In der Klasse war es mucksmäuschenstill geworden und man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Alle blickten gebannt auf das Gesicht der Lehrerin, das sich für einen kurzen Augenblick verfinsterte.
Frau Kleinschuster runzelte die Stirn. „So, so, also noch vor dem guten alten Goethe bist du geboren, das ist ja interessant. Wann hatte der noch gleich Geburtstag? Lass mich überlegen ...“
„Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1748 in der Stadt Frankfurt am Main im Sternzeichen der Jungfrau, ein recht langweiliger, alter Kerl“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Leo.
„Oh, aha. Ja, das ist wohl Ansichtssache. Demnach bist du, liebe Leo, also wie alt? Hilf mir doch beim Rechnen“, erwiderte Frau Kleinschuster.
Leises Gekicher aus der letzten Bank, dann wieder Grabesstille und gespanntes Lauschen.
Ich boxte Leo kräftig in die Seite und es war, als erwache sie aus einem Traum. „Nach Menschenzeitrechnung bin ich im Hier und Jetzt zwölf Jahre alt“, murmelte Leonore kleinlaut.
Die Klasse tobte. Vor allem die letzte Reihe war nicht zu halten.
„Nach Menschenzeitrechnung“, echote Franz, einer der wildesten Kerle der ganzen Schule, wie mir Georg und die anderen schon erklärt hatten.
„So, nun beruhigt euch wieder, es war lustig, das gebe ich zu, Leo scheint ein Spaßvogel zu sein, aber habt ihr auch bemerkt, wie schlau sie ist? Hättet ihr das über Johann Wolfgang von Goethe gewusst?“ Die Lehrerin hatte offenbar den Bogen raus. Geschickt hatte sie unserer Freundin aus der Verlegenheit geholfen, das hoffte ich jedenfalls. „Du hast viel Fantasie, Leonore, und das finde ich ganz wunderbar, aber hier in der Schule müssen wir bei den Fakten bleiben, also belassen wir es dabei: Du bist für uns die Leo aus Amerika, die zu ihrer Oma Agnes gekommen ist, um eine Zeit lang bei uns im Dorf zu leben, und du bist zwölf Jahre alt. Ist das okay so?“
Leo nickte mit ernster Miene und ich hatte das Gefühl, dieser kleine Auftritt würde nicht ohne Folgen für sie bleiben. Unsere Bedenken waren also nicht unberechtigt gewesen, es würde Schwierigkeiten geben, und das nicht zu knapp. So kam es denn auch.
Bereits in der Pause nach der ersten Unterrichtsstunde schlenderte der böse Franz wie zufällig an Leo vorbei. Er umrundete unseren Tisch einmal, zweimal, stellte sich dann vor mich hin, schaute mich an, sagte aber kein Wort. Als ich schon unruhig wurde von dem Gestarre, erhob er plötzlich seine Stimme und es wurde blitzartig ruhig in der Klasse.
„Dieses Paar hier vorne, die beiden Neuen, die passen so gut zueinander, weil sie so deppert sind, dass der Krampus sie net besser in seiner Kraxen zusammentragen hätte können.“
„Was soll das denn jetzt heißen?“, fragte ich mich. Natürlich wusste ich, wer der Krampus war, wahrscheinlich weiß das fast jedes Kind, aber der Rest? Ich schielte zu Leo hinüber, die immer noch sehr nachdenklich wirkte.
Was sollte man da tun, es sich gefallen lassen, still bleiben und sich weiter beleidigen lassen oder was Freches antworten, es auf einen gröberen Streit ankommen lassen, auf den Franz offenbar aus war?
Während ich noch fieberhaft hin und her überlegte, brach neben mir ein Vulkan aus. Leonore lief zur Hochform auf. Sie war aufgesprungen, ihre ohnehin schon sehr großen dunkelgrünen Augen funkelten Franz finster an. Ihre Stimme war so laut und schrill wie die Trillerpfeife eines Schiedsrichters auf dem Fußballplatz.
„Was soll das, warum beleidigst du uns? Haben wir dir etwas zuleide getan? Wir sind neu in dieser Schule, es wäre deine Aufgabe, uns freundlich zu begegnen und uns willkommen zu heißen.“
„Warum redest du so blöd und geschwollen daher, glaubst du, weil du aus Amerika kommst, bist du was Besseres als wir? Spielst dich vor der Lehrerin auf mit deiner angeblichen Schlauheit“, konterte Franz.
In der Klasse war es wieder absolut still, alle verfolgten gespannt den Streit. Ich hoffte, die Pause wäre bald zu Ende, aber immer wenn etwas unangenehm ist, dehnt sich die Zeit wie Kaugummi. Sollte ich eingreifen, sollte ich mich einmischen? Ja, wahrscheinlich, aber wie? Was konnte ich sagen oder tun, um die Situation zu entspannen? Mir fiel nichts ein.
Dafür Leo umso mehr. „Ich glaube, du hast Angst vor mir“, behauptete sie und ich fand, sie sah in diesem Augenblick wirklich Furcht einflößend aus. Mit dem wilden Blick und ihrer lauten Stimme und irgendwie wirkte sie plötzlich auch viel größer. Aber sicher bildete ich mir das alles nur ein, weil ich selber so ein Feigling war.
Franz war jedenfalls für eine gefühlte Ewigkeit sprachlos. Da wollte jemand aufmucken. Das hatte es noch nie gegeben, er war schließlich der Raufbold und Streithansel, der Schrecken aller Lehrer und Kinder sowieso. Eine handverlesene Gruppe aus Burschen und Gleichgesinnten, die alle durchwegs älter waren als er und die sich ihm angeschlossen hatten, duldete er und natürlich seinen Busenfreund Jo, der mit uns in dieselbe Klasse ging. Alle anderen hatten ihn zu fürchten und genau das wollte er spüren. Darum wohl auch dieser Auftritt, wir waren neu hier und er wollte uns gleich zu Anfang den Schneid abkaufen.
Mit einem Mal packte er zu. Seine Hand schoss nach vorne und griff nach Leo. Er bekam aber nur ihre Jacke zu fassen, aus der sie offenbar blitzschnell herausgeschlüpft war, und schon stand sie neben Franz und streckte ihm die Zunge heraus.
„Bähh, das hättest du wohl gerne, fang mich doch, wenn du kannst, aber da musst du früher aufstehen.“
Er stand da und hielt ihre Jacke hoch, es sah zu dämlich aus. Er musste reagieren, denn es ging um seinen guten Ruf.
Und dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Es läutete und mit dem Läuten betrat Frau Kleinschuster die Klasse. Leo saß schon wieder auf ihrem Platz, lammfromm und mit Unschuldsmiene, aber nicht, ohne zuvor Franz kräftig an seiner Nase gezogen zu haben. Das alles war so schnell passiert, dass die Lehrerin nur noch sah, wie Franz sich wehleidig mit der linken Hand die Nase hielt und mit der rechten ausholte, um Leo die Jacke um die Ohren zu schlagen.
„Franz“, schimpfte die Lehrerin, „so fängst du dieses Schuljahr an? Wirst du denn nie gescheiter?“
„Ach, lassen Sie nur“, warf Leo zu meinem größten Erstaunen dazwischen, „es ist auch meine Schuld, ich habe ihn ein wenig provoziert. Ich werde schon mit ihm fertig, nur keine Angst.“
Das war sicher die größte Demütigung, die Franz jemals erlebt hatte. So etwas von einem naseweisen Mädchen. Ich sah ihm an, dass es in ihm brodelte, als er zu seinem Platz schlich.
Ich schätze, alle anderen waren ähnlich unkonzentriert wie ich in der folgenden Schulstunde, allerdings aus anderen Gründen. Man musste sich ab jetzt wohl Sorgen um Leo machen, denn Franz verstand in diesen Dingen bestimmt keinen Spaß. Aber ich machte mir auch Sorgen um mich, denn so bin ich nun mal.
***
Der alte Dachs saß im flackernden Licht einer Kerze an einem altmodischen Schreibtisch und war tief über eine Pergamentrolle gebeugt, auf die er unablässig Noten kritzelte. Das geschah in solch einer Geschwindigkeit, als schriebe er einen Brief.
Ab und zu hob er seinen Kopf, legte ihn ein wenig schief und schien einer Melodie zu lauschen, die es aber nur in seinem Inneren geben konnte, denn in seiner Höhle tief unter der Erde war es totenstill.
*
In meiner alten Schule hatte es auch so einen Jungen wie Franz gegeben. Er hieß Herbert und war eine Klasse über mir. Auch er war viel größer und stärker gewesen und ich war ihm immer ausgewichen. Er hatte mich wahrscheinlich gar nie bemerkt, so unauffällig gab ich mich. Aber einigen anderen Kindern nahm er das Jausengeld und ihre Handys weg, wer sich weigerte, das Geld herauszurücken, der bekam die Nase blutig geschlagen. Die ganze Schule hatte Angst vor ihm und eines Tages kam die Polizei, denn er hatte, so hieß es, auch noch andere schlimme Dinge gemacht. Dann wurde er in ein Erziehungsheim gesteckt. Ich und viele andere waren sehr froh darüber. Aber mein Papa sagte, er fände das gar nicht gut, denn bestimmt gäbe es einen Grund für das Verhalten von Herbert und er bräuchte sicher viel mehr Unterstützung, als er in dem Heim bekäme. Es sei meist ein Hilferuf, wenn jemand solche Dinge täte.
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