Ereignisse wie diese verliehen ihr ein geheimes Selbstvertrauen, wurden ein Panzer, machten sie stark und ließen sie traurige Dinge wie das mit dem Poesiealbum vergessen. Die Wörter, die sich in sie eingeritzt hatten. Die Angst, eines Tages so zu enden wie ihre Mutter. Ihr war bewusst, dass auch ihre Großmutter, besonders als sie noch klein gewesen waren, befürchtet hatte, Bård und ihr könnte eine unvorteilhafte Last als Erbe mitgegeben worden sein. Laila, die verwandelte Laila, wies solche Gedanken alle von sich. Sie machte sich einen Spaß daraus, Bilder aus Wochenzeitschriften auszuschneiden und sie auf die frei gebliebenen Seiten ihres Poesiealbums zu kleben. Bilder der Königsfamilie, der Prinzessinnen Astrid und Ragnhild, besonders aber von Prinz Harald. Ihre Großmutter rümpfte darüber die Nase, aber Laila lachte bloß. »Wart’s nur ab«, sagte sie. »Ich werde Königin von Norwegen.«
Das war natürlich nur so dahingesagt, etwas, das sie im Spaß geäußert hatte. Hätte sich der Zufall jedoch auf ihre Seite geschlagen, hätten sich ihre Worte bewahrheiten können, und das alles dank Kaja, ihrer Cousine, die erst mehrere Jahre später, auf dem Gymnasium Berg, Lailas erste richtige Freundin wurde. Tante Maud war aus dem Stadtzentrum nach Korsvoll gezogen, weil sie näher an dem großen Waldgebiet der Nordmarka wohnen wollte. Sehr früh schon hatte Kaja bemerkt, dass Laila gemobbt wurde, nicht durch solche offensichtliche Hänseleien wie in der Grundschule, sondern etwa in Form von Bemerkungen über ihre Haare oder ihre Röcke – manchmal fiel es ihr ein, einen der Röcke ihrer Großmutter anzuziehen –, und die beiden schlimmsten Quälgeister der Schule waren auch die beiden schlimmsten ihrer Kindheit. Eines Tages nach Schulschluss, als diese beiden Ränkeschmiedinnen mit ihren Eistüten in Tåsen am Kiosk standen, ging Kaja zu ihnen hin, schnappte sich ihre beiden Tüten und rieb ihnen, gleichzeitig, die Gesichter damit ein – Laila stand etwas weiter weg und war beeindruckt von der Schnelligkeit und Koordination dieser Bewegungen. »Von jetzt an sind alle Arten von Röcken erlaubt!«, rief Kaja. »Noch so ein spöttischer Kommentar von euch und ihr kriegt was Härteres ins Gesicht als nur Eiscreme!«
Kaja hatte etwas Steinhartes und Zielgerichtetes an sich. Nach dieser Episode – und die Gerüchte darüber verbreiteten sich rasch – hörte Laila für den Rest ihrer Schulzeit keine einzige vorlaute Bemerkung mehr.
Die beiden Cousinen hatten einander gefunden, obwohl Kaja als frech und extrovertiert galt, Laila dagegen als sanft und schweigsam, und das auch noch, nachdem das Träge und leicht Tranceartige von ihr abgefallen war. Kaja war verrückt nach Filmen – ihre Mutter behauptete, sie habe das von ihrem verstorbenen Vater, Sigurd Bohre. Kaja tapezierte die Wände ihres Zimmers mit Bildern von Marlon Brando, James Dean und Montgomery Clift; Laila legte diesbezüglich einen weit geringeren Eifer an den Tag, aber es machte ihr Spaß, mit Kaja ins Kino im Stadtzentrum zu gehen und sich alle neuen Filme anzusehen, die dort gezeigt wurden. Danach lagen sie oft noch schwatzend in ihrem Zimmer, und an einem dieser Abende zog Kaja sie ins Vertrauen über einen Verdacht, den sie schon seit längerem hegte: »Ich glaube, Sigurd ist nicht mein Vater. Es gibt da etwas, das meine Mama mir nicht erzählen will. Vielleicht ist er berühmt. Ein Schauspieler!« Sie schaute Laila mit ihrem dramatischsten Blick an. »Ich will ein Filmstar werden«, sagte sie, »ich glaube, das steckt in mir drin.« Kajas Ziel war es, bemerkt zu werden. Einmal erschien sie mit komplett weiß geschminktem Gesicht in der Schule. Sie sagte zu Laila: »Wir müssen uns von den anderen abheben!« Laila dachte, dass sie das auf einfachere Weise zustande bringen müsste.
Auch in einem anderen Punkt unterschieden sich die beiden Cousinen: Durch das Kontaktnetz ihrer Mutter, die Journalistin war, verkehrte Kaja lange Zeit in den nobleren Kreisen der Stadt, will heißen, in Gesellschaft der Prominenz, die es damals eben so gab. Zudem war Kaja wie besessen von Françoise Sagans Roman Bonjour tristesse, auch von der Schriftstellerin selbst, und in dem Sommer, nachdem sie ihr Abitur gemacht hatte, durfte sie sich von einem Freund ihrer Mutter einen offenen Sportwagen leihen. Sie sausten mit Kopftüchern durch die Gegend, und genau wie ihr französisches Vorbild fuhr Kaja barfuß, Laila war noch nie auf so vielen mondänen Festen gewesen, überall Jazz und massenhaft Katzen, geöffnete Weinflaschen und Männer, die einen Jargon sprachen, den nur sie selbst verstanden. Aufgrund dieses Bekanntenkreises konnte sie dann auch eines Spätsommers zwei Einladungen vor Laila auf den Tisch knallen: »Wir werden, liebe Freundin, auf den Abschlussball der Militärakademie gehen. Und weißt du, wer auch auf diesem Ball sein wird?«
»Paul Newman mit seinen blauen Augen?«, scherzte Laila.
»Kronprinz Harald«, sagte Kaja. »Aber sieh dich vor. Er gehört mir.«
Diese unvorhersehbaren Zufälle, die alles auf den Kopf stellen können.
In der Chronik von Little Green finden wir folgenden Passus: »Was die Frage betrifft, wie Laila aus Tåsen zu Laila of Norway wurde, neige ich zu der Vermutung, dass Huldra 5 sich als der wichtigste Faktor erwiesen hat.«
Da steht sie nun also, Laila Berger, in einem neuen Kleid, eines Abends Ende August 1959. Und in dem Saal wimmelte es nur so von anderen Mädchen in neuen Kleidern, alle in heller Aufregung und umgeben von Kadetten in Ausgehuniform. Plötzlich stand der Kronprinz vor ihr und unterhielt sich mit ihr. Laila glaubte zuerst, er wechsle nur aus Höflichkeit auf einer seiner Runden einige Worte mit ihr, genau wie mit allen anderen. Doch er blieb stehen, unterhielt sich lange mit ihr. Und aus seinen Augen konnte sie herauslesen, dass sie ihm gefiel, er womöglich sogar hingerissen von ihr war. Er lachte und glaubte, es sei ein Scherz, als sie ihm erzählte, sie habe Bilder von ihm in ihrem Poesiealbum. Sie tanzten Swing, und er stellte sie einigen seiner Jahrgangskameraden vor. Gedanken kollidierten in Lailas Kopf, Gedanken, die indessen auch stark von Zweifel geprägt waren. Doch dann, in einer kurzen Pause, stieß Kaja zu ihnen, in deren Blick etwas Hitziges lag und die Laila unter irgendeinem gewichtigen Vorwand und mit einer galanten Entschuldigung regelrecht von dem Kronprinzen wegzerrte. Später entdeckte Laila den Kronprinzen beim Tortentisch, wo er gerade mit einem anderen Mädchen plauderte. Perlenkette und Perlenohrringe. Kurzgeschnittenes Haar. Dieses Mädchen, erklärte Kaja, sei vom Kronprinzen eingeladen worden. »Sie ist bloß eine alberne Kleidernäherin«, sagte sie, »mit der wird er bald fertig sein.« Laila fragte sich, wieso Kaja sie vom Kronprinzen weggezerrt hatte und wieso sie tags darauf keinen Kontakt mehr zu ihr wollte und auch nicht in den Tagen und Wochen danach. Wie dem auch sei: Es sollten mehrere Jahre vergehen, ehe sie und Kaja wieder miteinander sprachen.
Laila war darüber nicht enttäuscht, sie hatte nie davon geträumt, Königin zu werden. Dafür jedoch hatte sie einen anderen Traum, und Anfang September, nur wenige Tage nach dem Ball der Militärakademie, geht sie an Bord des neuesten Schiffs der Norwegischen Amerikalinie, der MS Bergensfjord, und obwohl sie nur zu einer kleinen Kabine auf einem der untersten Decks geleitet wird, wo sie sich auf die schmale Koje setzt und das Herz des Schiffs schlagen oder eher singen hört, weiß sie, dass sie erst jetzt wirklich vor der Möglichkeit einer Verwandlung steht – in etwas völlig Unerwartetes. Und sie sollte recht behalten.
Woher kam diese Reiselust? Man hätte alle fragen können, die sie kannte, und niemand hätte vermutet, dieses zurückhaltende Mädchen könnte plötzlich ihren Koffer packen und sich Arbeit auf einem Schiff suchen, das auf dem Atlantik kreuzte. Hätte man Laila selbst gefragt, ihre spontane Antwort hätte gelautet, dieser unergründliche Drang sei von einem Ton geboren worden, einem Ton, der aus einem Wald aus Tönen herausgewachsen und zu ihrem Ton, zu einer Berufung, geworden war.
Читать дальше