Doch einige Wochen vor der Hochzeit des Kronprinzen war etwas geschehen.
Eines Samstags war sie vor dem alten Radioschrank stehen geblieben, den Bård irgendwann in sein Kellerzimmer hinuntergetragen hatte, nachdem ihr Vater neuere, modernere Tandberg-Wunder im Wohnzimmer aufgestellt hatte, und hatte das alte, schöne Huldra-Gehäuse betrachtet wie ein Gefährt, das sie vergessen hatte, ein Rettungsboot, und plötzlich war es, als vernähme sie abermals diesen hohen, reinen Ton – einen Ruf, den sie völlig verdrängt hatte.
Eilig suchte sie die alten Miles-Davis-Platten heraus und spielte sie ab. Den ganzen Abend lang. Und nachdem sie mehrmals der gedämpften, suchenden Trompete in »My Ship« gelauscht hatte, formte sich in ihr ein Entschluss: Ich muss diese Reise zu Ende bringen. Ich bin ja nie angekommen. Womöglich hatte der Gedanke sie bereits einige Monate zuvor gestreift, denn in diesem Frühling hatte sie hintereinander zwei Postkarten bekommen. Die eine stammte von Roar, ihrem Vetter, Kajas Bruder, und kam aus Paris. »Durchbrich die Ketten, Laila, es ist Revolution!«, stand mit Filzstift in großen roten Buchstaben auf der Rückseite. Die andere war von Bård, und der Poststempel stammte aus Los Angeles. »Wie steht’s um dein Schiff?«, hatte der Bruder mit blauem Kugelschreiber geschrieben.
Am nächsten Tag begann sie mit der Reiseplanung. Olav war längst alt genug, um einige Wochen ohne sie auszukommen, und sie wusste, dass Lorang mindestens genauso gut auf ihn aufpasste wie sie selbst. Laila wollte die inzwischen hauptsächlich für Kreuzfahrten genutzte Bergensfjord auf einer ihrer wenigen Reisen über den Atlantik nach New York nehmen, und diesmal als Passagierin. Ich muss endlich einen Fuß auf Miles Davis’ Land setzen, soviel bin ich Mr. Richard Ellison schuldig, dachte sie.
Es war also etwas geschehen in Lailas Leben, und während im Fernsehen die Bilder von Sonja und Harald im offenen Wagen auf dem Weg durch die Stadt gezeigt wurden, vom Volk bejubelt, sprach sie in die Luft, oder eigentlich eher halb ihrer Mutter zugewandt: »Das war dumm, diese Sache mit dem Kronprinzen, aber ich will wieder verreisen. Nach New York. Und zwar mit der Bergensfjord.«
Plötzlich wurde es still, abgesehen von der servilen Moderatorenstimme, die murmelnd berichtete, was ohnehin zu sehen war, als säßen vor dem Bildschirm lauter Blinde, denen alles vorgekaut werden musste.
Kaja war es, die das Schweigen brach: »Da sitzt du einfach so da, völlig ruhig, und erzählst uns, du fährst nach Amerika, als würdest du mal eben zum Einkaufen runter in den Laden gehen?« Sie lachte und lachte.
Halb hatte Laila erwartet, sie würden sich über sie lustig machen. Ihr mit Warnungen kommen: »Nicht noch mehr Kinder, Laila!« Solche Dinge. Aber in Kajas Lachen hörte sie Zustimmung, und nachdem sie lange genug gelacht hatte, klatschte sie am Ende doch in die Hände: »Gewiss doch! Bravo!«
»Super«, sagte Ragnhild, »das war aber auch an der Zeit.« Sie legte Bjørg eine Hand auf die Schulter und entlockte sogar Lailas Mutter ein Lächeln. Die beiden verband seit ihrer Kindheit ein besonderes Verhältnis. In Gaustad beobachtete Laila zuweilen, wie sie ohne ein Wort zu sprechen beieinander saßen, zwischen sich die Märklin-Lokomotive, und ihre gemeinsame Zeit genossen. Als ob sie auf Reisen wären, Erinnerungen teilten. Einmal hatte Bjørg gesagt: »Die haben mir so viel Elektrizität durch den Körper gejagt, dass ich die Lokomotive da von selbst zum Laufen bringen könnte.«
Rita kam zu Laila herüber und setzte sich neben sie, rüttelte sie mit einer Hand an der Schulter. »Fein, das wird schön«, sagte die Großmutter. »Wir brauchen alle eine Arche, und die Bergensfjord ist so gut wie jede andere. Eine neue Kreuzung. Das wird die Dinge wieder an ihren Platz rücken. Das spüre ich.«
Auch Hilde, Ragnhilds Tochter, schien neidisch auf Laila zu sein, die in ein Land reiste, in dem im Jahr davor der Ausdruck »summer of love« geboren worden war, ein Land, in dem »flower power« praktiziert wurde.
»Mal ehrlich, ist das Ganze nicht ziemlich vertrottelt?« Wieder war es Rita, die auf den Bildschirm deutete, auf den Wagen, der gerade die Karl Johans gate in Richtung Schloss hinauffuhr. »Was sitzen wir hier herum und schauen uns diesen unnötigen Zirkus an? Warum schreitet die Menschheit so langsam voran? Oder, mit etwas mehr Selbstkritik: wir Frauen?« Sie stand auf. »Braucht jemand eine Mitfahrgelegenheit? Erster Halt: Gaustad.« Hilde lachte, fischte ihre blaue John-Lennon-Brille heraus wie zum Zeichen, dass sie mit Rita und Bjørg mitfahren würde. Sie nahmen auch Ragnhild mit, die Hilde in die Seite stieß und ihr irgendetwas über die Magical Mystery Tour zuflüsterte.
Kaja wollte nur die kurze Strecke bis zu Mauds Haus mitfahren. »Eine gute Gelegenheit, ein paar Bücher zu mopsen, solange Mama sich im Krokskogen versteckt«, sagte sie und umarmte, oder eher umklammerte, ihre Jugendfreundin. »God tur, gute Reise«, sagte sie. »Und vergiss nicht, dass ›tur‹ auch Glücksfall bedeuten kann.«
Nur wenige Tage später befand Laila sich erneut an Bord der Bergensfjord. In ihrer Kabine legte sie sich aufs Bett, schwelgte in Erinnerungen und genoss sogar das Geräusch der im Schiffsrumpf pulsierenden Maschinen. Diesmal ereignete sich auf der Überfahrt nichts Dramatisches, und auch wenn sie keine Gelegenheit mehr hatte, das Birdland zu erleben, das in der Zwischenzeit bereits geschlossen hatte, konnte sie immerhin ein paar andere Jazzclubs besuchen, doch verglichen mit dem, was sie auf der Rückfahrt erlebte, waren das alles Nebensächlichkeiten, denn bei einem ihrer Schönwetterspaziergänge auf dem Promenadendeck fiel ihr plötzlich ein Mann auf, der sie anstarrte. Das heißt, er starrte nicht, sondern betrachtete ihr Gesicht auf eine Weise, die sie an ihren Besuch bei dem Maler Kai Fjell denken ließ. Der gleiche Blick. Als hätte ihr Gesicht etwas an sich, das er nicht einordnen konnte. Ein Geheimnis, das auf schamlose Weise seine Neugier weckte. Der Mann kam auf sie zu und stellte sich vor, bat sie um Verzeihung für seine Aufdringlichkeit und erklärte, sie sei ihm schon am ersten Tag aufgefallen, ihre Haltung sei die einer Königin. »Und Ihr Gesicht«, sagte er, »besitzt eine ganz besondere Ausstrahlung, und das sage ich nicht bloß, weil ich mit Ihnen flirten will.« Sie sah, dass er es wirklich ernst meinte. Er hatte sie gesehen. Ihr Gesicht. Es war herausgestochen. Obwohl ich es nicht weiß geschminkt habe, dachte sie.
Diese Worte leiteten ein Gespräch ein, und es war dies ein Gespräch, das alles auf den Kopf stellte. Nur wenige Jahre später sollte Laila aus Tåsen zu Laila of Norway werden.
Doch als sie damals alle in Tåsen im Wohnzimmer gestanden waren und voneinander Abschied genommen hatten, am selben Tag, als Kronprinz Harald seine Sonja ehelichte, hätte keiner, und Laila am allerwenigsten, geglaubt, dass ihr Leben jene Wendung nehmen sollte, die es schließlich nahm. Die anderen sollten sie noch oft daran erinnern, was sie kurz vor dem Abschalten der Fernsehübertragung gesagt hatte, während Sonja Haraldsen, oder jetzt einfach Sonja, sich durch das Stadtzentrum von Oslo hindurchwinkte: »Es muss schrecklich sein, so plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Mit so etwas würde ich nie klarkommen. Es ist besimmt ein Fluch, berühmt zu sein.«
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