Als Begus in Jugoslawien für ähnliche Aufgaben gebraucht wurde, schickte er Niederwanger der Gestapostelle in Salzburg, wo er selbst bereits Dienst versehen hatte. Dort setzten die Gestapo und die NS-Justiz Niederwanger zur Vorbereitung von Prozessen gegen die Monarchisten in Tirol und Paris ein. »Ich rettete sein Leben, und im Gegenzug begann er für mich zu arbeiten«, erklärte Otto Begus im Juli 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft seinem Zellengenossen Constantin Canaris, einem SS-Standartenführer und leitenden Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts, sein Verhältnis zu Niederwanger. Begus und Canaris saßen in einem Speziallager in der Cinecittà in Rom, wo ihre vermeintlich vertraulichen Gespräche vom britischen Nachrichtendienst abgehört wurden. 148
Mara und Dyno Loewenstein entgingen einer derart schwierigen Situation, in die Karl Niederwanger geraten war. Sie befanden sich auf einer kurzen, von Gewerkschaften zusammengestellten Liste von Deutschen, für die Präsident Roosevelt ausnahmsweise noch Besuchervisa unterzeichnete, obwohl die Einreisequoten ausgeschöpft waren. Am 25. März 1941 verließen die beiden den Hafen von Marseille auf dem Frachtschiff Capitaine Paul-Lemerle mit Kurs auf die Karibikinsel Martinique. Ein Foto zeigt Dyno Loewenstein an Deck mit anderen deutschen Sozialdemokraten, Emil und Katrin Kirschmann, Peter Grossmann und dem Maler Karl Heidenreich. Im Juni 1941 schließlich, nach mehr als einem Jahr auf der Flucht, erreichten die Loewensteins New York. Dyno Loewenstein fand schnell Beschäftigung als Statistiker, zunächst in einem Gesundheitsamt, dann als Entwickler und Analyst psychologischer Fragebögen.
034 Flüchtlingstransport des Emergency Rescue Committee im März 1941 mit dem Frachtschiff Capitaine Paul-Lemerle von Marseille nach Martinique. V. l.: Ernst Rossmann, Karl Heidenreich, Dyno Loewenstein, Katrin und Emil Kirschmann, Peter Grossmann.
Durch die Arbeit für das ERC und sein politisches und gewerkschaftliches Engagement in Europa lernte Loewenstein schnell Menschen kennen, die ihm den Weg in die amerikanische Gesellschaft, zu den Gewerkschaften und zum OSS ebneten. Die amerikanischen Gewerkschaften halfen den europäischen Genossinnen und Genossen mit speziellen Kursen dabei, in New York Fuß zu fassen. Als enge Freunde gab Loewenstein im OSS-Bewerbungsformular die Schauspielerin und Fluchthelferin Mary Jane Gold an sowie die Gewerkschafterin Lilian Herstein, deren Schüler Arthur Goldberg die Gewerkschaftsabteilung des OSS leitete. Goldberg selbst lernte er ebenfalls bei einer Gewerkschaftsveranstaltung kennen. Er befreundet sich mit dem deutschen Gewerkschaftsjuristen und Politikwissenschaftler Franz Neumann, der in der Forschungsabteilung des OSS die große Analyse des nationalsozialistischen Unstaats, Behemoth , verfasste. David Seiferheld, der die Geldmittel für das ERC organisierte und einer der engsten Berater von OSS-Chef Donovan wurde, sollte Loewenstein dann zum OSS holen. Das ist der soziale Hintergrund, der es Loewenstein ermöglichte, seine Ernsthaftigkeit gegen den Nationalsozialismus zu richten.
Das Handwerk der geheimen Nachrichtensammlung und -analyse lernte Loewenstein nach seinem Eintritt in die Armee im November 1942. Eine Rekrutierung zum OSS lehnte er zunächst ab, weil er zuvor eine militärische Grundausbildung hätte absolvieren müssen. Stattdessen wurde er in das Camp Ritchie aufgenommen, ein geheimes Ausbildungszentrum in den Bergen Marylands, das der Historiker Florian Traussnig treffend als einen »Tummelplatz der exileuropäischen Intelligenz« bezeichnete, die hier zu nachrichtendienstlichen Schlüsselkräften für den Kampf gegen die Wehrmacht ausgebildet wurden. 149Diese Schulung umfasste nicht nur ein akribisches Studium des vorhandenen Wissens über die Struktur, Gliederung, Ausrüstung und die Monturen der deutschen Streitkräfte und eine Lehre der Methoden, dieses Wissen zu überprüfen, zu erweitern und zu vertiefen, sondern auch eine Ausbildung mit dem Ziel, Kriegsgefangene der Wehrmacht effizient zu befragen. Gleich nach entschlüsselten Feindnachrichten waren diese Verhöre die wertvollste Quelle der Informationsgewinnung. Aufgrund der Sprachkenntnisse waren Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich für diesen Job äußerst gefragt, sie machten etwa 13 Prozent der insgesamt 20.000 ›Ritchie Boys‹ aus. 150Sie erlernten ein großes Arsenal an psychologischen Strategien, um Kriegsgefangenen gezielt Informationen zu entlocken, sei es taktisches Wissen von unmittelbarem militärischem Nutzen an der Front, seien es wichtige Hinweise, die bei der Vorbereitung von Spezialeinsätzen hinter den feindlichen Linien hilfreich sein konnten, sei es, um NS-Gegner unter den Gefangenen zu identifizieren, die bereit wären, die Seiten zu wechseln. Letzteres wurde in Bari zu einer wichtigen Aufgabe Loewensteins. In seinem Personalakt ist eine Beschreibung persönlicher Eigenschaften enthalten, die ihn zu einem idealen Kandidaten für die operativen Aufgaben der Gewerkschaftsabteilung beim OSS machten: analytisches Denken, scharfer Verstand, absolute Verlässlichkeit und Verschwiegenheit, kombiniert mit einem ausgesprochen aktivistischen Naturell. Seiferheld eiste Loewenstein aus Camp Ritchie heraus. Auf Mitarbeiter wie ihn konnte das OSS nicht verzichten. 750 Männer hatte die Gewerkschaftsabteilung bis Jänner 1944 für Aufnahmeinterviews ausgewählt, aber nur 55 genommen – 130 Agenten für Einsätze in Europa waren das Ziel. 151
Als Loewenstein in Bari ankam, erfuhr er, dass die acht oder neun Agenten, die er auf Einsätze vorbereiten sollte, noch in Algier warteten und ihr Kommandant Schwierigkeiten mit ihnen hatte. Er flog hin, sammelte sie ein und transferierte sie nach Bari, wo er für sie am Stadtrand die Villa Suppa mietete, ein größeres Landhaus in einem umzäunten Park. Die Gruppe bestand aus einigen Jugoslawen, Deutschen und Österreichern. Zu seiner Überraschung war ein Mann dabei, den er aus Frankreich kannte: Walter Haass, Sohn des deutschen Gewerkschafters und Antifaschisten Nikolas Haass. Walter und Nikolas Haass hatten ebenfalls mithilfe des ERC New York erreicht. Walter Haass war 23 Jahre alt und hatte bei seiner Einberufung zur Armee angegeben, bevorzugt gegen Deutsche kämpfen zu wollen. 152Er war nicht als Jude verfolgt worden, hatte aber mehr als eine Rechnung mit den Nazis offen. Seine Mutter war außerdem auf der Flucht in Belgien zurückgeblieben. Walter Haass wurde Loewensteins rechte Hand. Er trainierte die Agenten an den Morsefunkgeräten und wurde ›Dispatcher‹ – er begleitete sie im Flugzeug zu ihrem Zielort und beförderte sie durch das Absprungloch in die Tiefe: Go! Da die Flugzeuge massiv von der deutschen Flak beschossen wurden, ging er ebenfalls ein hohes Risiko ein – im April 1945 wurde sein Flugzeug über Österreich getroffen, doch er überlebte seine Fallschirmlandung und die Kriegsgefangenschaft, fiel also keinem der Lynchmorde an notgelandeten alliierten Flugzeugbesatzungen zum Opfer, die auch in den Donau- und Alpengauen häufig vorkamen. 153
035 Der deutsche Flüchtling Walter Haass bereitete die OSS-Agenten auf ihre Fallschirm-Absprünge vor.
Dyno Loewenstein ging ganz unmilitärisch an die Planung der Einsätze heran. Seine Beziehung zu den meist jüngeren Agenten erinnert an die sozialistische Reformpädagogik seines Vaters. Joseph Persico erklärte er seinen Ansatz so: »Ich dachte, wenn es mein Job war, diese Männer zu trainieren, hatte ich als Erstes herauszufinden, wie sie ticken. Waren sie geeignet oder nicht geeignet für den Job? Was hatten sie selbst für Vorstellungen? […] Die vorherrschende Tendenz war ja die militärische Denkweise. Der Kommandant sagt dem Mann, was zu tun ist, und er führt es aus. Mein Gefühl war, mit einer Gruppe von hauptsächlich politisch motivierten Menschen kannst du das nicht machen.« 154Loewenstein drehte die Sache um, er animierte seine Leute dazu, sich selbst Gedanken zu machen, die Situationen, in die sie sich begeben würden, auf dem Papier zu entwerfen.
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