Nach dem zweiten Whiskysoda jedenfalls fing Sigurd an, seine Anschauungen über die gerechte Gesellschaft darzulegen, als hätte er sowohl Platon als auch Keynes von hinten nach vorn gelesen und sich über diese Problematik mehr Gedanken gemacht als jeder Professor oder Staatsmann; er ritt seinen White-Horse-Pegasus bis zur Überheblichkeit, sowohl was die Formulierungsfähigkeit als auch was den Überblick anging; so verliefen diese Abende und Nächte, und so sollten sie auch verlaufen, es ging darum, sich von so hohen Gipfeln wie nur irgend möglich herabzustürzen, um zu sehen, ob es einem gelang, die anderen glauben zu lassen, man könne fliegen, schweben zumindest, die paar Fliegeralarme wurden lediglich als ein Jux betrachtet, als eine Art Gongschlag, der eine neue Diskussionsrunde einläutete, wobei der Wortwechsel allmählich immer weniger hitzig wurde, sich eher schläfrig gestaltete und immer öfter unterbrochen wurde von gelallten Trinksprüchen, bevor er zu früher Morgenstunde schließlich von selbst verebbte.
»Der Staat bin ich«, sagte Sigurd in der Tür, überrascht, wie wackelig er auf den Beinen war. Er nickte den anderen zu, bevor er auf die Straße hinaustorkelte, oder eigentlich nickte sein Kopf wie von selbst.
Es war kurz nach halb acht Uhr morgens. Er musste nach Hause und ein wenig schlafen. Aber woher kam dieser schreckliche Lärm? Auf dem Solliplass hob er den Blick, und dort, beim Ausblick zur Nesodden-Halbinsel, im Luftraum über Oslo, wirbelten rasende Rieseninsekten, Flieger, hin und her und nahmen einander unter Beschuss. Er erkannte einen norwegischen Gloster Gladiator, und dank seines Interesses für Kriegsgeschichte sah Sigurd auch sofort, dass der andere Schwarm aus deutschen Flugzeugen bestand. Jetzt ist also endlich Krieg, sagte er zu sich. Mit Deutschland. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er sich hingekauert, hielt sich an einem Geländer fest. Ein Gedanke schoss ihm in den Sinn: Wo war Harald? Wo war sein Bruder? Er schob seine Sorgen beiseite. Harald, der Pazifist, lag wahrscheinlich irgendwo zitternd unter einem Bett.
Sigurd hatte Kopfschmerzen, Übelkeit plagte ihn. Den Fliegeralarm im Rücken, torkelte er zum Parkveien und schaffte es irgendwie zur Kreuzung am Hedgehaugsveien, wo er, in der Wohnung, die ihm sein Onkel vermietete, geradewegs die Toilette ansteuerte und sich übergab. Lange hing er so über der Kloschüssel und starrte in den kleinen, von weißem Porzellan umringten Wasserdeich, und je länger er so dalag, desto deutlicher ging ihm auf, dass nicht der Alkohol ihm den Magen umgedreht hatte, sondern die Angst.
Es war Krieg. Er könnte getötet werden.
Er übergab sich erneut, hatte die Hände über die Kloschüssel gelegt und hielt sich an ihr fest, von Angst gebeutelt.
Er wusch sich das Gesicht, schluckte ein paar Tabletten und schleppte sich ins Bett, blieb dort hinter zugezogenen Gardinen liegen, noch immer von Kopfschmerz und Übelkeit geplagt. Draußen war es längst still geworden. Nur die gewohnten Geräusche. Die Tabletten begannen zu wirken. Der Luftkampf war, Gott sei Dank, bloß ein Missverständnis, ein Vorfall, der von beiden Ländern bedauert werden würde. Endlich konnte er einschlafen.
Gegen halb drei am Nachmittag fühlte er sich einigermaßen wiederhergestellt und brachte ein halbes Marmeladebrot und etwas Kaffee runter. Er musste raus, er musste sehen, was vor sich ging, oder ob überhaupt etwas vorgefallen war. Draußen gingen die Menschen ruhig durch die Straßen. Keine ungewöhnlichen Gerüche, kein Unheil verkündender Lärm. Aber er hatte keinen Zweifel. Es waren deutsche Flugzeuge gewesen. Hatte es sich womöglich nur um eine Übung gehandelt?
Er beschloss, bei der Universität vorbeizuschauen und sich an seinen Platz im Lesesaal zu setzen. Es war sonnig, es war erfrischend, nach draußen ins Freie zu kommen, durch den Schlosspark zu spazieren, wo sich noch immer wacker ein paar Schneefelder hielten. Er würde aufhören, Whisky zu trinken, er würde mit den Diskussionen aufhören, vom heutigen Tag an würde er nur noch lesen, fleißig studieren, eine bedeutende Stellung im Finanzministerium anpeilen, zu einer gerechteren Einkommensverteilung beitragen.
Etwas an der Atmosphäre ließ ihn auf dem ersten Treppenabsatz am Eingang zur Universität innehalten. Die Menschen hatten entlang der Karl Johans gate Aufstellung genommen. Er hörte Hufschläge auf den Pflastersteinen. Zwei norwegische Polizisten ritten die Straße herunter. Einen Moment lang fühlte sich Sigurd beruhigt. Doch dann, das Geräusch zahlreicher Stiefelsohlen, die im Takt marschierten, und ein deutscher Trupp erschien, zu beiden Seiten begleitet von norwegischen Polizisten zu Pferde, als wollten sie die Deutschen in die Stadt hineinlotsen, die Hauptstraße hinab, wie um dafür zu sorgen, dass sie auch dorthin gelangten, wohin sie wollten. Sigurd stand auf der breiten Treppe vor dem Mittelgebäude der Universität, stand dort vor Säulen, die in einem armseligen Wicht Assoziationen zu Diskussionen über Platons Staat hervorrufen konnten, und sah die lange Kolonne deutscher Soldaten vorbeimarschieren. In Dreierreihen, mehrere Hundert Mann mit schwerem Gepäck. Eskortiert von der norwegischen Polizei! Von ein paar anderen, die neben ihm standen und die Radiosendungen gehört hatten, erfuhr er die jüngsten Neuigkeiten. Es war wie ein verkehrter Nationalfeiertagsumzug. Ein Umzug, der nicht aus Fahnen tragenden, sich in Richtung Schloss bewegenden Kindern bestand, sondern aus deutschen Soldaten mit Sturmgewehren, auf dem Weg in die andere Richtung, wo sie wichtige Gebäude besetzten.
Er stützte sich an eine der griechischen Säulen. Er musste etwas tun. Aber falls er etwas tat, könnte er getötet werden.
Vor Angst gelähmt stand Sigurd auf der Universitätstreppe. Und trotzdem: Irgendwann, das wusste er, irgendwann in der Zukunft, wie auch immer diese aussehen mochte, würde man gefragt werden, was man zu jener Stunde getan hatte, man würde für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden. Ein Schauer lief ihm über den Rücken bei dem Gedanken, was er auf die Frage, was er am 9. April getan habe, würde antworten müssen: »Ich hatte einen schrecklichen Kater.«
Oder: »Ich war halbtot vor Angst und habe nur rumgejammert.«
Er wusste, was er zu tun hatte. Er eilte zum Parkveien zurück, vergewisserte sich, von niemandem beobachtet zu werden, und schlich hinunter in die Kellerkammer, in der sich das Holz und der Hackstock befanden. Es gab nur eines, was jetzt zu tun war. Ohne Zaudern, ohne Nachdenken. Der feuchte, modrige Kellergeruch erfüllte ihn mit Angst. Unter Zögern, einem langem Zögern nichtsdestotrotz, nahm er die Axt, legte den Arm auf den Hackstock, überlegte eine Sekunde, ob er sich ein paar Finger abhacken sollte, aber das wäre zu drastisch, er räusperte sich vor Aufregung, er musste an die Zukunft denken, es würde eine Zukunft geben – würde es eine Zukunft geben? –, doch, davon musste er ausgehen, jetzt ging es darum, gründlich zu arbeiten, nicht zu fest zuzuschlagen, aber auch nicht zu leicht, er schwitzte, als wäre er gerade einen Kilometer weit gelaufen, ließ den Axtkopf, leicht geneigt, mit der Hinterseite auf seinen Unterarm fallen, hieb vielleicht dennoch etwas zu fest zu, er zuckte zusammen bei dem Knacken, ehe die Schmerzlawine durch ihn hindurchfuhr, von der Haarwurzel bis in die Zehennägel. Scheiße. Verfluchte Scheiße. Verfluchte beschissene Scheiße. Er war leicht benommen, konnte aber die Axt fein säuberlich an ihren Platz zurückhängen, keine Spuren, er taumelte nach oben, nach draußen, nass von Schweiß und dem Schmerz, schaffte es bis zur Haltestelle, schaffte es bis zur Unfallambulanz, zum Krankenhaus Krohgstøtten in der Storgata. »Ich bin heute Morgen am Eis ausgerutscht«, sagte er, stöhnte er, die Schmerzen waren jetzt höllisch, ein Krankenpfleger half ihm in einen Stuhl, wo er wartete, bis ein erfahrener Arzt alles wieder an seinen Platz rückte – wieder ein Schrei – und der Arm eingegipst wurde.
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