Schnell hatten wir einige Grundlagen verstanden: Im Clownsspiel ist alles extrem, überzogen. Mit dem Herauswachsen aus dem Alter, in dem überschwängliche Emotionen völlig normal sind, beginnt der Mensch immer mehr abzuwägen und sich zurückzuhalten. Einer einzelnen Emotion Körper und Geist gänzlich zur Verfügung zu stellen, das übten wir mit Christiane als Clowns während der ganzen Zeit. Und siehe da: Nach dem Überwinden der ersten Hemmschwellen erlebten wir das Eintauchen in die extremen Situationen der Clownerie als überaus befreiend. Man hört auf, sich ständig Gedanken über das Warum zu machen, und Art und Weise des Ausdrucks verlieren irgendwann völlig an Bedeutung.
Unsere Übungen bestanden oft darin, uns in einen Charakter vollständig hineinzuversetzen, mal traurig, mal verliebt, belustigt oder aggressiv zu sein. Die besondere Herausforderung war es, diese Gefühle nicht nur innerlich zu spüren, sondern sie auch im Extremen hemmungslos und übersteigert auszuspielen. Hier schrien wir uns gegenseitig an, da schauten wir einander so lange in die Augen, bis die »Schmerzgrenze« weit überschritten war.
Es war faszinierend zu sehen, wie in diesem künstlich hervorgerufenen Extrem eigene Emotionen, Gedanken und auch Ängste offenbar wurden. Auch wenn man spielt – oder vielleicht gerade dann – wird einem klar, welche Momente mit einer besonderen Überwindung verbunden sind und wann eine große Menge an Vertrauen in die Beobachtenden und vor allem in sich selbst notwendig ist.
»Mir wurde bewusst, dass ich zu manchen Emotionen einen guten Zugang habe und sie leicht zum Ausdruck bringen kann. Andere dagegen ließen sich von mir nur schwer greifen. Deutlich wurde mir aber, dass alle emotionalen Regelungen in mirliegen, und dass es nur förderlich und befreiend sein kann, die ganze Bandbreite der Emotionen und ihre jeweilige Erscheinungsform zu entdecken und zu erforschen.«
Franziska Jauß
Wunderbarerweise kamen wir als Gruppe von Anfang an beim Vorspielen einzelner Szenen völlig ohne Scham und Häme aus. Diese Form des gegenseitigen Respekts, der sich zum Beispiel darin äußerte, wie Spielideen und Rollenverteilungen angenommen wurden und wie vorsichtig wir mit der Kritik untereinander umgingen, war ein großes Geschenk für uns als Gruppe.
In dieser ersten Etappe wurden die Ideen und Wünsche, die wir an die Schauspielzeit gestellt hatten, vollständig umgesetzt und erfüllt. Wir sind in sehr kurzer Zeit durch die Offenheit, die das Schauspiel erfordert, zu einer Gruppe zusammengewachsen, in der man auf den anderen Rücksicht nahm und sich tatsächlich schnell ziemlich gut kennengelernt hat.
»Nasologie
Als die Mitglieder des WSG Quintetts auf mich zukamen, um mich nach einem Clownskurs zu fragen, der der Gruppenbildung und der Einstimmung auf die gemeinsame Reise dienen sollte, da hatten sie schon allerbeste Clownsqualitäten bewiesen:
den Mut, ins Ungewisse aufzubrechen;
die Hartnäckigkeit, den auftretenden Schwierigkeiten mit Fantasie und schöpferischem Humor zu begegnen;
die Zielstrebigkeit, die schier nicht enden wollenden Planungsaufgaben zu verfolgen;
die Respektlosigkeit, sich nicht von »Rang und Namen« einschüchtern zu lassen;
die Freude daran, eigene Potenziale zu entdecken und die Lebenszeit zu nutzen.
Wenn ich Clownsspiel unterrichte, dann fange ich mit dem »basalen Menschen« an zu arbeiten. Dieser basale Mensch äußert seine Empfindungen direkt, körperlich, mimisch, lautlich, »einsilbig« (hier in der Bedeutung von »nicht wortreich«).
Die erste Regel stellt sofort sämtliche Gewohnheiten auf den Kopf: Der Clown sagt strahlend, laut und vernehmlich Ja zu sich selber, zum Da-Sein auf der Bühne und zu allem, was ihm begegnet. Dieses Ja schließt auch Spielvorschläge in Improvisationen mit ein.
Die Rolle, die ich einnehme, ist die eines Chef-Clowns, der laute, paradoxe und anarchische Anweisungen gibt und, Äußerungen imitierend, wie ein Spiegel funktioniert. Dabei setze ich mich genauso der Lächerlichkeit aus, wie jede/r Mitwirkende es im Laufe der Zeit tut. Ohne größere Vorträge gelingt es auf diese Weise, im gemeinsamen Spiel Prinzipien zu verdeutlichen und Prozesse voranzutreiben: Mit Einzelnen, um die individuellen Clowns-Charaktere zu entwickeln, in der Gruppe, um szenisch-musikalische Ergebnisse zu erzielen.
Ein kleiner Katalog von Übfeldern:
Einsatz der kleinsten Maske der Welt, der roten Nase;
zu führen und zu folgen;
impulsiv empathisch zu »spiegeln«, d.h. Gesehenes und Gehörtes unkommentiert zu wiederholen;
die Augen maximal zu öffnen, um das Staunen zu befördern;
große Emotionen nicht zu scheuen;
körperlich »auf Trab« zu kommen;
in starken Konfrontationen zu bestehen (»Ja!« versus »Nein!«);
Lächerlichkeit und Scheitern nicht zu fürchten;
selber nicht zu lachen;
»Niveau« (Lautstärke und Präsenz) zu halten;
keine Selbstzensur zu üben.
Im Verlauf von fünf Arbeitstagen entstand mit dem WSG-Ensemble ein kleiner Parcours von Straßentheater-tauglichen Mikro-Szenen, bei denen die instrumentalen, sängerischen und circensischen Fähigkeiten der Gruppe zum Einsatz kamen und welcher die chorische Rezitation von Bertolt Brechts Gedicht »So bildet sich der Mensch« beinhaltete.
Es war ein riesengroßes, ungewöhnliches Vergnügen, mit diesen jungen Menschen zu arbeiten! Sollten neue WSG-Ensembles Clowns-Betreuung suchen: Ich bin jederzeit bereit, wieder Ja! zu sagen.
Christiane Zanger
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