»Ich habe nicht versagt«, erklärte Ezekiel gereizt. »Kimball Hayden ist nun mal der Beste seines Fachs.«
Obadiah rieb sich die Narbe an seinem Arm. Niemand wusste das besser als er.
»Er wartet auf mich und das erschwert meine Pläne natürlich.«
Nun hörte Obadiah auf, an seiner Wunde zu kratzen. »Genau deshalb bin ich hier«, sagte er. »Mir scheint es so, als wäre Kimball Hayden zu unserem gemeinsamen weißen Wal geworden. Deshalb würde ich Ihnen gern ein Angebot unterbreiten.«
»Was für ein Angebot?«
»Arbeiten Sie mit uns zusammen«, antwortete Obadiah schlicht. »Kimball Hayden könnte sich für zukünftige Unternehmungen unsererseits als hinderlich erweisen, deshalb muss er aus der Gleichung entfernt werden. Gegen einen von uns allein stehen die Chancen Fünfzig zu Fünfzig, aber wenn wir uns verbünden, würde sich die Waage auf unsere Seite neigen.«
»Wieso sollte ich mich mit einem Mann zusammentun, der versucht hat, den Papst zu ermorden?«
»Was ich getan habe, war rein geschäftlich und galt lediglich politischen Interessen. Doch am Ende bin ich es gewesen, der die Ketten des Pontifex gelöst hat, als ich festgestellt habe, dass die Mission verloren war. Ich mag innerhalb meiner Organisation meine Ziele vielleicht etwas fanatischer verfolgen, aber ich weiß auch, wann ich verloren habe. Es bestand deshalb kein Grund mehr, den Papst zu töten.«
»Aber Ihr Team hat es dennoch versucht.«
»Dafür haben sie durch die Hände von Kimball Hayden und der anderen Vatikanritter den ultimativen Preis bezahlt.« Er reckte seinen Arm in die Höhe, auf dem die Narbe hässlich violett schimmerte. »Mich eingeschlossen.«
»Das erscheint mir aber ein kleiner Preis gewesen zu sein, wenn man bedenkt, dass andere mit ihrem Leben bezahlt haben.«
»Das ist wahr, aber es behindert mich zusehends, auch wenn ich nicht ganz untalentiert bin.«
Für eine Weile musterten sich die beiden Männer über den Tisch hinweg ausgiebig, dann fragte Obadiah: »Schließen wir ein Bündnis, Mr. Cartwright?«
»Ich heiße Ezekiel.«
Obadiah lächelte und hob beschwichtigend die Hände. »Natürlich«, sagte er. »Schließen wir also ein Bündnis, Ezekiel? Wollen wir gemeinsam versuchen, den Weißen Wal zur Strecke zu bringen?«
Ezekiel sah auf die ihm angebotene Hand hinunter und dann in Obadiahs stoisches Gesicht.
Der ehemalige Ritter des Vatikan hob die Hand, schlug ein und schloss auf diese Weise einen Pakt mit Obadiah. Anschließend fragte er: »Arbeiten Sie nun für den Mossad, oder nicht?«
Obadiah lächelte. »Vielleicht«, erwiderte er. Dann wedelte er kurz mit seiner freien Hand und die drei roten Punkte auf Ezekiels Brust verschwanden. Er ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken und stellte dabei die Selbstgefälligkeit eines Mannes zur Schau, der gerade einen großen Sieg errungen hatte. »Ich werde Sie trainieren und dann werde ich Sie führen. In einem Jahr, oder vielleicht auch etwas später, werden Sie in die Vereinigten Staaten zurückkehren … nach Texas, um genau zu sein.«
»Wofür?«
»Dort wird gerade eine neuartige Technologie entwickelt, eine sehr mächtige Waffe, und ich will sie haben.«
»Dann holen Sie sie sich doch.«
»Wenn es nur so einfach wäre«, sagte Obadiah. »Aber das ist es nicht. Ich brauche daher jemanden mit Ihren Fähigkeiten, um mein Team zu leiten. Jemanden mit der nötigen Chuzpe. Ihr Training wird lang und schwierig sein, aber ich vertraue auf Sie.«
»Was bekomme ich denn als Gegenleistung?«
»Alle Ressourcen, die Sie benötigen, um Kimball Hayden endgültig aus dem Weg zu räumen, und ich verspreche Ihnen, Ezekiel, dieses Mal werden Sie nicht scheitern.«
Der Anflug eines Lächelns kroch daraufhin in Ezekiels Mundwinkel.
Damit war er einverstanden.
Ein Jahr nach dem Tod von Papst Gregor XVII
Das erste Jahr der Regentschaft von Papst Pius XIV
Die Jesus Saves-Mission
Las Vegas, NV
Der hochgewachsene Mann saß an seinem Tisch und starrte auf das Gesicht von Jesus Christus hinab, das in seinen Toast gebrannt war. Um ihn herum saßen lauter Menschen wie er – Menschen, die verloren, einsam und ohne Hoffnung waren. Menschen, deren Gesichter so erschöpft wirkten, dass sie wie Gummimasken aussahen.
Einen Moment lang betrachtete er das Profil des Heilands, der scheinbar eine angedeutete Dornenkrone trug. Kein Zweifel, das Bild war überdeutlich zu erkennen. Das Bild von Jesus Christus schien überall aufzutauchen, seit er in den letzten vier Monaten mit nichts weiter als einem schmutzigen Rucksack und ein paar Habseligkeiten durch das Land trampte. Überall sah er Kreuze und Kirchtürme, und überall begegneten ihm Bilder von Jesus … als Fotos, Ausdrucke oder Aquarelle, an den Wänden von Restaurants oder in Motel-Zimmern. Er hatte sogar durch die Seiten der Gideon-Bibel geblättert und die Worte darin aufgesaugt. Doch wo immer er auch hinsah, oder wohin er auch ging, der Messias schien ihn, mit seinen traurigen, flehenden Augen, unentwegt zu beobachten.
Er seufzte und legte den Toast auf den Pappteller zurück.
»Isst du den noch?«, fragte die Person neben ihm und deutete auf die Brotscheibe. Der Mann war spindeldürr und beinahe zerbrechlich. Seine Augen wirkten wie eine gallertartige Masse. Der Anblick eines Säufers.
Der große Mann schob dem Obdachlosen seinen Teller hin. »Er gehört dir«, ließ er ihn wissen. Lass ihn dir schmecken.
Der spindeldürre Mann zögerte keine Sekunde, bedankte sich jedoch auch nicht. Er schnappte sich einfach nur den Teller und stopfte das Brot in sich hinein, ohne dem Konterfei darauf Beachtung zu schenken. Als er damit fertig war, putzte er sich die Krümel von den Händen, stand, ohne sich zu verabschieden, auf und schlurfte durch die Gänge des Essbereichs der Mission davon. Zusammen mit ihm entschwand auch der aromatische Hauch von Alkohol, den er die ganze Zeit verströmte.
In seinem früheren Leben hatte der große Mann Kimball Hayden geheißen, aber in diesem Leben nannte ihn jeder nur Seth; der Mann ohne Vergangenheit, der nur für den Moment lebte und keine definierbare Zukunft hatte.
Vor ein paar Monaten hatte er seine letzte Mission als Vatikanritter durchgeführt, war dabei aber nur seinen persönlichen Rachegefühlen gefolgt, anstatt in Übereinkunft mit den Gesetzen oder den Weisungen des Papstes zu handeln. Entgegen der Lehre der Kirche und dem Verhaltenskodex der Ritter des Vatikan hatte er einen Mann getötet. Mit dieser Tat hatte sich Kimball für die ewige Verdammnis anstelle der Erlösung entschieden und dafür, dass Papst Pius sich von ihm abwendete.
Er schloss die Augen und versuchte den säuerlichen Kloß hinunterzuschlucken, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Er hatte der einzigen Familie, die er je gekannt und geliebt hatte, den Rücken gekehrt und jeden in dem Glauben gelassen, er wäre bei dem finalen Duell mit Jadran Božanović, dem Anführer eines Menschenhändler-Kartells, ums Leben gekommen.
Als er eine sanfte Berührung an seiner Schulter spürte, zuckte Kimball unwillkürlich zusammen.
»Entschuldige bitte, Seth«, sagte die Frau. »Aber du hattest die Augen geschlossen. Ich wollte nur nachsehen, ob mit dir alles in Ordnung ist.«
Schwester Abigail war seiner Ansicht nach eine wirklich atemberaubend schöne Frau. Ihr elfenhaftes Gesicht wurde von der Haube ihrer Kutte umrahmt. Außerdem erinnerten ihn ihre sanften blauen Augen an die Farbe des Meeres in Jamaika. Ihre Nase war leicht nach oben gebogen, was ihr ein kühnes Aussehen verlieh, das von einem gütigen Lächeln und unglaublich ebenmäßigen Zähnen untermalt wurde. Sie war noch jung, vielleicht Ende zwanzig oder Anfang dreißig, und ohne jeden Zweifel unantastbar.
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