012 Anna Niederkircher, Wirtin des Gasthofs Zur Krone , Oberperfuss, Mai 1945.
013 Gasthaus Zur Krone , Oberperfuss, Mai 1945.
SS-Obersturmführer Prautzsch übernahm den Suchtrupp, während Güttner mit drei Gestapomännern zu Mayers Bewachung am Kraxnerhof blieb. Im Juni 1945 beschrieb Güttner die gespaltene Aufnahme auf dem Hof: »Mayer ließ sich von der Bäuerin verpflegen, während wir selbst ohne Nahrung blieben.« Unterdessen führte Maria Hörtnagl Prautzsch und seine Gefolgsleute auf die steilen Hänge des Rangger Köpfls und dort ziellos umher. Die Suche verlief bis zum Einbruch der Dunkelheit ohne Ergebnis. Fünf Stunden später kam der Trupp erschöpft und durchnässt zum Kraxnerhof zurück. Nach einer neuerlichen Einvernahme Hörtnagls, die glaubhaft versicherte, am Vortag einem Mann den Weg in die Berge gezeigt zu haben, entschieden Prautzsch und Güttner, die Suche vorerst abzubrechen. Sie führten Fred Mayer ab und brachten ihn in das Gestapogefängnis zurück. Die beiden Beamten waren seit vier Tagen fast durchgängig im Dienst, hatten Verhaftungen und ›verschärfte‹ Vernehmungen durchgeführt, um eine bisher unbekannt gebliebene Widerstandsorganisation rund um eine amerikanische Agentengruppe aufzudecken. An diesem Abend waren sie am Ende ihrer Kräfte angelangt.
Bald nachdem der Gefangenenwagen abgefahren war, läutete in Oberperfuss die Kirchenglocke zu ungewohnter Stunde und länger als üblich. Anna Niederkircher hatte den Dorfpfarrer um eine Messe ersucht, um für Fred Mayer, Hans Wijnberg und Franz Weber zu beten.
Margarethe Kelderer machte sich nach der Alarmierung ihrer Schwester Luise zu Fuß auf den Weg Richtung Bayern. Aus BBC-Sendungen wusste sie, dass die alliierten Truppen nicht mehr weit von München entfernt waren. Sie fand in einem Kloster im Münchner Stadtteil Pasing Zuflucht. Die Nonnen überließen ihr eine Zelle im Keller des Gebäudes. An einem der letzten Tage, wahrscheinlich am 27. April, beobachtete sie durch eine Kellerluke, wie SS-Männer völlig abgemagerte KZ-Häftlinge in den Garten des Klosters trieben. Ein SS-Mann schlug einen von ihnen mit einem Gewehrkolben nieder, als dieser versuchte, Wasser aus einem Bach am Rand des Gartens zu trinken. Sie sah den Todesmarsch von Häftlingen aus dem KZ Dachau in die angebliche ›Alpenfestung‹ in Tirol.
Fred Mayer sagte über die Frauen von Oberperfuss: »Die Einzigen, denen man wirklich trauen konnte, waren die Frauen, die waren stur wie Eisen.« 39
Als Hans Wijnberg am 26. Februar 1945 knapp nach Mitternacht in den Stubaier Alpen aus dem Flugzeug sprang, stand er bereits seit mehr als einem Jahr im Dienst des Office of Strategic Services. Der junge Amsterdamer Jude passte ausgezeichnet in das Anforderungsprofil des OSS, als er Anfang Dezember 1943 von einem Talentesucher zu einem Interview geladen wurde. Mit seiner Herkunft, der hohen Motivation, seinen Sprachkenntnissen, seiner engagierten Persönlichkeit und seinem Scharfsinn stach er aus der Masse der frisch ausgebildeten Soldaten im Camp Fannin in Texas heraus. »Wollen Sie Ihr Land befreien?«, fragte ihn der Offizier. 40Gemeint waren die Niederlande. Ja, lautete die Antwort, aber das Land, dem Wijnberg zugehörte, waren bereits die USA – einige Tage zuvor hatte er im Camp die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. 41Wijnberg dachte wohl weniger an sein Land als an die Menschen, von denen er seit fast zwei Jahren nichts mehr gehört hatte, nachdem er im Mai 1939 noch als Minderjähriger zusammen mit seinem Zwillingsbruder Loek über Rotterdam in die USA emigriert war und die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzt hatten. Er konnte nur hoffen, dass seine Familienangehörigen noch lebten.
014 Die Familie Wijnberg, Overveen, 17. Mai 1939.
Bereits im Mai 1938, zwei Monate nach Österreichs ›Anschluss‹ an Deutschland, hatten die Niederlande ein Einreiseverbot für jüdische Flüchtlinge erlassen und sie zu »unerwünschten Elementen« erklärt. 42Nach den Pogromen der Nationalsozialisten im November 1938 wurden die Restriktionen zwar etwas gelockert, unbeschränkte Zufluchtsorte für Juden aus Deutschland oder Österreich waren aber nirgends in Sicht. Die Situation für Flüchtlinge in den Zufluchtsländern wurde zudem immer schlechter. Die niederländische Regierung erklärte im Land befindliche Juden aus Deutschland zu illegalen Ausländern, also zu Rechtlosen. Der Druck auszureisen stieg, aber weder die USA noch Frankreich oder Großbritannien erklärten sich zur Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen aus Deutschland bereit. Dieses Dilemma hatte sich schon im Juli 1938 abgezeichnet, als in der französischen Stadt Évian 32 Staaten keine Einigung über die Aufnahme von Flüchtlingen zustande brachten. Kein Staat wollte sich die Beziehungen zu Deutschland verderben. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel und Hitler damit den Zweiten Weltkrieg auslöste, war es für die meisten noch in Europa verbliebenen Juden zu spät. Hans’ und Loeks Eltern Leonard und Henriëtte hatten nicht mehr das Glück, den Deutschen zu entkommen. Der ursprüngliche Plan war gewesen, so bald wie möglich nachzukommen – das geht aus den Einreisepapieren für Hans und Loek aus dem Jahr 1939 hervor: Beide Visa hatte ihr Vater Leonard mit der Absicht einer dauerhaften Einwanderung und der Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft beantragt. Die Ausreise der Eltern hakte an zwei Hindernissen. Das erste war finanziell: Sie hatten nach der Überweisung des Unterhalts für die Zwillinge in den USA nicht mehr genug Geld für die eigene Ausreise. Das zweite hatte mit Verantwortungsbewusstsein zu tun: Leonard, der schon früh die Amsterdamer Simson-Fabrik seines Vaters übernehmen musste, die einen Spezialleim und Flickzeug für Fahrradschläuche herstellte, fühlte sich gegenüber den zwanzig Arbeitern des Unternehmens verpflichtet. Er konnte nicht einfach die Fabrik schließen oder verkaufen und sie ihrem Schicksal überlassen – so erklärte es Hans Wijnberg später seiner in den USA geborenen Tochter Audrey.
Aus heutiger Sicht erscheint die Entscheidung der Eltern, ihre minderjährigen Söhne alleine in die USA zu schicken, vorausschauend, weise und mutig. Damals war sie jedenfalls ungewöhnlich, auch in der engeren familiären Umgebung. Die meisten Niederländer fühlten sich sicher, und als eben solche Niederländer empfanden sich auch die meisten Juden, die in den Niederlanden lebten. »Leo ist verrückt, dass er zwei Kinder allein nach Amerika schickt, wo die Indianer und die Cowboys sind und es viele Schwierigkeiten gibt«, hieß es in der Verwandtschaft, wie Hans Wijnberg sich später erinnerte. Noch im April 1940, als die meisten Fluchtrouten für Juden aus Zentral- und Osteuropa geschlossen waren und die Invasion der Wehrmacht in den Niederlanden nur einen Monat bevorstand, seien Bekannte der Familie sorglos von einem USA-Besuch in die Niederlande zurückgekehrt. »Warum fahrt ihr zurück?«, fragte Hans sie am Kai in New York. Sie aber waren vollkommen überzeugt, dass die Deutschen nicht einmarschieren würden, da sich die Niederlande wie im Ersten Weltkrieg neutral verhalten und verschont bleiben oder, wenn sie sich doch verteidigen müssten, die Deutschen besiegen würden. Dieses Vertrauen in die innere Stabilität und den Status der Neutralität spiegelt sich in der amerikanischen Einwanderungsstatistik wider. Gegenüber den 1920er-Jahren war die Auswanderung aus den Niederlanden in die USA und nach Kanada deutlich zurückgegangen, mit einem Tiefstand von nur 79 Personen im Jahr 1932. 1938 waren es 213 Personen. Erst 1939 stieg die Zahl vergleichsweise stark auf knapp 700 an. 43
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