Trotzdem war Sigurd sich sicher – es war ihm, als hätte er einen prophetischen Blick bekommen und könnte sehen, wie unwahrscheinlich es war, dass die Deutschen sich sonderlich lange in Norwegen aufhalten würden –, er war sich sicher, eines Tages würde hier, an der Brücke bei Fossum, so wie bei den Thermopylen im alten Griechenland, ein Gedenkstein errichtet werden, in dem Haralds Name eingraviert wäre. Eine bleibende Spur seines Bruders.
Und er, Sigurd?
Was war schiefgelaufen? Was war so schrecklich schiefgelaufen am 9. April? Sigurd stand in der Mitte der Brücke und schaute zu dem still fließenden Fluss unter sich. In den Wochen nach der Invasion hatte er sehr viel mehr Zeit auf Grübelei verwendet als auf die Juristerei, und auch wenn er sich benommen hatte wie ein erbärmlicher Angsthase, war seine Wut weiter angewachsen. Vielleicht weil sein Bruder tot war. Sigurd hatte Fragen gestellt, nachgebohrt, nachgeforscht. Und wie sich herausstellte, war die Kommunikation zwischen den verantwortlichen Personen, jenen Menschen, welche die Bevölkerung durch einen Kampf um Leben und Tod hätten führen sollen, vollkommen und schmählich zusammengebrochen in diesen Apriltagen. Und was war mit dem Militär? Zunächst hatte Sigurd noch geglaubt, es könne nicht wahr sein, dass der befehlshabende General zu sich nach Hause gefahren war, irgendwo weit außerhalb der Stadt, um sich seine Uniform anzuziehen und Toilettensachen zu holen! Mitten in der Hitze des Gefechts, früh am Morgen, war er einen weiten Umweg gefahren, um sich Toilettenartikel zu holen. Was dachte er sich dabei? Wollte er lieber mit sauberen Zähnen und frisch rasiert sterben? Und als er, endlich, in das als Kommandozentrale auserkorene Hotel Slemdal zurückkehrte, hatte sein Stab bereits Hals über Kopf die Flucht ergriffen und war nach Eidsvoll weitergezogen, weshalb der General jeden Kontakt zu ihnen verloren hatte. War das möglich? Mag sein, dass Sigurd eine Memme war, aber es hatte in diesen Stunden wahrlich größere Memmen gegeben als ihn! Für ihn als Juristen war es leicht nachvollziehbar, warum so manche der Meinung waren, die Regierung sollte vor das Verfassungsgericht gestellt werden – falls es je gelänge, die verhassten Deutschen aus dem Land zu werfen. Ja, denn es war wirklich skandalös, nicht nur ihre analytische Untauglichkeit in einem Land, das geschlafen hatte während eines Angriffs, bei dem sich im Nachhinein immer deutlicher herauskristallisierte, dass es ein angekündigter gewesen war, sondern auch, weil sie nicht sofort alles mobilisiert hatten, was gehen und kriechen konnte, Kirchenglocken und Radio, Gong und Pauken ertönen ließen.
Konnte man sich etwas Schändlicheres vorstellen, als von seinen Anführern im Stich gelassen zu werden?
Wir gestatten es uns an dieser Stelle, eine Parenthese einzufügen, denn es muss Sigurds verbitterter Anklage – mit der er keineswegs allein dastand – immerhin zugutegehalten werden, wie gelinde gesagt merkwürdig es erscheint, dass diese Lehren nicht wie festgenagelt saßen in dem kollektiven Gedächtnis dieses kleinen Volks. Wie unvorstellbar scheint es doch, dass ein Land, das so etwas erfahren hatte, denselben Fehler später noch einmal begehen sollte! Zwar erklang bei Festansprachen und Gedenkreden ein paar Generationen lang der Refrain »Wir dürfen niemals vergessen«, doch im Vorfeld des Siebzigjährigen Krieges schien alle erworbene Weisheit zerbröckelt, und abermals traf das Unglück unvorbereitete Norweger wie im Schlaf.
Aber zurück zu Sigurd auf der Brücke, der gerade an all diese Stützen der Gesellschaft denkt, an all diese Repräsentanten der Machtelite, die sich jetzt, Mitte Juni 1940, für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen ereifern. Er muss sich an die Brüstung stützen, fühlt sich wieder elend.
Wie von selbst wandern seine Gedanken zu Maud, und nur der Gedanke an sie vermag zu verhindern, dass er nicht vornüber hinunterstürzt. Auch im Zug auf dem Rückweg von Askim ist er in Gedanken bei Maud. In diesen Tagen der Schwermut und der Selbstvorwürfe, die er bei zugezogenen Gardinen und mit einem Tablettengläschen auf dem Nachttisch im Bett verbringt, ist es allein der Gedanke an Maud, der ihm das Leben erträglich macht. Er weiß, nur sie allein kann ihn retten. Das ist ihm schon bewusst geworden, als sie während des Lieds »Leben heißt lieben« seine Hand nahm, und noch deutlicher wurde es ihm bewusst, als sie eines Tages plötzlich vor seiner Tür stand. Das war ein paar Wochen nach Haralds Beerdigung, sie sei zufällig vorbeigekommen, sagte sie, und habe Lust bekommen, bei ihm anzuklopfen, und dann saßen sie in seinem kleinen Zimmer im Parkveien und tranken Kaffee, ohne viel zu sprechen. Sie erwähnte die schweren Kämpfe beim Hotel Klækken, direkt neben ihrem Heimatort, ansonsten aber verbrachte sie die Zeit hauptsächlich damit, ihn mit ihren außergewöhnlichen, auf- und zuklappenden Augenlidern zu betrachten und ihn reden zu lassen. Er hatte den Eindruck, dies sollte nur als Einleitung dienen, wusste aber nicht, für was. Er hatte viel über den Vorfall am Nibbitjern nachgedacht, über die Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, über den Kuss, den sie zu seiner Überraschung erwidert hatte – wie das Rucken an der Angelschnur in einer Nacht, in der man nicht mit einem Fang rechnet. Aber er hatte gewusst, dass sie in seinen Bruder verliebt war. Es war Untreue. Deswegen, dachte er, war sie jetzt ihm gekommen. Wegen Harald.
Dann war sie verschwunden. Sie wohnte irgendwo im Stadtteil Grønland. Anfang Juni aber stand sie wieder da, und diesmal wusste er, dass es für immer war. Sie fingen an, echte Rendezvous zu haben. Einmal spazierten sie zum Frognerparken, um Vigelands Brücke zu bewundern, die kürzlich eröffnet worden war. Auf dem Tørtberg stand noch immer der hohe Bretterverschlag, der den Monolithen verdeckte. Langsam gingen sie an den frisch gegossenen Bronzeskulpturen vorbei. Sigurd wusste, dass seine Mutter für eine der Frauenfiguren Modell gestanden hatte, aber nicht, für welche, und sie wollte auch nicht darüber reden. Weil ihm der Gedanke daran peinlich war, erwähnte er es Maud gegenüber nicht. Mitten auf der Brücke blieb sie dann stehen und nahm seine Hände. »Ich bin schwanger«, sagte sie.
Die Nacht im Krokskogen.
Sie heirateten Ende August in der Randsfjord kirke, nur einen Steinwurf entfernt von der Glasfabrik, und zogen gemeinsam in Onkel Alberts Wohnung. Im Dezember kam Kaja zur Welt. Maud liebte ihn nicht, das wusste er, spürte er, aber sie gab sich ihm trotzdem hin, und er ließ es geschehen. Es war, als wären sie einen Pakt eingegangen. Er wurde nie wirklich schlau daraus, wie das mit ihnen beiden gekommen war, ob sie sich in einer Art Resignation einfach dem Nächstbesten in die Arme geworfen hatte, aber was ihn selbst betraf, war es aufrichtige Liebe. Auch ihre Eigenheiten lernte er zu schätzen, wie etwa ihre Angewohnheit, Kräuterschnaps aus kleinen, hübschen Gläsern zu trinken oder jede sich bietende Gelegenheit zum Lesen zu nutzen. Und obwohl er selbst kein Leser war, genoss er es, sie mit einem Buch in der Hand zu sehen, manchmal beobachtete er sie heimlich, wenn sie im Schneidersitz auf einem Sonnenflecken auf dem Teppich in der Stube saß und zwischendurch den Bleistiftstumpf über die Seite führte, als betriebe sie ein Handwerk, bei dem sie Maß nehmen musste. Dafür vergötterte er sie.
Er nahm sein Jurastudium wieder auf, fühlte sich aber ruhelos. Die ganze Zeit über war er auf der Suche nach einer Möglichkeit, die ihm aus der Schande heraushelfen konnte – er erinnerte sich an Mutters Bericht über das Osebergschiff und an seine Großmutter, die ihm ins Ohr geflüstert hatte: »Du bist von Wikingergeschlecht, vergiss das nie!« Er musste Widerstand leisten, auf die eine oder andere Art. Und als ihm dann Karsten, dessen Vater bei der Gewerkschaft war, eine verbotene Ausgabe der Zeitschrift Fri Fagbevegelse zeigte, machte er sich daran, zusammen mit Karsten und Birger eine illegale Zeitung herauszugeben. Das war im Herbst 1941, nachdem die Deutschen alle Radiogeräte eingezogen hatten und die Menschen immer gieriger wurden nach Nachrichten, die ihnen Aufschluss darüber geben konnten, was in der Welt, und besonders in diesem Krieg, eigentlich vor sich ging. Birger nahm Kontakt zu einem Mann auf, der in seinem Garten am Vettakollen einen Radioapparat in einem Vogelhaus versteckt hatte, und Karsten beschaffte, über seinen Vater, sowohl das nötige Papier als auch den Mimeografen, den sie auf dem Dachboden über Birgers Wohnung in der Observatoriegata aufstellten. »Endlich bin ich Astronom!«, sagte Birger.
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