Meiner Mutter war schon ganz schlecht vor Neugierde, sie unterbrach rücksichtslos seine wunderbare Einleitung: »Jetzt sagst du mir sofort, was geschehen ist; hast du den Haupttreffer gemacht?«
»Aber geh, Karolin, was hab ich denn von einem Haupttreffer, was glaubst, wie lang sich das Geld bei mir halten möcht, und dann geht die ganze Gschicht von vorn an? Nein, viel mehr: denk dir, ich brauch nichts mehr zu arbeiten, nie mehr mein ganzes Leben lang; weißt, wo ich bin, Karolin? In der Versorgung! Mit fünfunddreißig Jahren, mit der Kraft, schau mich an«, und er reckte sich, daß alle Knochen krachten: »Ja a Glück muß man haben, bist starr, was, Karolin?«
Meine Mutter wurde ganz verwirrt durch seine Reden. »Ich hab keine Sorgen wegen dem Zins, ich hab mein Essen, kann den ganzen Tag machen, was ich will, brauch mir keine faden Reden wegen arbeiten anhören, ich bin ein Privatier ohne Angst um die Kapitalsanlage! Alles dem Bürgermeister sei Sorg; auch eine Idee, Bürgermeister werden, was der für Scherereien haben muß, nicht auszudenken! Wenn du mir beispielsweise jetzt fünf Gulden schenken würdest, Karolin, für kleinere vorherzusehende Nebenausgaben, wüßte ich faktisch nicht, was ich mir noch wünschen sollte.«
»Fünf Gulden sind viel Geld«, fühlte sich meine Mutter verpflichtet zu sagen, während sie schon ihr Portemonnaie suchte.
»Ja freilich, wenn man dafür arbeiten muß, schon, aber an und für sich sind fünf Gulden gar kein Geld für einen Kavalier! Du hast natürlich Sorgen mit dem Geschäft; wenn ich nur wüßte, wozu die Leute immer wieder Geschäfte aufmachen, nachher sagt ja doch jeder, es geht nicht. Aber wenn ihr nur alle arbeiten könnts.« Er sah meine Mutter mit einem so bedauernden und überlegenen Blick an, als hätte er jede Hoffnung aufgegeben, sie je in der Versorgung zu sehen.
»Ich arbeit für meine Kinder«, beeilte sich meine Mutter entschuldigend zu erwidern.
»Ah, da kann ich dir auch einen guten Rat geben, laß sie was lernen, du glaubst nicht, wie mir das hilft, daß ich Französisch und Klavier spielen kann; also das Französische brauch ich nicht, aber das Spielen! Abends im Gasthaus unterhalten wir uns großartig, ich spiel Klavier, sie zahlen mir den Wein, ich bin lustig, und die anderen denken an ihre Sorgen.« Er sah mich an: »Du, Lina, bist noch zu jung, aber glaub mir, man kann nie wissen, wozu man eines Tages die Bildung brauchen kann.«
Sein Ideal war: von der Schule direkt in die Versorgung, kein Vertrödeln der Zeit mit Wünschen, die gar nicht wünschenswert sind.
Meiner Mutter wurde es unheimlich, sie zog mich an sich und sagte ablenkend: »Willst du bei uns zu Mittag essen?«
»Nein, ich dank dir schön, aber ich muß jetzt gehen.« Bei der Tür wandte er sich noch einmal um, blinzelte mir lustig zu und sagte: »Weißt du, wo ich jetzt hingehe, Karolin, mit deine fünf Gulden? Zu ›Meißl und Schadn‹ auf ein Rindfleisch; privat ist es nie so saftig, wie ein gutes Rindfleisch sein muß.« Ehe meine Mutter ihren weitgeöffneten Mund nur halbwegs geschlossen hatte, hörten wir ihn schon auf der Stiege singen, den Mann, der nichts wollte als glücklich sein.
Als die Schwester meiner Großmutter nach Wien heiratete, war sie ein zartes, schmales Geschöpf und hatte kein wirtinnenähnliches Aussehen, obwohl sie ein Wirt als Ehegenossin erkoren hatte. Diese Ehe war dadurch bemerkenswert, weil in ihr der Mann der absolute Herr war.
Jeden Abend nach getaner Küchenarbeit setzte sich die Tante an den Stammtisch ihres Gatten und sah dem großstädtischen Treiben zu, das ihr neu und fremd war.
Wollte sie sich aber doch einmal an einem Gespräch beteiligen mit einem »Aber so was« oder »Aber gehn S’«, ermahnte sie der Onkel: »Sei still, wenn Männer reden«, und sie war sofort still, ohne beleidigt oder gekränkt zu sein –, das war doch sicher bemerkenswert.
Da sie vorzüglich kochte und reizend aussah mit ihren frischen ländlichen Gesichtsfarben von Weiß und Rosa, den hellblauen Augen, den strohgelben Haaren, erweckte diese Ehe allenthalben Aufsehen und Neid. Die ledigen wie die verheirateten Männer seufzten! Der Mann nahm die gehorsame Hingabe seiner jungen Frau mit einer Selbstverständlichkeit hin, die aufreizend wirkte.
Bemerkungen der Stammgäste, die darauf hinzielten, die junge Frau auf kleine Unvollkommenheiten ihres Mannes aufmerksam zu machen, blieben wirkungslos.
Sie blickte immer nur voll Stolz auf das Doppelkinn des Onkels, das vor Manneswürde zitterte. Niemand und nichts konnte ihren Glauben an das berechtigte Herrentum ihres Ehegemahls erschüttern.
Die leiseste Willensäußerung ihrerseits: »Du, ich hätte gern …«, wurde allerdings sofort durch ein drohendes »Wetti!« im Keim erstickt.
Ehemänner führten ihre Frauen in das Wirtshaus wegen des guten Beispiels. – Frauen verbaten ihren Männern den Besuch des Lokals wegen des schlechten Beispiels. Der ganze Bezirk wurde unruhig, etwas Fremdes und Ungewohntes war vom Lande her eingeschleppt worden.
Das ging so einige Jahre – die Tante näherte sich schon ein wenig dem Wirtinnenaussehen, und der Onkel wurde schon etwas »schwammig«, aber er fühlte sich immer als Herrenpilz –, da ereignete sich etwas Sonderbares.
Es war an einem Donnerstag (es gab Blut- und Leberwürste), als die Tante sich neben ihrem Gatten, die blendendweiße Schürze glattstreichend, artig wie gewöhnlich am Stammtisch niederließ.
An diesem denkwürdigen Abend hatte sich ein Telepath eingefunden, der eben stürmisch aufgefordert wurde, ein Experiment seiner unheimlichen Kunst vorzuführen.
Die blauen Augen der Wirtin blickten etwas verständnislos drein, aber sie wagte nicht ihren Mann zu fragen.
Als der Telepath nach längerem Zögern sich bereit erklärte und die Hand des Onkels ergriff, wurde die Tante ängstlich; unruhig blickte sie auf ihren Gatten, der ihr aber mit einer männlich überlegenen Gebärde weibliche Schwäche verwies.
Also der Telepath nahm die Hand des Onkels und legte sie so langsam und behutsam auf den Tisch (wie man Würste in die Pfanne legt), darauf legte er die kleine zierliche Hand der Tante – blickte den Onkel scharf an und sagte: »Sie können die Hand nicht unter der Hand Ihrer Frau hervorziehen.«
Der Onkel lachte zuerst überlegen, dann wurde er rot und bleich, aber er konnte trotz aller Anstrengung die Hand nicht bewegen; er lachte verlegen.
Die blauen Augen der Tante wurden immer größer und größer, alles war begeistert von dem gelungenen Experiment.
Der Telepath, selbst trunken von dem Erfolg, erklärte sich jetzt freiwillig bereit, das Experiment zu wiederholen – das hätte er nicht machen sollen!
Er legte jetzt die Hand der Tante unten und die Hand des Onkels darauf, blickte meine Tante scharf an und sagte: »Jetzt können S i e die Hand unter der Hand Ihres Mannes nicht mehr hervorziehen.«
Alles lachte und protestierte gegen das zu leichte Experiment – aber die Tante zog ruhig und überlegen ihre Hand hervor.
Das Experiment war zwar mißlungen, aber jetzt folgte Sensation auf Sensation.
Bei der Tante hatte sich eine sichtbare Änderung vollzogen, die Augen funkelten, die Haltung war straff und gebietend geworden.
So einfach geht das? dachte sie, und in einer Minute war alles vorbei.
Ihr schlafender Wille war plötzlich erwacht und stürzte sich heißhungrig auf den erstbesten Willen und fraß ihn mit Putz und Stingel.
Der Onkel ließ noch einmal sein drohendes »Wetti!« ertönen, aber vergeblich; die Tante sah ihn scharf an und sagte: »Sei still«, und der Onkel war still, und dabei blieb es.
Die Ehe ist aber trotzdem weiter eine gute und glückliche Ehe geblieben, es war nur alles umgekehrt.
Der ganze Bezirk atmete auf – der Ausgang erweckte allenthalben große Befriedigung.
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