»Geduld, mein Freund.«
Von seiner unbekannten Position aus hackte sich der Navigator weiter in das System hinein. Die Augen der Kameras wurden zu seinen Augen und ließen ihn allwissend und beinahe allmächtig werden. Er manipulierte die Sicherheitscodes, indem er einzelne Programme veränderte und so in der Lage war, in das Sicherheitssystem der Einrichtung einzudringen.
Nach zehn Sekunden schnappte ein Bolzen in der Milchglastür zurück und die Tür öffnete sich. Mohammed und der erste Mann betraten leise den Raum.
In einem weiteren Areal hinter einer dicken Glasscheibe befanden sich die beiden Wissenschaftler. In Schutzanzügen saßen sie an einem Labortisch, ohne die beiden Eindringlinge zu bemerken.
Der Mann im Anzug tippte nun an sein Bluetooth-Gerät und flüsterte: »Ich sehe zwei weitere Tangos«, meldete er leise. »Sie tragen Schutzanzüge, also ist der Raum womöglich kontaminiert. Erbitte weitere Anweisung.«
»Das Areal ist sicher. Die Schutzanzüge sind nur eine reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Und falls sich doch einer der gefährlicheren Stoffe hierher verirrt hat?«
»Alle unsicheren Kampfstoffe werden an einem anderen Ort aufbewahrt. Wenn ihr erst einmal drin seid, werde ich euch zu ihrem genauen Aufbewahrungsort führen. Doch jetzt beeilt euch, denn ihr liegt bereits zwanzig Sekunden hinter dem Zeitplan. Zum Trödeln ist keine Zeit.«
Wann hatten wir die je? , dachte der Mann im Anzug.
Sie bewegten sich nun so voran, dass die Wissenschaftler sie nicht sehen konnten, und als sich die Türen mit einem leisen Zischen öffneten, trat der erste Mann hastig in den Raum und pumpte zur Überraschung der überrumpelten Wissenschaftler mehrere tödliche Kugeln in ihre Schutzanzüge. Auf dem Boden liegend breiteten sich in beinahe perfekten Kreisen rote Flecken auf ihren Anzügen aus.
Über eine der Kameras konnte der Navigator alles mitverfolgen. »Sehr gut. Jetzt zum östlichen Ende.«
»Wo ist das?«
»Zu deiner Linken.«
Der Mann verlor keine Zeit und wandte sich sofort in die angegebene Richtung. In der östlichen Wand befand sich eine Tür aus gebürstetem Edelstahl. Eine darin eingebaute Anzeige wies die Temperatur hinter der Tür mit minus zwei Grad aus. Links davon befand sich ein Tastenfeld. Der Mann im Anzug sah in die nächstgelegene Kamera und reckte den Daumen nach oben – ein vorher abgesprochenes Zeichen, dass er bereit war. Wenige Minuten später begannen auch hier Ziffern über das Display zu huschen, als der Code entschlüsselt wurde. Dann war das Geräusch von zurückweichenden Stahlbolzen zu hören.
»Schnell, öffne die Tür«, drängte der Navigator. Ihr Zeitfenster schloss sich nun rapide.
Nachdem er seine Waffe wieder sicher in seinem Schulterholster verstaut hatte, öffnete der Mann die Tür mit dem Biogefährdungswarnschild darauf. Träge Nebelschwaden wie aus Trockeneis wallten aus der Kühlkammer heraus. Als der Nebel sich langsam verzogen hatte, sah er einen kleinen Container vor sich, kaum größer als ein Karteikästchen, der ganz allein in einem der Regale stand. Er holte den Container vorsichtig heraus und stellte ihn auf dem nächstbesten Arbeitstisch ab.
»Jetzt öffne ihn«, sagte der Navigator.
Mit ruhigen Händen löste der Mann die Verschlussklappen und hob langsam den Deckel an. Darin befanden sich zwölf sorgfältig in Schaumstoff eingelassene Fläschchen, jedes so lang wie ein menschlicher Finger. Anstatt der gebräuchlichen runden Form wie bei den meisten Reagenzgläsern waren diese sechseckig. Vorsichtig nahm der Mann eines der Fläschchen heraus und betrachtete es genauer. Es schien leer zu sein.
»Bitte sei äußerst vorsichtig mit den Gläsern«, meinte der Navigator. »Wenn du eines fallen lässt, werden du, Mohammed und jedes andere Lebewesen in einem Radius von einer halben Meile binnen weniger Augenblicke tot sein.«
Der elegant gekleidete Mann wies Mohammed daraufhin mit einer Geste an, den Aluminiumkoffer auf die Arbeitsplatte zu stellen. Danach öffnete der Mann ihn. In dem Koffer, bei dem es sich eigentlich um eine Kühlbox handelte, befand sich eine Vertiefung, die in ihrer Form den exakten Maßen des Containers entsprach. Das Steuerprogramm des Kühlungssystems war auf minus zwei Grad Celsius eingestellt, exakt die Temperatur des Kühlraums. Nachdem er den Kampfstoff in dem Koffer verstaut hatte, reckte er seinen Daumen erneut in die Kamera. »Kampfstoff sichergestellt«, sprach er in sein Bluetooth-Gerät.
»Ihr liegt nun bereits dreißig Sekunden hinter Zeit. Du weißt, was zu tun ist. Verschwindet von dort. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand bemerkt, dass der Zeitstempel auf den Monitoren nicht der tatsächlichen Uhrzeit entspricht und wenn das passiert, kann ich nichts mehr für dich tun.«
Der Mann drehte sich daraufhin zu Mohammed um und zögerte.
»Worauf wartest du noch?«, wollte der Navigator in barschem Tonfall wissen.
Auf nichts, dachte der elegant gekleidete Mann, als er seine Waffe aus dem Schulterholster zog, sie auf Mohammed richtete, den Abzug betätigte und eine Kugel in Mohammeds Kopf jagte. Für einen kurzen Moment sah er auf die Leiche seines Teamkameraden hinunter, der mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen leblos an die Decke starrte.
»Worauf wartest du?« , wiederholte der Navigator . »Für Trauerreden haben wir jetzt keine Zeit. Du wusstest, dass es getan werden muss. Jetzt los!«
Der Mann packte den Koffer, eilte durch das gläserne Labor und in den Flur zurück. In der anderen Hand hielt er weiterhin seine Pistole. Jetzt lief er zu den Fahrstühlen zurück, vorbei an den Leichen, die er zurückgelassen hatte, während die Zeit plötzlich viel schneller abzulaufen schien und Minuten zu Sekunden wurden. »Los doch«, rief er in sein Bluetooth-Gerät, als er an den Fahrstühlen angekommen war. »Die Türen sollten schon längst offen sein.«
Doch in diesem Moment öffneten sie sich.
Während der Fahrstuhl hinauffuhr, stellte der Mann den Aluminiumkoffer auf den Boden, schob ein frisches Magazin in seine Pistole und zog den Schlitten zurück, um sie neu zu laden.
Ich bin bereit.
Als sich die Türen in die Lobby öffneten, verließ er rasch den Fahrstuhl und trat zu den zwei Männern seines Teams, die sich als Wachposten verkleidet hatten. Mit einer blitzschnellen Bewegung, die seine Kameraden überraschte, hob der Mann seine Pistole und tötete beide mit gezielten Schüssen in den Kopf.
Danach verließ er das Gebäude, so schnell es möglich war, ohne Aufsehen zu erregen.
»Gute Arbeit«, drang die Stimme des Navigators hohl und weit entfernt aus seinem Ohrhörer.
Der Mann ignorierte das Lob und verschwand in der Dunkelheit.
Galveston National Laboratory, Galveston, Texas
Die Lobby
23:27 Uhr
Eine halbe Stunde vor Mitternacht wimmelte es in der Lobby des Galveston National Laboratory von Dekanen der Universität und Beamten des FBI. Polizeikräfte hatten den Eingang der Einrichtung abgeriegelt und strikte Anweisung, kein unautorisiertes Personal in die Lobby zu lassen.
Nachdem die beiden Spezialagenten Wheeler und Denmore ihre Dienstmarken vorgezeigt hatten, liefen sie zu dem Empfangstresen, vor dem vier Leichen lagen. Zwei der Toten waren bewaffnete Angestellte der Universität, während die anderen beiden nur Avery Curtis bekannt waren, dem Associate Executive Assistant Director der nationalen Sicherheitsbehörde und dem stellvertretenden Leiter für Massenvernichtungswaffen.
»Was gibt’s, Avery? Was haben wir hier?«, erkundigte sich Denmore, während er sich zusammen mit Wheeler näherte.
Avery Curtis war groß, hager und drahtig, mit einem seltsam gebogenen Hals, der ihn wie einen Bussard wirken ließ, zu eng stehenden Augen und einem fliehenden Kinn. In der Hand hielt er ein iPad, auf dessen Display man eine Reihe von Fotos sehen konnte. »Bisher haben wir vierzehn Tote«, begann er. »Elf von ihnen sind Angestellte der Universität, die restlichen drei haben Verbindungen zu einer bekannten terroristischen Vereinigung in Dearborn, Michigan.«
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