Als er sich wieder unter Kontrolle hatte, erhob er sich wankend von seinem Stuhl und schlappte an mir vorüber.
»Dauert ’nen Augenblick«, hörte ich ihn murmeln, während er sich aus dem Raum entfernte und dorthin ging, wo er seinen Einkaufswagen aufbewahrte.
Wie aus weiter Ferne hörte ich es von dort rumpeln.
Einmal mehr blickte ich mich währenddessen in dem Raum um.
Der Schreibtisch vor mir, mit seinen unzähligen Manuskriptseiten, der Schreibmaschine, den Martini-Gläsern und der entsprechenden Flasche war jedoch das Einzige, was mir der Schein der Kerze preisgab.
Carter war noch immer im Hintergrund mit der Bergung seines wertvollsten Schatzes beschäftigt. Gleichzeitig konnte ich der Versuchung nicht widerstehen.
Vorsichtig erhob ich mich und nahm das oberste Blatt Papier von dem gut dreißig Zentimeter hohen Konvolut.
Was ich las, lies mir das Blut in den Adern gefrieren:
DASISTNICHTTOTWASEWIGLIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
ISTDASNICHTTOTWASEWIGLIEGT
DASISTNICHTTOTWASEWIGLIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
ISTDASNICHTTOTWASEWIGLIEGT
DASISTNICHTTOTWASEWIGLIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
BISDASDIEZEITDENTODBESIEGT
ISTDASNICHTTOTWASEWIGLIEGT
Fassungslos hob ich die nächste Manuskriptseite auf. Es war derselbe Inhalt. Ich nahm einen ganzen Stapel und besah mir das nächste aufgedeckte Blatt, das ich zu fassen bekam, nur um festzustellen, dass sie allesamt denselben Inhalt hatten. Nichts als dieses kryptische Zitat, aus dem kein Mensch schlau wurde. Zumindest ich nicht. Nicht hier. Nicht in dieser Situation. Nicht in Carters Welt.
Plötzlich polterte es.
Carter kam zurück.
Rasch sorgte ich dafür, dass die einzelnen Seiten sich wieder an der gewohnten Stelle zu oberst auf dem Manuskriptstapel befanden, setzte mich zurück und trank von meinem Martini. Schweiß stand mir auf der Stirn, wie ich bemerkte.
»So, mein Freund. Hier ist das gute Stück«, sagte Carter und legte auf den Schreibtisch einen schwarzfarbenen Klumpen, von der Größe eines menschlichen Schädels.
Nur war das schwarze Ding weitaus unförmiger, hatte hier Ausbuchtungen und wies dort Einkerbungen auf. Beulen und seltsame Wölbungen waren asymmetrisch über den grob an eine ovale Form erinnernden Stein verteilt. Instinktiv beugte ich mich vor, um das Ding zu berühren, doch Carter gebot mir rechtzeitig Einhalt.
»Sehen Sie her!«, brüllte er mich an. »Selbst ich trage Handschuhe zu meiner eigenen Sicherheit. Aber nicht einmal mit diesen Dingern sollten Sie es wagen, den Stein zu berühren.«
Er streifte sich die weißen Handschuhe ab und warf sie mir in den Schoß.
»Weshalb?«, wollte ich wissen.
»Ich war bereits dort. Sie nicht. Deshalb; und Ende der Diskussion.«
Nickend gab ich zu verstehen, dass ich seine unmissverständliche Ansage akzeptieren würde. Dennoch fragte ich: »Was denken Sie denn, was passieren könnte?«
Carter zuckte mit den Schultern.
»Ich bin davon überzeugt, dass es etwas mit Ihren Träumen machen würde. Ich rate Ihnen daher davon ab, den Stein zu berühren. Wenn Sie sich meiner Anweisung wiedersetzen wollen, bitte.« Er deutete mit geöffneten Handflächen auf das schwarze Objekt. »Tun Sie sich keinen Zwang an, aber ich will verdammt sein, wenn ich Sie nicht gewarnt hätte. Also hüten Sie Ihre Finger!«
»Verstanden«, sagte ich, um seinen Wutausbruch ein wenig abzumildern, und Carter grunzte zufrieden.
Schweigend betrachteten wir den finsteren Brocken vor uns.
Vergeblich versuchte ich, etwas in seiner unförmigen Struktur auszumachen. Gleichzeitig zog mich das Gebilde unweigerlich in seinen Bann. Da war etwas, das ich nicht beschreiben konnte. Etwas, das ich nicht verstand. Etwas Lebendiges?
Mochte es sein, dass der Stein lebte?
Beherbergte er gar ein lebendiges Ding in seinem Inneren?
Da!
Hatte er nicht soeben leicht pulsiert?
Diese wie mit Pulver beschichtete Erhebung an der rechten Seite. Sie schien mir fast organisch zu sein.
»Der Stein ist massiv«, sagte Carter plötzlich, als ob er meine Gedanken hätte lesen können. »Massiv und gefährlich.«
»Und Sie haben ihn einfach so mitgenommen?«, fragte ich leicht fassungslos.
»Ich habe ihn eingepackt, nachdem ich über ihn gestolpert bin«, sagte Carter. »Beinahe wäre er mir weggerollt. Ich befand mich auf einer steilen Erhebung. Mit beiden Händen umklammerte ich das Ding und … erwachte.«
»Sie wollen mir sagen, Sie haben das Ding im Traum eingesteckt und sind hier in Ihrem Bett aufgewacht und es war bei Ihnen?«
»Das klingt unvorstellbar, ich weiß«, sagte Carter. »Aber ich schwöre, dass dem so gewesen ist. Ein Freund von mir hat Ähnliches durchlebt. Warten Sie. Ich suche seinen letzten Brief heraus. Er hat das Geschehnis darin sehr eindringlich beschrieben.«
Wieder erhob sich Randolph Carter und steuerte ein mir unbekanntes Ziel in seiner Wohnung an. Während Carter irgendwo im Hintergrund nach etwas kramte, tat ich es: Ich berührte den Stein.
Einfach so. Nur ganz kurz.
Mit der Fingerspitze meines rechten Zeigefingers. Er fühlte sich völlig normal an. So, wie sich ein Stein eben anfühlt. Und es geschah … Nichts. Rein gar nichts. Carter kam zurück, und hielt einen handgeschriebenen Brief in Händen, aus dem er mir die nächste Viertelstunde vorlas. Und auch während dessen geschah nichts. Ich war mir mit einem Mal sicher, einem Betrüger auf den Leim gegangen zu sein. Ein offenkundig verrückter Kerl, der die Fähigkeit besaß, einen naiven Idioten wie mich aufs authentischste mit seinen Geschichten zu überzeugen. Auch wenn ich keinen Sinn darin entdecken konnte, so führte ich mir vor Augen, dass jeglicher Wahnsinn keines Motives bedarf. So gab ich mich Carters Erzählungen hin und genoss den Martini, der trocken meinen Gaumen umschmeichelte.
Als ich Carters schwarzgetünchte Wohnung zu mitternächtlicher Stunde verließ, war es außen mindestens ebenso dunkel. Die Straßenlaternen waren nicht heller als die einsame Kerze, die auf Carters Schreibtisch geflackert hatte.
Ich lief durch die Straßen Kingsports und dachte über die Begegnung nach. Carter schien mir ein verstörter Mann zu sein. Ein harmloser Soziopath, der sich selbst in eine traumgleiche Parallelwelt hineinträumte. Kadath.
So ein Schwachsinn!
Ich umrundete die altgotische Kirche, die sich schwarz vom Mondlicht abhob, als ich der Schatten gewahr wurde.
Schwarze Schatten in einer ebenso schwarzen Welt.
Zunächst hielt ich es nur für farblose Fantasiegespinste, die vermutlich durch Carters Fabulierkunst gepaart mit dem Genuss des Alkohols in mir aufstiegen. Und ebenso wie die Fantasie mir mit den sich bewegenden Schatten Streiche spielte, hatte ich mich mit dem Mann, der sich Randolph Carter nannte, in etwas verrannt. Andererseits passten die Rahmenbedingungen nahezu perfekt. Sein Name, seine Erzählungen, Kadath … all die wundersamen Parallelen zu Lovecrafts Schriften, deren Entschlüsselung ich mir zur Aufgabe gemacht hatte.
Dabei war es ohnehin ein Wunder, dass ich Kingsport gefunden hatte. Nahm man doch gemeinhin an, es handele sich um eine Erfindung des schreibenden Einsiedlers aus Providence. War es Einbildung oder krochen die Schatten näher? Ich lief ein wenig schneller und stellte unter einer verbogen wirkenden Straßenlaterne fest, dass sie ihr milchig trübes Licht über schwarze Pflastersteine ergoss. Ich meinte, dasselbe Schwarz zu erkennen, wie jener geheimnisvolle Stein, von dem Carter behauptete, ihn aus Kadath mitgebracht zu haben.
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