Wenn du ans Land denkst, denkst du an Bier, das nach Feldweg schmeckt, an in halbvollen Gläsern ersoffene Wespen, an den Geruch von frisch gemähtem Gras, an im Lagerfeuer verbrannte Briefe, an die Mohnnudeln deiner Mutter, an den Bierbauch deines Vaters, an die Barbiepuppen deiner Schwester und wie unheimlich sie nackt ausgeschaut haben.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an deinen ersten Computer, an das Geräusch, das dein Modem gemacht hat, an das Läuten des Telefons, und keiner geht hin, an Sommergewitter und Stromausfälle und Kerzenlicht und Wachs auf deinen Fingern.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an Senkgruben und Misthaufen und Silos und Böschungen, an von Autos überfahrene Katzen, Adventskränze und Grablichter. Wenn du ans Land denkst, denkst du manchmal daran, irgendwann zurückzukehren. Irgendwann – aber das Wort liegt ganz feucht und schwer auf deiner Zunge.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an verregnete Hochzeiten und an Begräbnisse bei fast vierzig Grad im Schatten, dann denkst du an Hollywoodschaukeln und Grillen am Balkon, das Hineinstechen mit der Gabel in die Käsekrainer, um zu testen, ob sie schon fertig sind, und als deine Mutter vierzig wird, feiert ihr in der Garage, alle Nachbarn sind eingeladen, es gibt Bier vom Fass, und du erlebst deine Mutter das erste und letzte Mal in deinem Leben betrunken, und am nächsten Tag gibt es nichts zu essen, weil ihr so schlecht ist – auch daran denkst du, wenn du ans Land denkst.
Du denkst außerdem daran, wie dir dein Vater gezeigt hat, wie man sich rasiert oder wie man eine Motorsäge richtig hält oder wie man mit Handbremse bergauf wegfährt, denkst an das alte Auto deines Vaters, in dem deine Mutter auf dem Weg nach Hause von der Straße abgekommen ist, mit dem sich deine Mutter dreimal überschlagen hat, aus dem deine Mutter mit nur drei blauen Flecken ausgestiegen ist, so als wäre sie unsterblich.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an den kleinen Fußballplatz gleich neben dem Kinderspielplatz, an den einen Onkel, der immer nach Wein riecht, egal um welche Uhrzeit, an Blasmusik und Fürbitten, an Mopedfahren und Wasserschlachten mit den Nachbarskindern, an die erste feste Freundin, das Miteinander-Gehen und dass man dann doch wieder in unterschiedliche Richtungen weitergegangen ist, an Volleyball beim Badeteich, an dein erstes Handy mit Antenne und an die gemeinsamen Abende vorm Röhrenfernseher, ans Schauen von Universum oder vom Wetterbericht.
Wenn du ans Land denkst, bewegt sich ein Gletscher in dir, aber in der Gefriertruhe gibt es noch Eis, auf das kannst du dich verlassen, in der Gefriertruhe gibt es noch Eis und Fleisch und Tiefkühlpizza.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an die einzige Disko weit und breit und an Schaumpartys und Menschen, die zu den größten Hits der 80er- und 90er-Jahre tanzen, zu den größten Hits der 80er- und 90er-Jahre schwitzen, und nach ein paar Runden Tequila ist das Wochenende vorbei, und zwischen den Zähnen stecken noch am Montag die Zitronenreste.
Wenn du ans Land denkst, dann auch an dein erstes Mal Wählen in einem der beiden Wirtshäuser im Dorf. Und als du deine Stimme abgibst, riecht es nach Schweinsbraten, und am Stammtisch im Nebenzimmer werden die Karten laut auf den Tisch geknallt, und die Weingläser scheppern. Als du das Wirtshaus verlässt, ist es kurz nach Mittag und es schaut nach Regen aus. Am Abend fährst du dann zurück in die Stadt, in der du studierst, und denkst darüber nach, warum du nie zu Hause bist.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an den Heizraum. Dort steht noch immer ein rotes Kofferradio, dort hängt noch immer die alte Bundesheerjacke deines Vaters, und in den Spinnweben klebt ganz fein der Holzstaub, und da liegt ein Stapel Zeitungen, und du machst Feuer. Eine halbe Stunde später dann ticken die Heizkörper.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an Häuser, die jetzt leer stehen, an Zimmer, die einmal bewohnt waren, an Geräusche, die es nicht mehr gibt, weil es die Menschen nicht mehr gibt, denkst an die Geräusche, die du früher nicht gehört hast und die jetzt so laut sind, weil sie fehlen.
Wenn du ans Land denkst, dann denkst du an den Mond, den man nicht fotografieren kann, und an Sonnenaufgänge, die man nicht fotografieren kann. Wenn du ans Land denkst, denkst du an deine Cousine mit den toten Zwillingen im Bauch.
Wenn du ans Land denkst, dann auch daran, dass du deiner Schwester versprochen hast, nicht mehr so viel zu trinken, deiner Schwester, die sonst kein Wort gesprochen hat die ganze Autofahrt lang, dir nur dieses eine Versprechen abgenommen hat, dann hat sie beschleunigt, und das Fernlicht des Autos hat die Felder am Straßenrand berührt und ist irgendwann in einem leer gefischten Teich untergegangen.
Wenn du ans Land denkst, denkst du an das Stück Wald, das jetzt dir gehört und in dem du deinen Großvater gefunden hast, der seit zwei Tagen verschwunden war. Du wolltest deinen Großvater nicht finden, aber du hast ihn gefunden, tief im Wald. Zuerst hast du nur seinen Schatten gesehen, dann seinen Körper, wie er baumelte in den Ästen. Alles war still, in dir drin war es am stillsten. Wenn du ans Land denkst, dann baumelt dein Herz und du spürst die Tannennadeln unter deiner Haut. Wenn du ans Land denkst, hörst du den Wind zwischen deinen Rippen und wartest auf das Geräusch von splitterndem Holz.
Ich schreibe ein Buch über dich, aber ich kann es nicht »Unheimliche Heimat« nennen, weil mir jemand zuvorgekommen ist. Und ich kann es nicht »Die Beschreibung des Unglücks« nennen, weil mir jemand zuvorgekommen ist. Das Problem, wenn man sich mit Mitte dreißig kennenlernt: Es ist mir nicht nur einer zuvorgekommen. Zuvor, und was weiß ich wohin.
In Österreich heißen Schokoküsse Schwedenbomben. Und viel mehr muss man auch nicht wissen, finde ich, über die kulturellen Unterschiede. Den Rest kann man bei Elfriede Jelinek nachlesen oder bei Thomas Bernhard. Es ist ein finsteres Land, Österreich, und wir wählen die Politik, die uns verspricht, es noch ein wenig finsterer zu machen. Seit die Sonne vom Himmel gefallen ist, soll sie auch nicht mehr aufgehen, das ist österreichische Politik, das bringt die meisten Stimmen. Es ist der Triest-Komplex, der Traum vom Meerzugang. Wir wollen einen Meerzugang, um ihn dann gleich wieder zu schließen. Überhaupt wollen wir alle Grenzen schließen, damit niemand sieht, was wir in unseren Kellern verstecken.
Meinen ersten längeren Text habe ich mit fünfzehn oder sechzehn in ein kariertes A5-Heft geschrieben. Damals habe ich noch geglaubt, dass man Geschichten erzählen kann, dass es eine Erzählperspektive gibt, auf die man sich verlassen kann. Dass es eine Sprache gibt, mit der ich etwas BESCHREIBEN kann. Mittlerweile wissen wir beide: Sprache kann im besten Fall etwas ZERSCHREIBEN. Und seitdem fallen wir auseinander. Wie ein Kartenhaus, könnte ich jetzt schreiben, aber die Vergleiche ruinieren uns. Seit wir angefangen haben zu vergleichen, sind wir nicht mehr ganz.
Der Text, der jetzt irgendwo in einer Schublade in meinem Elternhaus liegt, basiert auf dem Videospiel Super Mario Bros . Es ist also eine klassische Liebesgeschichte. Ärger als Romeo und Julia . Härter als jeder Tarantino-Film. Es gibt eine Prinzessin, aber die Prinzessin ist immer IN ANOTHER CASTLE, und Mario, der tragische Held, nimmt harte Drogen, um mit seinem Vermissen zurechtzukommen, mit der Tatsache klarzukommen, dass, egal wie schnell er sprintet und egal wie weit oder hoch er springt, er immer zu spät dran sein wird, die Prinzessin ist schon wieder weg. Die Röhren, die in die Unterwelt führen, repräsentieren sein Unbewusstes, stehen für sein ES, seine dunklen Fantasien, wenn er sich zum Beispiel vorstellt, die Prinzessin an ihr Prinzessinnenbett zu fesseln, oder sich vorstellt, ihren Prinzessinnenhals ein wenig zu würgen. Wenn man, so wie ich, alle Teile Super Mario gespielt hat und miteinander vergleicht, wird eines klar: Der Protagonist ist hochgradig beziehungsunfähig. Er wird nie wieder wirklich lieben können, egal wie viele Extra-Leben er auch sammelt, die Prinzessin wartet nicht auf ihn, die Prinzessin ist nicht wählerisch, sie nimmt jeden dahergelaufenen Installateur, ja sogar seinen Bruder würde sie nehmen.
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