte. Hast du noch nie den Wagen am Himmel gesehen? Eine Deichsel hat er auch.«
»Ich habe ihn schon gesehen«, rief Rose Scheele. »Wenn abends die Sterne scheinen, sieht man den Wagen ganz deutlich oben am Himmel. Er hat eine lange Deichsel, und unsere Lehrerin sagte: der Polarstern steht immer in der Nähe des Wagens.«
»Ich habe noch keinen Wagen am Himmel gesehen«, sagte Meta.
»Ja«, sagte Pucki, »du guckst nur auf dein schönes Kleid und nicht nach den Blümchen und den lieben Sternlein. Eines Tages wirst du auch ein Stern.«
»Warum denn?«
»Weil du so hochmütig bist wie die schöne Prinzessin, die ein so hübsches Gesicht hatte, dass sie sich einbildete, ganz was Besonderes zu sein.«
»Ich habe auch ein hübsches Gesicht«, sagte Meta.
»Darum wirst du auch bald an den Himmel geklebt werden! Also, die Prinzessin wollte nur den zum Manne haben, der den schönsten Hochzeitswagen hätte. Er sollte furchtbar glitzern. Eines Tages kam ein König, der hatte einen goldenen, herrlich schönen Hochzeitswagen. Da sollte die Prinzessin einsteigen. Aber sie sagte: ›Nein, er glitzert noch nicht genug. Er muss so blinkern wie die Sterne am Himmel.‹ Da reiste der König durch die ganze Welt, um so blitzende Steine zu finden wie die Sterne. Schließlich traf er ein kleines Männchen, das hatte zwei Hörner auf dem Kopf. ›Ich will dir helfen‹, sagte das Männchen, ›ich fliege zum Himmel und hole dir die schönsten Sterne herab. Dafür verlange ich deine und der Prinzessin Seele.‹ Der König sagte: ›Ja, die kannst du haben.‹
Um Mitternacht brachte ihm das Männchen vier richtige Sterne, die wurden an den vier Wagenecken angenagelt. Aber der König war damit noch nicht zufrieden und verlangte von dem kleinen Männchen, es möge ihm noch drei Sterne bringen, die er an der Wagendeichsel befestigen wollte. Das geschah. Und nun wurden die Sterne angeschraubt, einer vorn, einer in der Mitte und der dritte hinten in der Nähe des Wagens. Jetzt glaubte der König, dass der hochmütigen Prinzessin diese schöne Brautkutsche gefallen würde. Er fuhr mit dem goldenen Wagen und den blitzenden Sternen vor und sagte: ›Nun steig ein, nun heirate ich dich!‹ Aber die garstige Prinzessin zog die Nase kraus und antwortete: ›Wohl sind die sieben Diamanten genau so hell und strahlend wie die Sterne am Himmelszelt Aber heller als diese Diamanten leuchtet die Sonne. Bringe mir einen Diamanten, der so glitzert wie die Sonne, dann will ich dir angehören!‹
Sehr traurig ging der König wieder zu dem kleinen Männchen und klagte ihm sein Leid. Da lachte der und verzerrte dabei grimmig sein Gesicht. ›Den Diamanten‹, sagte er, ›soll die Prinzessin haben, aber sie muss ihn sich selber holen. Ich werde euer Kutscher sein, ihr steigt in den herrlichen Wagen, und ich fahre euch hin zu dem Diamanten, der so hell strahlt wie die Sonne.‹
Die Prinzessin war damit einverstanden, denn sie wollte durchaus den Diamanten haben. Kurz vor Mitternacht fuhr der Hochzeitswagen vor, an dem die sieben Sterne hell leuchteten. Das kleine Männchen saß auf dem Kutschbock. Aber kaum war die Prinzessin in den Wagen gestiegen, da hob sich der Wagen mit ihr in die Luft. Immer höher und höher ging der Flug. Da krachte ein fürchterlicher Donner, und eine Stimme rief aus den Wolken: ›Nun ist es genug mit dem Hochmut. Glaubt ihr dummen Menschen, ihr könntet mir die Sterne vom Himmelszelt stehlen?‹
Darauf entstand ein furchtbares Blasen und Sausen. Der Wagen stürzte um, der Kutscher stieß ein kicherndes Lachen aus, mit der einen Hand packte er den König, mit der anderen die Prinzessin und zog sie hinab in die Hölle. Der Wagen aber stieg immer höher und höher bis in die Wolken. Dort steht er noch heute. Von dem Gold und Silber, mit dem er geschmückt ist, kann man durch die dicken Wolken nichts sehen, aber die sieben Sterne leuchten durch die Wolken hindurch.«
Die Kinder hatten der Erzählung Puckis aufmerksam zugehört.
»Ich habe aber noch keinen Wagen gesehen«, sagte Meta kleinlaut.
»O doch«, rief Rose, »du musst nur aufpassen! An jedem Abend, wenn die Sterne scheinen, kannst du ihn finden. Einmal hat ihn uns die Lehrerin gezeigt.«
»Hat er auch Räder?«
»Freilich«, meinte Pucki, »es gibt doch keinen Wagen ohne Räder. Die sind aber nur von Gold und Silber, und das blitzt nicht durch die Wolken durch.«
»Dann will ich heute abend den Wagen suchen«, sagte Meta.
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