»Faszinierend für mich ist, wenn ich auf diesen Geburtsmoment zurückblicke, dass ich mir damals ein inneres ungläubiges Lächeln nicht verkneifen konnte, das ungefähr sagte: Schön und gut, genieß ein wenig diesen Rausch, aber eigentlich weißt du ja, das ist eine Nummer zu groß für dich und völlig verrückt …«
Marlene Schmeel
DIE SUCHE NACH TEILNEHMENDEN
Schnell waren die Zweifel beseitigt, ob wir prinzipiell weitere Interessierte finden könnten, die an der Umsetzung einer solchen Idee teilhaben wollten. Wir sprachen mit Freunden und Bekannten aus dem näheren Umfeld und hatten sehr schnell den Eindruck, dass diese Idee nicht nur Idee bleiben, sondern tatsächlich umgesetzt werden würde. Denn die Reaktionen derer, mit denen wir sprachen, waren durchweg positiv: Die Idee wurde für faszinierend und gut befunden, und viele unserer Gesprächspartner hatten unmittelbar Interesse, an dem Projekt teilzunehmen.
Für uns stand schon zu Beginn fest, dass wir in einer kleinen Gruppe unterwegs sein wollten. Einerseits, da es logistisch die sinnvolle oder realisierbarer erscheinende Variante war. Wir dachten das Projekt schon sehr früh als hoffentlich ein erstes von vielen, also als einen Versuch, der vielleicht erst einmal im Kleineren durchgeführt werden sollte. Viel wichtiger war aber vielleicht: Wir wollten in einer kleinen Gruppe lernen, in der jeder mitgenommen werden und in der ein wirklich fruchtbares Gespräch aufkommen kann. Wäre die Gruppe zu groß geworden, hätten wir da sicher Schwierigkeiten gehabt.
Der Prozess, in dem sich die Gruppe letzten Endes endgültig fand, war sehr lebendig. Über den E-Mail-Verteiler eines Jugendseminars stellten wir unsere Idee vor – und bekamen jede Menge Antworten. Viele waren begeistert von unserer Idee, konnten jedoch aufgrund von Verpflichtungen wie etwa einem Studium sich nicht vier Monate Zeit nehmen – diesen zeitlichen Rahmen hatten wir in diesem Stadium der Planung bereits grob vor Augen. Einige Interessierte kamen hinzu, manche sprangen wieder ab, da sie in der Zeit, in der wir unterwegs sein wollten, einen Studien- oder Praktikumsplatz zugesagt bekommen hatten.
»Andererseits lese ich aus dem Protokoll eines nur wenige Wochen später stattfindenden Organisationsgesprächs, in dem die Realität mit Finanzierung und Absagen potenzieller Teilnehmer über uns hereinbrach: ›Marlene S. und F. wollen dieses Projekt auf jeden Falldurchziehen, in letzter Konsequenz auch zu zweit.‹ «
Marlene Feger
Letzten Endes fand sich unsere Gruppe aus fünf Mitgliedern zusammen, und wir haben während der Zeit des Projekts immer wieder festgestellt, dass wir mit genau dieser Gruppe sehr glücklich waren, uns keinen weg- oder hinzudenken konnten. Wir lernten uns zu Beginn als gesamte Gruppe in einem Videotelefonat über die ganze Welt hinweg kennen, da wir uns zu dem Zeitpunkt auf verschiedenen Kontinenten aufhielten.
KONTAKTAUFNAHME MIT DEN DOZIERENDEN
Während sich die Teilnehmer fanden, lief parallel die Planungsund Vorbereitungsphase weiter. Es galt, Dozierende zu finden und zu kontaktieren. Wir überlegten gemeinsam, an welchen Themen wir in dieser Zeit würden arbeiten wollen und wer für diese Themen der richtige Dozierende sein könnte. War jemand in die »engere Auswahl« gekommen, stellten wir diesem unsere Idee vor und fragten, ob er sich vorstellen könnte, als Dozierender Teil des WSG zu werden, also Zeit, Erfahrungen und Wissen mit uns zu teilen – ohne dafür bezahlt zu werden.
Und so sah unser Anschreiben aus:
Ich möchte Ihnen im Folgenden unser Programm »Wander-Studium-Generale« vorstellen und hoffe, Sie bekommen Lust, daran teilzunehmen.
Wir sind eine Gruppe von 5 Jugendlichen, die Interesse am Weltgeschehen haben und die Zeit zwischen Abitur und Studium/Ausbildung für neue Erfahrungen und Begegnungen nutzen möchten. Da wir den Eindruck haben, dass man sich, sobald man ein Studienfach gefunden hat, doch sehr für eine bestimmte Richtung festlegt, wollten wir davor noch einmal unsere Fühler möglichst breitgefächert ausfahren und viele, viele Fragen stellen können. Nur welche? Und an wen? Zudem haben wir das Gefühl, uns zunächst ein persönlicheres Weltverständnis aneignen zu müssen, um in Zukunft sinnstiftend für und mit anderen Menschen sein zu können. Mit dem Abschluss des Abiturs fühlen wir uns nicht gewachsen, den großen Fragen unserer Zeit mündig gegenübertreten zu können.
Deshalb die Idee des Wander-Studium-Generale: 5 fragende Jugendliche in einem VW-Bus, die damit durch Europa reisen und Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte begegnen, die vielleicht einige Fragen beantworten können und zu ganz vielen neuen Fragen anregen.
Wir stellen uns vor, dass eine Begegnung 10 – 14 Tage dauert, mit täglich ca. zweistündigen Einheiten zu Ihrem Thema. Dieser Rahmen ist selbstverständlich nicht zwingend und von Ihren ganz persönlichen Vorstellungen einer gemeinsamen Arbeit abhängig. Während der verbleibenden Zeit wollen wir durch Straßenmusik etwas Geld verdienen, um unseren Kühlschrank und Tank zu füllen, Kunst machen, selbsterarbeitete Themen besprechen und vor allem neben Ihnen vielen Menschen die Frage stellen, was Europa für sie bedeutet.
Hier einige Daten:
Starten möchten wir unsere Reise von Tübingen aus Anfang April 2018 und werden voraussichtlich 3 – 4 Monate unterwegs sein. Deshalb die Frage an Sie: Haben Sie Zeit und Lust, sich in diesem Zeitraum mit uns zu treffen und einer unserer Antwortengeber und Fragenanreger zu sein? Wir müssen Ihnen aber sagen, dass wir Sie nicht mit Geld entlohnen können, jedoch für Garten-, Haus- und sonstige Arbeit offen und zu haben sind.
Um einen Schlafplatz kümmern wir uns selbst, falls Ihnen aber eine geeignete Stelle bekannt ist, wären wir froh über Ihre Anregung dazu.
Wenn unsere Reise erfolgreich wird, würden wir dieses Projekt gern größer denken und andere Jugendliche dazu ermutigen, sich auch auf den Weg zu machen. Deshalb: Selbst wenn Sie für uns keine Zeit finden, aber an unserem Projekt interessiert sind, melden Sie sich bitte bei uns zurück, dann können wir Sie als Kontakt für künftige Gruppen vormerken.
Anfangs war es eine gewisse Hürde, diese Anfrage mit derart vielen »Forderungen« zu stellen. Wir schrieben ja ins Ungewisse hinein und wussten nicht, wie die Reaktionen ausfallen würden – im schlimmsten Fall würde unser Vorhaben als unrealistisch belächelt oder die Anfrage gar als dreist wahrgenommen werden.
Doch nichts dergleichen! Die ersten Reaktionen kamen schnell und waren beflügelnd: Die Idee wurde befürwortet, und in kürzester Zeit hatten wir unsere ersten Dozenten gefunden. Die vermeintliche »Hürde« war überwunden, immer leichter fiel es uns, immer mehr wurden wir darin bestärkt, das Projekt nicht als in der Ferne liegenden, mehr oder weniger wahrscheinlich real werdenden Traum, sondern als reale Zukunft zu sehen.
Gleichzeitig erlebten wir, dass mit jedem weiteren Schritt in Richtung Konkretisierung auch neue Fragen auftauchten.
Um in ein Thema tiefgreifender Einblick erhalten zu können, wollten wir mit den Dozenten häufiger als nur einmal arbeiten. Wir stellten uns Seminare mit einer Länge zwischen ein paar Tagen bis zu zwei Wochen vor, je nachdem, wie viel Zeit die jeweiligen Kursleiter aufbringen könnten. Und diese Idee ging erstaunlich gut auf: Jeder Dozent bot uns so viel seiner Zeit an, wie es ihm möglich war, wofür wir tief dankbar sind.
Sie boten Zeitfenster und Termine an, in denen wir uns treffen könnten, und wir stellten aus diesen unterschiedlichen Angeboten einen Zeitplan zusammen, der vier Monate intensiv ausfüllte. In diesen Zeitplan wollten wir eine einwöchige Pause einbauen, in der sich jeder von uns für eine Weile aus dem engen, intensiven und natürlich auch manchmal anstrengenden Leben im Lernen und in der Gruppe zurückziehen könnte. Diese Pause konnten wir ziemlich genau zur Halbzeit des Projekts im Zeitplan verankern. Es ist ein Wunder, wie gut sich der zeitliche Ablauf bei all den unterschiedlichen Teilnehmern, Dozenten, Unterbringungen und Orten unserer Reise letzten Endes gefügt hat.
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