Von einem frühen Gespräch mit Fred Mayer behielt er, dass dieser ein starkes Bedürfnis nach Rache hatte für alles, was den Juden in Deutschland angetan worden war. Egal was, er wolle etwas tun. Loewenstein erwiderte ihm, dass er sich bei ihm daran gewöhnen müsse, nicht gesagt zu bekommen, was er zu tun habe. Aber wenn er sein Leben einsetzen wolle und so intensiv davon erfüllt sei, solle er sich darüber klar werden, was genau er tun wolle. Mayer kam mit einem Plan, den er mit seinen Freunden besprochen hatte. Sie wollten mit Waffen über dem Konzentrationslager Dachau abgeworfen werden, Gewehre und Pistolen an die Häftlinge verteilen und mit ihnen einen Aufstand im Lager beginnen.
Loewenstein hielt nichts von diesem Plan. Das Vorhaben erschien ihm als eine sinnlose Aufopferung, die außer zum Tod zu nichts führen würde. Er könne eine solche Aktion nicht unterstützen, erklärte er den jüdischen Agenten. Fred Mayer habe ihn entgeistertert angesehen und sich wohl gedacht, alles Idioten beim OSS, erinnerte sich Loewenstein.
Joseph Persico hat Fred Mayer zehn Monate später, im Juli 1977, leider nicht gefragt, wie sein Vorschlag, im KZ Dachau einen Aufstand auszulösen, entstanden war. Möglicherweise hatte Mayer die wenigen Berichte wahrgenommen, die über den ohne Hilfe von außen sehr schnell hoffnungslos gebliebenen Aufstand der Juden im Ghetto von Warschau im April 1943 in die Welt gedrungen waren. Seit der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski 1942 Informationen aus Polen über die systematische Verfolgung und Ermordung von Juden in den Westen gebracht hatte, wusste man davon: Nicht das ganze Ausmaß der Todesfabriken, aber dass in den Ghettos Menschen massenhaft verhungerten und an Krankheiten starben, dass in Konzentrationslagern systematisch gemordet wurde, war bekannt.
Die Alliierten verurteilten im Dezember 1942 in einer öffentlichen Erklärung die »bestialische Politik der kaltblütigen Ermordung der Juden« und erklärten, dass diese Ereignisse die Entschlossenheit aller freiheitsliebenden Völker noch verstärken würden, die barbarische Hitler-Tyrannei zu überwinden. 155Darüber hatten alle westlichen Medien berichtet. Doch dann war wieder wenig von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören und zu lesen. Im Juni 1944 berichtete die BBC über die Ermordung von Juden durch Gas im Konzentrationslager Auschwitz, im Juli 1944 verwarfen die britische und die amerikanische Regierung das Ersuchen jüdischer Organisationen, die Eisenbahnlinie von Ungarn nach Auschwitz zu bombardieren. Der Leiter der Rettungsabteilung des Jüdischen Weltkongresses, Leon Kubowitzki, schlug dem Leiter des amerikanischen War Refugee Board und stellvertretenden Finanzminister der Roosevelt-Regierung, John Pehle, vor, die Todesanlagen durch sowjetische Fallschirmjäger oder polnische Untergrundeinheiten zerstören zu lassen – was vom Kriegsministerium abgelehnt wurde. 156Allein war Fred Mayer mit seinen Gedanken also nicht, und vielleicht beunruhigte ihn gerade das Fehlen jeglicher Berichte über ein militärisches Vorgehen der Alliierten gegen die Konzentrationslager so sehr, dass er sich selbst dafür zur Verfügung stellen wollte.
Doch Dyno Loewensteins Antwort spiegelte die damals auch unter Funktionären jüdischer Organisationen in den USA und Großbritannien vorherrschende Ansicht wider, die bereits in der Erklärung der Alliierten enthalten war: An erster Stelle standen nicht Überlegungen, wie der Massenmord sofort behindert oder gestoppt werden könnte. Oberste Priorität hatte das Ziel, NS-Deutschland militärisch zu besiegen. Dafür waren die begrenzten Ressourcen möglichst effektiv einzusetzen. Das OSS unternahm keine einzige Studie zur deutschen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden. 157Fred Mayer hingegen dürfte nichts so absurd erschienen sein wie die Vorstellung, nicht augenblicklich etwas gegen die Konzentrationslager zu unternehmen.
Als Joseph Persico 1976 mit Dyno Loewenstein über Mayers Dachau-Plan sprach, erschien ihm der Vorschlag absurd, das legt ein ungläubiges Lachen nahe, das im Gespräch zu hören ist. Damals stand die Erinnerung an den Holocaust noch nicht im Zentrum der amerikanischen Öffentlichkeit, wenn es um den Zweiten Weltkrieg ging. Die Wahrnehmung des Judenmords als des zentralen negativen Ereignisses der Kriegsjahre entstand erst, als die Vernichtung der europäischen Juden mit der Fernsehserie Holocaust 1978 zum Medienereignis wurde. 158Fragen nach dem Wissen der Alliierten über die Vernichtungspolitik des NS-Regimes und dem Verhalten der Alliierten wurden erst jetzt von Historikern bearbeitet und breiter diskutiert – Fragen nach dem Ausbleiben von Bombardierungen oder anderen Maßnahmen gegen das KZ-System der Nationalsozialisten erschienen nun keineswegs mehr absurd, sondern berechtigt und hochmoralisch. Die Antworten, die Historiker in den Archiven fanden, lösten Scham aus: Die Alliierten hatten trotz immer klarer werdender Informationen über den Massenmord an den Juden in den Jahren 1943 und 1944 keine gezielten Anstrengungen unternommen, die Gleise nach Auschwitz zu zerstören oder andere Maßnahmen gegen das KZ-System zu ergreifen.
In der Perspektive der militärischen Geheimdienste spielten Rettungs- und Hilfsaktionen für Verfolgte so gut wie keine Rolle. Ihre Aufgabe war es, durch das Sammeln von militärisch nützlichen Nachrichten und die Unterstützung von Widerstand einen Beitrag zum militärischen Sieg zu leisten. Was Widerstand ausmachte, war relativ klar definiert und in der Bedeutung hierarchisch geordnet. An der Spitze stand der bewaffnete militärische Kampf organisierter Partisanen und die gezielte Sabotage militärisch relevanter Infrastruktur, dann kam die konkrete Unterstützung dafür etwa durch die Weitergabe lohnender Bombardierungsziele, die Kooperation mit den Alliierten. Auf der untersten Stufe stand oppositionelles Verhalten im Sinn von passivem Widerstand, unauffälliger und alltagsbezogener Sabotage, dem Verbreiten regimekritischer Nachrichten und Gerüchten oder dem Abhören alliierter Radiosender. Zivile und humanitäre Formen des Widerstands, etwa das Verstecken von Juden und Jüdinnen und Hilfe für KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter, spielten in dieser Perspektive eine geringe Rolle. Rettungs- und Hilfsaktionen westlicher Geheimdienste blieben eine seltene Ausnahme. Die SOE führte mit der Jewish Agency, der Interessenvertretung der Juden in Palästina, einige Einsätze in Osteuropa durch. Das OSS lehnte entsprechende Anfragen jedoch ab. 159Der einzige Maßstab des Handelns blieben der Nutzen für die alliierte Kriegsführung und die Loyalität dazu. Je eher die Alliierten siegten, desto eher war das Grauen in den Konzentrationslagern zu Ende. Diese Prioritäten machte Dyno Loewenstein Fred Mayer irgendwann im September 1944 mit wenigen Sätzen klar. Mayer blieb nicht viel anderes übrig, als es zu akzeptieren.
036 Karte mit den Eisenbahnlinien, die das ns-Regime für die Deportationen nach Auschwitz nutzte (nach: Martin Gilbert : Atlas of the Holocaust, Jerusalem 1982).
Zu überlegen war nun, auf welche Weise kleine Einsatzgruppen einen möglichst effektiven Beitrag zu einem raschen Sieg über Deutschland leisten konnten. Der Aktionsradius wurde auf Österreich und Süddeutschland eingeschränkt – Einsätze weiter nördlich wurden von der OSS-Zentrale in London und in Bern geplant. Dann wurden Teams gebildet: Hans Wijnberg und Fred Mayer, bereits eng befreundet, verständigten sich darauf, gemeinsam in Aktion zu gehen. Wijnberg war ein exzellenter Funker, damit waren die Aufgaben festgelegt. Mayer würde das Team führen, Wijnberg die Kommunikation übernehmen.
In Loewensteins Augen ergänzten sich die beiden gut. Wijnberg erschien ihm als ein mitfühlender Charakter, der auf den ersten Blick sogar kindlich wirkte. Er war sicher bereit, notfalls zu töten, würde es aber vorziehen, möglichst wenig Gewalt anzuwenden – ein Ausgleich zu Mayers stürmischem, furchtlosem und grenzüberschreitendem Wesen, das er auch in Bari an den Tag legte. Er schnappte sich von der Militärpolizei einen Jeep, organisierte irgendwo einen Generator, um die Villa Suppa mit Strom auszustatten, und brachte einen Filmprojektor zuwege, um sich nach den Besprechungen mit Dyno Loewenstein und den Trainingseinheiten ein wenig Unterhaltung zu verschaffen.
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